Kiew hat einige große Fuß­baller her­vor­ge­bracht. Serhij Rebrow, Star der neun­ziger Jahre, natür­lich. Oder Tor­hüter Olex­andr Schow­kow­skyj und Stürmer-Legende Oleh Blochin. Der größte ist aller­dings Andrij Schewt­schenko. Zwi­schen 1986 und 1999 spielte er für Dynamo Kiew, danach wech­selte zum AC Mai­land. Er wurde zweimal Tor­schüt­zen­könig der Serie A, gewann die ita­lie­ni­sche Meis­ter­schaft, den Pokal und die Cham­pions League. Er war Lieb­ling der Fans und von Prä­si­dent Silvio Ber­lus­coni. 2006 ging er für 46 Mil­lionen Euro zum FC Chelsea, drei Jahre später kehrte er zu Dynamo zurück. Mit 35 Jahren wollte er seine Kar­riere beenden. Nach der EM im eigenen Land.

Schewa? Ja, war mal gut“
 
Als ich drei Monate vor Tur­nier­be­ginn durch die Ukraine reiste, hielt sich die Euphorie über Ukraines heim­ge­kehrten Sohn aller­dings in Grenzen. Wird Schewt­schenko ein gutes Tur­nier spielen?“, fragte ich, und die Men­schen schauten skep­tisch. Schewa? Ja, war mal gut“, sagte ein Jour­na­list, den ich Charkiw traf und der mir lieber das Olig­ar­chentum der hei­mi­schen Fuß­ball­liga erklären wollte. Eine Legende?“, fragte ein anderer, bei dem ich in Kiew über­nach­tete. Rebrow ist eine Legende! Schewa ist ein Golf­spieler!“
 
Einmal gingen wir im feinen Teil des Kiewer Stadt­teils Obolon spa­zieren, da zeigte mein Gast­wirt auf ein Anwesen, das einem Sohn von Wiktor Janu­ko­wytsch gehört. Daneben sahen wir den edelsten Golf­platz der Stadt. Wenn Schewt­schenko nicht in London ist, hängt er dort ab!“ Oder er spielt Fuß­ball? Nun, da hat er mal Knie­pro­bleme, dann wieder Rücken­schmerzen.“ Manchmal war er sogar gesund und fuhr trotzdem nicht mit der Mann­schaft auf Aus­wärts­reisen, vor allem wenn sie zu beschwer­lich waren. Als Dynamo einmal in Pol­tawa gegen Wor­skla spielte, sagte Schewt­schenko ab, denn er wollte an der Golf-Lan­des­meis­ter­schaft teil­nehmen. Die Mann­schaft gewann, Schewt­schenko wurde beim Tur­nier Zweiter. Ich brauche diese Ent­span­nung zwi­schen Meis­ter­schafts­spielen“, sagte der Stürmer.
 
Die Sta­tistik seiner letzten Saison liest sich wie das Pro­to­koll eines Hob­by­ki­ckers. Schewt­schenko machte 16 Spiele, er wurde vier Mal ein- und sechs Mal aus­ge­wech­selt. Beim ent­schei­denden Meis­ter­schafts­spiel gegen Schachtar Donezk saß er über 70 Minuten auf der Bank. In der Presse häuften sich die Berichte über Poker-Nächte in ver­ruchten Eta­blis­se­ments und Reisen ins Aus­land. Seine Frau, ein US-ame­ri­ka­ni­sches Foto­mo­dell, mag Kiew nicht son­der­lich.

Noch wenige Tage vor EM-Start fragte eine Kiewer Zei­tung: Ist Schewa mehr als ein Mas­kott­chen?“

Für Natio­nal­trainer Oleh Blochin ist er das. Am 11. Juni 2012 steht Schewt­schenko in der Startelf. Der Gegner heißt Schweden. 65.000 Men­schen sind im Kiewer Olym­pia­sta­dion. Es ist das erste Grup­pen­spiel der Ukraine.

Blochin hyp­no­ti­siert den Rasen
 
In der ersten Halb­zeit pas­siert wenig. Einmal kann sich Schewt­schenko frei­spielen, er setzt einen Ball an den Pfosten. Ansonsten sind er und seine Mit­spieler unsichtbar, das Spiel ein Geis­ter­spiel, und Oleh Blochin blickt so sto­isch aufs Feld, als wolle er den Rasen hyp­no­ti­sieren. Ich rechne fest damit, dass er Schewt­schenko in der Pause aus­wech­selt.

Doch Blochin schickt den Stürmer zurück aufs Feld. Dann fällt das 0:1. Zlatan Ibra­hi­movic hat für Schweden getroffen. Die Ränge beben ein wenig, denn es sind bestimmt 15.000 Schweden im Sta­dion. Kiew schweigt. Vier Minuten lang.

Dann schlägt Andriy Yar­mo­lenko eine feine Flanke, Schewt­schenko köpft, der Aus­gleich. Sechs Minuten später: Dieses Mal flankt Yevhen Kono­ply­anka, Schewt­schenko köpft erneut, die Füh­rung. Das Sta­dion bebt nicht mehr, es explo­diert in diesen Sekunden. Vor mir sitzen drei Presse-Schlacht­rösser einer Kiewer Tages­zei­tung, daneben ein jün­gerer Jour­na­list, der das Spiel für eine ukrai­ni­sche Web­seite tickert. Sie erheben sich, sie fallen bei­nahe nach vorne über. Dann rufen sie mit 50.000 Fans: Sche­wa­sche­wa­schewa!“ Und noch einmal: Sche­wa­sche­wa­schewa!“

Blochin holt Schewt­schenko in der 81. Minute vom Feld. Die Ukraine mauert und hält das 2:1. Als der Schluss­pfiff ertönt, sinkt der Trainer auf die Knie und reißt die Arme hoch. Er schließt die Augen, er schreit, und dann sieht er, wie Schewt­schenko auf ihn zurennt. Der Vater und sein ver­lo­rener Sohn. Andriy, oh Andriy, er hat Oleh zuletzt so viel Kummer bereitet. Sie knien nun beide, und sie nehmen sich in die Arme. 

London, New York, Paris – in ein anderes Leben
 
Die Ukraine schießt in den nächsten beiden Spielen gegen Eng­land und Frank­reich kein Tor mehr und scheidet in der Vor­runde aus. Ein paar Tage später kehrt Schewt­schenko zurück in den alten Teil Obo­lons, der sich nur wenige Geh­mi­nuten hinter der Golf­an­lage befindet. Hier glänzt nichts, hier leben fünf­köp­fige Fami­lien auf 40 Qua­drat­me­tern. Hier wuchs Schewt­schenko auf, hier ging er zur Schule, hier schoss er das erste Mal einen Ball auf ein Tor. Bei seiner Rückkher trifft er seine alte Leh­rerin, und er weiht einen Fuß­ball­platz ein. Dann ver­schwindet er in einem dicken weißen Auto mit getönten Scheiben. Viel­leicht nach London, New York, Paris. In ein anderes Leben.
 
Doch auch hier rufen die Men­schen: Sche­wa­sche­wa­schewa!“ Es sind Alte und Junge, manche nicht mal fünf Jahre alt. Kinder, die Sche­wa­sche­wa­schewa!“ nie in seiner Glanz­zeit beim AC Mai­land spielen sahen, nie in seinen ersten Jahren bei Dynamo. Sie kennen Sche­wa­sche­wa­schewa!“ nur von diesen zwei Toren gegen Schweden. Von diesem 11. Juni 2012, diesem Tag, der ein ganzes Land für wenige Stunden aus einer Lethargie und Skepsis erwa­chen ließ. Sche­wa­sche­wa­schewa!“ Ein Ruf wie eine Inschrift. Er hat sich für immer in die Mauern dieser Stadt ein­gra­viert.