Als Lever­ku­sens Trainer Sami Hyypiä vor dem Spiel gegen den VfL Wolfs­burg gefragt wurde, was Sidney Sam machen muss, um sich dau­er­haft in der Natio­nal­mann­schaft zu eta­blieren, ant­wor­tete er: Er braucht nichts anders machen.“ Sam müsse ein­fach so spielen, wie er es die letzten Spiel­tage getan habe. Ob der Trainer diesen Rat­schlag auch seinem Spieler erteilt hat, ist nicht über­lie­fert. Aber nach dem Spiel darf man davon aus­gehen. Denn indem Sidney Sam in der 24. Minute mit einem über­legten Flach­schuss und unter Zuhil­fe­nahme des linken Pfos­tens das 1:0 erzielte; indem er ferner fünf Tor­schuss­vor­lagen für seine Mit­spieler gab – Best­wert aller Spieler auf dem Platz –, da machte er ein­fach so weiter wie bisher.

Einer der besten Scorer der Liga

Sidney Sam hat der­zeit das, was man einen Lauf nennt. Mit vier Toren und drei Assists ist er einer der besten Scorer der Liga. Im WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel auf den Färöer Inseln ver­gan­genen Dienstag gab er sein Pflicht­spiel­debüt im DFB-Team. Die Nomi­nie­rung hatte Joa­chim Löw nach der 4:2‑Gala gegen Borussia Mön­chen­glad­bach im August bereits ange­deutet; obwohl der Bun­des­trainer es sonst ver­meidet, ein­zelne Spieler her­vor­zu­heben, hatte er nach dem Spiel gesagt: Sidney Sam war, glaube ich, der ent­schei­dende Mann auf dem Platz.“ Und was sagt der so Geprie­sene selbst? Sidney Sam kommt als einer der letzten aus der Kabine, wirkt erschöpft aber glück­lich. Ich habe richtig Spaß beim Spiel“, sagt er. Ich habe das Ver­trauen des Trai­ners, ich über­nehme mehr Ver­ant­wor­tung auf dem Platz. Das wollte ich auch so, das kam von mir.“ Kurze Pause. Und wieso läuft es der­zeit so gut? Er grinst. Tja. Es läuft ein­fach.“

Wer ihn die 88 Minuten zuvor bis zu seiner Aus­wechs­lung beob­achtet, ver­steht auch, wie die vielen Lobes­hymnen und die glän­zenden Sta­tis­tiken zustande kommen. Sidney Sam ist der Spiel­be­schleu­niger des Lever­ku­sener Spiels. Das ist einer­seits natür­lich seiner Schnel­lig­keit geschuldet, die er im Zwei­kampf oft aus­spielt, etwa indem er den Ball rechts am Ver­tei­diger vor­bei­legt, um dann links hin­terher zu sprinten. Aber noch etwas ist auf­fällig: Bei vielen Ball­an­nahmen im Offen­siv­spiel zögert er einen kurzen Augen­blick und wartet ab, ob der Ver­tei­diger sich für eine Aktion ent­scheidet, um ihn dann aus­spielen zu können. Dieses nicht risi­ko­freie Spiel geht erstaun­lich oft gut aus, etwa gleich in der dritten Minute, wo Sam die beiden Wolfs­burger Ricardo Rodri­guez und Luiz Gus­tavo mit einer Brust­an­nahme und einem Heber düpiert – Foul, Frei­stoß für Lever­kusen. Sze­nen­ap­plaus für Sam. Sein schneller Antritt ver­schaffte ihm auch beim 1:0 genü­gend Vor­sprung vor dem hin­ter­her­lau­fenden Rodri­guez.

Die Ablöse erscheint heute unter­trieben

Dass Sam bei Lever­kusen auf­blüht, ist auch ein Ver­dienst von Jupp Heynckes. 2009 half Sam dem 1. FC Kai­sers­lau­tern mit einem Tor, Bayer Lever­kusen in der zweiten Runde aus dem DFB-Pokal zu schmeißen. Da fiel dem dama­ligen Bayer-Trainer Heynckes dieser Sidney Sam das erste Mal auf, der fand ihn viel zu gut“, wie er sich aus­drückte. Dar­aufhin ließ er Sam beob­achten. Am Ende der Saison kaufte ihn Bayer. Die knapp 2,2 Mil­lionen Euro Ablöse über­wies Lever­kusen an den HSV, Sams Aus­bil­dungs­verein.

Die Summe erscheint heute leicht unter­trieben: Auf trans​fer​markt​.de wird sein Wert der­zeit fast auf das Drei­fache taxiert. Für Sams Ent­wick­lung ist es womög­lich von Vor­teil, nicht auf den ganz großen Bühnen zu stehen: Mit seinem Verein Bayer Lever­kusen (Zuschau­er­schnitt: 28.120) steht er etwas im Schatten der Liga-Größen um Bayern und Dort­mund; und in seinem Verein steht er ein wenig im Schatten von Sturm­partner Stefan Kieß­ling. Einer­seits wegen dessen beängs­ti­gender Tor­aus­beute, ande­rer­seits wegen der ewigen Dis­kus­sion um seine Nicht­be­rück­sich­ti­gung in den Löw­schen Natio­nal­mann­schafts­plänen. Sam scheint das nicht zu stören: Er hat in 75 Liga­spielen für Bayer 20 Tore geschossen und 13 vor­be­reitet. Er hat sich für Deutsch­land ent­schieden, obwohl er auch für Nigeria hätte spielen können, das Geburts­land seines Vaters, und obwohl seine Posi­tion im DFB-Team nicht gerade kon­kur­renzlos ist.

Um wei­tere Nomi­nie­rungen zu erhalten, muss er auch wei­terhin gefähr­liche Situa­tionen kre­ieren, wovon man sich im Spiel gegen Wolfs­burg über­zeugen konnte. Sam beherrscht das Vor­la­gen­geben in den Kate­go­rien Steil­pässe (46. Minute) und Schnitt­stel­len­pässe (62. Minute); selbst­ver­ständ­lich schießt er auch Ecken und Frei­stöße. Tritt ein anderer die Ecke, wartet Sam häufig außer­halb des Sech­zeh­ners, um per Fern­schuss Tore jener Kate­gorie zu erzielen, die zum Tor des Jahres nomi­niert werden (3:1 gegen Kai­sers­lau­tern, 07. November 2010)

Aber die größte Gefahr ent­facht der Bayer-Angriff regel­mäßig durch Sams unbe­re­chen­bare, spon­tane Rich­tungs­wechsel und Kör­per­dre­hungen. Bei­spiels­weise in jenen Situa­tionen, in denen die Ver­tei­diger mit einem Abschluss rechnen, Sam jedoch eine Vor­lage gibt. So geschehen etwa in der 63. Minute, als Sam im Fünf-Meter-Raum einen Schuss antäuscht, damit Rodri­guez ins Leere rut­schen lässt und mit einer kleinen Bewe­gung der Fuß­spitze den Ball für den her­an­stür­menden Kieß­ling auf­legt.

Ein Para­de­bei­spiel in dieser Dis­zi­plin offen­barte Sam auch kurz vor der erneuten Füh­rung, in der Sturm- und Drang­phase Lever­ku­sens kurz nach Wie­der­an­pfiff: Nachdem er selbst gerade mit einem Schuss an Wolfs­burgs Keeper Benaglio geschei­tert und an den Rand des Sech­zeh­ners und der Sei­ten­aus­linie gedrängt worden war, dachten wahr­schein­lich alle im Sta­dion, dass er abdrehen und einen Sicher­heits­pass nach hinten spielen würde; statt­dessen jedoch änderte er blitz­schnell seine Rich­tung, indem er sich auf dem Ball einmal um die eigene Achse drehte, und bekam so einen kurzen Moment Vor­sprung vor Ver­tei­diger Rodri­guez. Dieser Augen­blick reichte ihm, um gedan­ken­schnell auf den zweiten Pfosten zu flanken, wo Sebas­tian Boe­nisch einen gefähr­li­chen Kopf­ball plat­zieren konnte.

Stan­ding Ova­tions nach 88 Minuten

In dieser Partie gelang ihm zwar keine direkte Tor­vor­lage, den­noch war er bei der Ent­ste­hung der 2:1‑Führung betei­ligt: Das Tor köpft zwar Kieß­ling nach Frei­stoß­flanke von Gon­zalo Castro; den Frei­stoß jedoch hatte Sam her­aus­ge­holt, nachdem Luiz Gus­tavo ihn gefoult hatte. Bei Sams Aus­wechs­lung zwei Minuten vor Schluss erhoben sich die Zuschauer von ihren Sitzen.

Bereits am Dienstag werden auch die Zuschauer in Man­chester diesen Sidney Sam erleben, beim Cham­pions-League Auf­takt gegen den aktu­ellen eng­li­schen Meister. Wir brau­chen uns dort nicht zu ver­ste­cken“, sagt Sam selbst­be­wusst. Wenn Sam auch in der Cham­pions League ein­fach so spielt wie bisher in der Bun­des­liga, wäre Man­ches­ters Ver­tei­di­gern geraten, sich bei Ricardo Rodri­guez zu erkun­digen, wie man hin­terher diesen Dreh­wurm wieder los­wird.