Viel hat Max Gab­lonsky, Bayern Mün­chens erster Fuß­ball-Natio­nal­spieler, der Nach­welt nicht hin­ter­lassen. Nach einem Flie­ger­an­griff auf Mün­chen ging 1944 der Groß­teil seiner per­sön­li­chen Unter­lagen ver­loren. Aber dieser eine kurze hand­schrift­liche Satz, der die Zeiten über­dauert hat, schreibt nun die DFB-Geschichte um: 6. Tor von mir“. Er ist bezogen auf das Län­der­spiel am 26. März 1911 in Stutt­gart gegen die Schweiz (6:2) und führt zur Auf­lö­sung der 100jährigen Suche nach einem Tor für Deutsch-land. Nun ist sie beendet und Max Gab­lonsky, 1969 ver­storben, ist posthum noch zu Tor-Ehren gelangt, die ihm der Druck­feh­ler­teufel oder schlam­piger Jour­na­lismus Jahr­zehnte lang ver­wehrt hatte.

Dass die deut­sche Län­der­spiel-His­torie nun hof­fent­lich wieder ganz in Ord­nung ist, ist vor allem Gab­lon­skys 82jährigen Sohn Hans-Georg und den Mit­ar­bei­tern des neuen Bayern-Museums, das im Mai 2012 in der Allianz Arena eröffnet wird, zu ver­danken. Zunächst blieb die Soko Gab­lonsky-Tor“ in der Familie. Der betagte Sohn des vier­ma­ligen Natio­nal­spie­lers schal­tete seinen Enkel ein, um alte Spiel­be­richte zu finden, was im Stutt­garter Stadt­ar­chiv gelang. Schwä­bi­scher Merkur und Stutt­garter Tage­blatt ver­mel­deten 1911 uni­sono: 6:1 durch Gab­lonsky. Der­maßen ermu­tigt, bean­tragte die Familie beim DFB und beim Fach-Magazin Kicker, dessen Alma­nach als Stan­dard­werk für Fuß­ball-Sta­tis­tiken eta­bliert ist, eine ent­spre­chende Ände­rung. Doch DFB-Prä­si­dent Dr. Theo Zwan­ziger ant­wor­tete im November 2010 zwar höf­lich, aber bestimmt: Auch möchte ich kei­nes­falls in Frage stellen, dass Ihr Vater zurecht und mit Stolz von seinem Tor erzählte. Ich bezweifle aller­dings, dass wir Ihre Unter­lagen zum Anlass nehmen können, die Sta­tistik zu ändern.“ Er lei­tete sie aber weiter zur internen Prü­fung.

Seit 1937 ein Irrtum im kicker“-Almanach

Was nun? Im Fuß­ball gilt die Tat­sa­chen­ent­schei­dung, aber gilt sie auch für Druck­fehler? Hans-Georg Gab­lonsky kämpfte weiter und wandte sich an die Bayern, die sofort Inter­esse zeigten, galt es doch klar zu stellen, wer eigent­lich der erste Län­der­spiel-Tor­schütze des Rekord­meis­ters gewesen war. Bisher wurde stets Josef Pöt­tinger, der 1926 gegen die Nie­der­lande gleich dreimal traf, genannt, vor allem weil der 1937 erst­mals erschie­nene kicker“-Almanach den Irrtum all­jähr­lich aufs Neue unbe­irrt durch die Jahr­zehnte trans­por­tierte. Doch im Hause Gab­lonsky wussten sie stets, dass es anders war.

Es bedarf jedoch schon sehr guter Argu­mente, wenn der Deut­sche Fuß­ball-Bund seine offi­zi­elle Län­der­spiel-Sta­tistik ändert, was er bereits im Sep­tember auf seiner Inter­net­seite getan hat. Denn die nun­mehr ein­ge­schal­teten Bayern-Archi­vare zerrten zwei wei­tere Quellen ans Tages­licht: die Ver­eins­nach­richten in der Zeit­schrift Bay­ern­land„ und die Schweizer Zei­tung Sport“ bestä­tigten die Fami­lien-Legende. Auszug aus dem Sport“ vom 7. April 1911: Gab­lonsky wird immer schneller, im vollen Laufe schießt er plötz­lich vom Flügel aufs Tor und Flü­ckiger lässt pas­sieren – 6:1.“ Sogar eine Kicker-Chronik von 1941 über die Früh­zeit der Natio­nalelf nährt den Ver­dacht, dass die Alma­nache aus dem eigenen Haus all die Jahre irrten: Schließ­lich und end­lich erhaschte Gab­lonsky, der Münchner Tor­nado’, noch einen weit vor­ge­legten Ball.“

Der große Ver­lierer dieser Geschichte heißt Gott­fried Fuchs

Jeden­falls Indi­zien genug für den DFB, Max Gab­lonsky nach 100 Jahren zu seinem Tor kommen zu lassen. Und so wird es auch im nächsten kicker“-Almanach stehen.
Die Geschichte hat auch einen Ver­lierer: der Karls­ruher Gott­fried Fuchs, einer von nur zwei jüdi­schen Natio­nal­spie­lern, ist gleichsam posthum der Leid­tra­gende der Ent­de­ckung. Sein impo­santer Rekord-Tor­quo­tient von bis dato 2,33 pro Spiel wurde leicht gesenkt auf 2,16 – bei nun­mehr also 13 Toren in sechs Spielen. Denn dem 1972 in Kanada ver­stor­benen Fuchs schrieben die Alma­nache stets das sechste Tor an jenem ver­schneiten März-Tag 1911 zu. Noch haben sich seine Nach­kommen nicht gerührt…