Mr Tandy, Sie berichten als Eng­länder über die Bun­des­liga. Inter­es­sieren sich die Euro­päer über­haupt für den deut­schen Fuß­ball?

Inter­esse besteht zwei­fellos. Aber das ist eng mit dem FC Bayern ver­bunden. Wenn die Bayern in der Cham­pions League gut abschneiden, richten sich die Blicke auto­ma­tisch auch in Rich­tung Bun­des­liga. Der Club ist sozu­sagen das Bun­des­liga-Aus­hän­ge­schild im Aus­land. Was die anderen Ver­eine angeht, würde ich das Inter­esse eher als gering ein­stufen.

Gibt es denn über­haupt irgendein Land, in dem die Bun­des­liga mit ähn­lich großer Begeis­te­rung ver­folgt wird wie hier­zu­lande?


Die Afri­kaner inter­es­sieren sich bren­nend für den deut­schen Fuß­ball. Vom afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent erhalten wir bei weitem das größte Feed­back auf unsere Sen­dung. Unseren Pro­gramm­in­halt haben wir dem­entspre­chend ange­passt: Wir senden viele Por­träts und Hin­ter­grund­be­richte der afri­ka­ni­schen Bun­des­liga-Spieler. Eigent­lich liegt darauf unser Haupt­au­gen­merk.



Helfen Trans­fers wie Ribery und Toni das Image der Liga im Aus­land zu ver­bes­sern?

Noch habe ich nicht bemerkt, dass durch diese Trans­fers ein erhöhtes Inter­esse bestünde. Viel inter­es­santer wird es sein, zu beob­achten, wie sich unsere Hörer­zahlen ent­wi­ckeln, wenn die Bayern nicht in der Cham­pions League spielen. Sie sind wie gesagt die Visi­ten­karte des deut­schen Fuß­balls. Auch im Aus­land gibt es übri­gens eine zwie­späl­tige Mei­nung zu den Bayern: Ent­weder die Leute lieben den Club, oder sie hassen ihn.

Was erwarten Sie, als aus­län­di­scher Beob­achter, in dieser Saison von den Bayern?

Ich per­sön­lich bin gespannt, wie Mün­chen mit den vielen Neu­ver­pflich­tungen zurecht­kommen wird. Uli Hoeneß hat sich finan­ziell weit aus dem Fenster gelehnt. Wenn er Pech hat, ver­wan­delt sich sein ver­meint­li­ches Dream-Team über Nacht in einen Alb­traum. Er weint ja jetzt schon über jeden ver­letzten Spieler auf der Bayern-Bank.

Wie flüssig läuft Ihnen der Name »Bas­tian Schwein­s­teiger« über die Lippen?

Ach, ganz gut, denke ich. Da bin ich gegen­über meinen anderen eng­li­schen Kol­legen ein biss­chen im Vor­teil.

Gibt es andere Namen in der Bun­des­liga, mit denen Sie Pro­bleme haben? Jan-Ingwer Callsen-Bra­cker viel­leicht?


Nein, die Deut­schen sind ziem­lich ein­fach. Ein paar von den tsche­chi­schen Spie­lern sind schwerer aus­zu­spre­chen. Auch »Jakub Blaszc­zy­kowski« von Borussia Dort­mund ist richtig hart.

Sie kommen ursprüng­lich aus Eng­land. Warum genießt die Pre­mier League im Aus­land mehr Ansehen als die Bun­des­liga?

Weil die eng­li­schen Ver­eine mehr Geld zur Ver­fü­gung haben. Bayern hat dieses Jahr 69 Mil­lionen Euro für neue Spieler aus­ge­geben und damit einen Ver­eins­re­kord auf­ge­stellt. In Eng­land inves­tieren die Top­ver­eine diese Summe aber jedes Jahr aufs Neue. Das Aus­geben hoher Geld­be­träge gehört in der Pre­mier League zum all­täg­li­chen Geschäft. Das ist ein großer Unter­schied zur Bun­des­liga.

Gibt es auch Bereiche, in denen die Bun­des­liga der Pre­mier League einen Schritt voraus ist?

Ich glaube, die Win­ter­pause ist eine sehr gute Ein­rich­tung. Dadurch haben die Spieler die Mög­lich­keit zur Rege­ne­ra­tion. Ich ver­zweifle immer an der Tat­sache, dass die eng­li­sche Natio­nal­mann­schaft nicht so gut spielt, wie es das Niveau in der Pre­mier League erwarten ließe. Das mag viel­leicht auch an der Dichte der Wett­be­werbe liegen: Cham­pions League, Uefa-Cup, dazu der harte, auf­rei­bende Liga­be­trieb. Das Ver­let­zungs­ri­siko in Eng­land ist sehr hoch.

Obwohl das Niveau der Bun­des­liga geringer als ist in Spa­nien oder Eng­land, war die deut­sche Natio­nal­mann­schaft zuletzt sehr erfolg­reich. Haben Sie eine Erklä­rung dafür?

Die Deut­schen haben eben den Ruf eine echte Tur­nier­mann­schaft zu sein. Bei der letzten Welt­meis­ter­schaft haben sie dank ihrer Moti­va­tion und ihrer Fit­ness sogar die eigenen Erwar­tungen über­troffen. Das beste Bei­spiel sind Sebas­tian Schwein­s­teiger und Lukas Podolski. Die haben in der Natio­nalelf viel besser gespielt als bei ihrem Verein. Viel­leicht haben die Eng­länder die bes­sere Liga, aber inter­na­tional haben die Deut­schen die Nase vorn.

Wie Thomas Hitzl­sperger wech­selten zuletzt viele deut­sche Talente zu einem Pre­mier League – Verein. Warum ist dieser Trend umge­kehrt nicht zu beob­achten?


Weil sich ein Wechsel nach Deutsch­land für eng­li­sche Talente nicht lohnen würde. Ich weiß nicht genau wes­halb, aber vieles liegt wahr­schein­lich an der Sprache­bar­riere und den kul­tu­rellen Unter­schieden zwi­schen Eng­land und Deutsch­land. Auch die Fuß­ball-Riva­lität beider Län­dern ist bei den Jugend­li­chen ein Thema. Ich glaube, was Deutsch­land braucht, ist einen zweiten Kevin Keegan, ein Bot­schafter des eng­li­schen Fuß­balls. Auf deut­scher Seite hat Dietmar Hamann diese Rolle bei Liver­pool und Man­chester City aus­ge­füllt. Wenn Eng­land jemanden wie ihn in der Bun­des­liga hätte, würden viel mehr Spieler nach Deutsch­land wech­seln.

Am 22. August spielt Deutsch­land in London gegen Eng­land. Haben Sie schon einen Tipp, wer gewinnt?

Eng­land! Die wollen im neuen Wem­bley­sta­dion gegen Deutsch­land ein Exempel sta­tu­ieren, erst recht nach der ent­täu­schenden Welt­meis­ter­schaft 2006. Gewisse Rest­zweifel bestehen bei mir trotzdem. Als Eng­land-Fan musst du immer darauf vor­be­reit sein, ein sicher geglaubtes Spiel noch zu ver­lieren. Bestes Bei­spiel: Eng­land gegen Bra­si­lien im Juni diesen Jahres. Ich war live im Sta­dion und musste mit ansehen, wie Bra­si­lien in der letzten Minute den Aus­gleich erzielte. Ich hatte es die ganze Zeit kommen sehen. Es war klar, dass es geschehen würde, als wäre es vom Schicksal vor­be­stimmt.

Wie schaffen Sie es, als Deut­sche Welle – Jour­na­list bei sol­chen Spielen einen kühlen Kopf zu bewahren?


Gute Frage. Manchmal merke ich, wie mein Adre­nalin-Level wäh­rend der Live-Repor­tage nach oben schießt – beson­ders, wenn Eng­land gegen Deutsch­land spielt. Ich muss mich dann selbst etwas zügeln und den Puls auf Nor­mal­ni­veau bringen. Grund­sätz­lich ver­heim­liche ich meine Liebe zu Eng­land aber nie.

Wie würden Sie einem Eng­länder das Fas­zi­nie­rende der Bun­des­liga erklären?

Das ist sehr schwer. Mein Inter­esse für den deut­schen Fuß­ball kam auch erst mit meiner Arbeit für die Deut­sche Welle. Wenn man als Aus­länder über die Bun­des­liga berichtet, ent­deckt man schnell einen Spieler, der einem beson­ders gefällt. Man ent­wi­ckelt ein Inter­esse für die ein­zelnen Mann­schaften und was dort geschieht. Das Fas­zi­nie­rende sind die Geschichten hinter dem Sport. Oliver Kahn zum Bei­spiel ist ein großer Spieler in meinen Augen. Sobald das Spiel zu Ende ist, kann Kahn einen sehr prä­zisen und klaren Kom­mentar dazu abgeben. Andere Spieler, wie Miroslav Klose, gehen vom Platz und haben keine Ahnung, wie das Spiel gelaufen ist. Kahn weiß nach dem Schluss­pfiff immer genau Bescheid: Das war gut, das war schlecht. Er ist eine fast schon ver­rückte Füh­rungs­per­sön­lich­keit, der man gerne folgt.

Wer wird Deut­scher Meister?

Ich denke Bayern. Nach den Trans­fers der letzten Wochen ist das ein­fach zu erwarten. Zu Beginn wird es einige Spiel­tage dauern, bis sie richtig in Schwung kommen. Aber am Ende der Saison werden sie einen psy­cho­lo­gi­schen Vor­teil haben, weil sie Stutt­gart und Bremen schon im Liga­pokal geschlagen haben.