Vor­be­mer­kung: Vor einer Woche wurde bekannt, dass Dietmar Hopp Mehr­heits­eigner bei Hof­fen­heim wird. Und auch Martin Kind könnte 2017 die Mehr­heit bei Han­nover 96 über­nehmen. Zwar bleibt die 50+1‑Regel wei­terhin bestehen, doch Hopp und Kind pro­fi­tieren von einer Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung, nach der Mehr­heits­be­tei­li­gungen von Inves­toren mög­lich sind, wenn diese einen Verein mehr als 20 Jahre unun­ter­bro­chen unter­stützt haben.

Das fol­gende Inter­view beleuchtet die Dis­kus­sion um die Regel, geht aber nicht auf die jüngsten Ent­wick­lungen ein, da es bereits im November (für 11FREUNDE #157) geführt wurde.

Herr Rettig, die Orga­ni­sa­tion Pro­Fans“ kri­ti­siert die Spiel­an­set­zungen der DFL. Fans von Hertha BSC bei­spiels­weise mussten an einem Freitag über 800 Kilo­meter nach Frei­burg reisen, am Sonn­tag­abend fast 600 Kilo­meter nach Augs­burg.

Rettig: Für uns stehen die sport­li­chen Gesichts­punkte an erster Stelle. Lassen Sie mich das Frei­tags­spiel bei­spiel­haft erklären. Wir haben gesagt: Wer Dienstag spielt, der soll nicht auch noch am Freitag antreten. An besagtem Wochen­ende traten bei fünf Spielen Euro­pa­pokal-Ver­treter an – also kein Frei­tags­spiel mög­lich. Außerdem spielte Pader­born zu Hause, dort sind Spiele nach 20 Uhr behörd­lich unter­sagt. Bei einem der ver­blie­benen drei Spiele hatte die Polizei Bedenken wegen des Der­by­cha­rak­ters: Stutt­gart gegen Hof­fen­heim …

Quam­busch: Ent­schul­digen Sie, dass ich lache.

Rettig: Sie können dar­über denken, wie Sie wollen, doch wir können uns der Ein­schät­zung der Behörden nicht ver­schließen. Da blieb Frei­burg – Hertha oder Augs­burg – Bremen – beides weite Ent­fer­nungen. Was hätten wir tun sollen?

Schon lange kur­siert der Vor­schlag, dass frei­tags, sonn­tags und mon­tags nur 300 Kilo­meter zwi­schen den betei­ligten Ver­einen liegen sollen. Her­thas Geschäfts­führer Ingo Schiller appel­lierte: Die DFL soll sich an Regeln halten.“

Rettig: Ich kann bei uns keinen Regel­bruch erkennen. Es gibt in dieser Frage keine ver­bind­liche Zusage, mit diesem Mär­chen muss man auf­hören. Im Schnitt hat jeder Klub pro Saison vier Frei­tagsan­set­zungen, vier am Sonn­tag­nach­mittag und vier am Sonn­tag­abend. Der ange­spro­chene Vor­schlag ist ein­fach nicht umsetzbar: Bayern, Hertha oder Augs­burg haben ohnehin nur drei Aus­wärts­spiele, die unter 300 Kilo­meter Ent­fer­nung liegen. Da reicht ein Blick auf die Land­karte – und die kann die DFL nicht ändern.

Quam­busch: Doch es ist häufig so: Am Sonn­tag­nach­mittag sind die Ent­fer­nungen zwi­schen den Teams, die dann auf­ein­an­der­treffen, geringer als am Sonn­tag­abend. Da kann mir doch nie­mand erzählen, dass man diese Paa­rungen nicht tau­schen kann.

Rettig: Diese Kritik ist nach­voll­ziehbar. In den Gesprä­chen vor einem Jahr wurde dieser Punkt vor­ge­tragen, und wir haben ihn ernst genommen. Doch DFB und DFL sind nicht allein auf dieser Welt. Manchmal sind auch Inter­essen des Heim­ver­eins ent­schei­dend für die Ter­mi­nie­rung, wir müssen auf die Polizei, die UEFA, die FIFA ein­gehen.

Quam­busch: Mein Ein­druck ist, dass die Fans hierbei die geringste Lobby haben und am Ende die Geknif­fenen sind. Ich glaube, dass die­je­nigen, die den Spiel­plan machen, gar nicht wissen, was ein Aus­wärts­fahrer auf sich nehmen muss. Die Fan­in­ter­essen werden hinter for­ma­lis­ti­schen Inter­essen zurück­ge­stellt.

Rettig: Dem Ein­druck muss ich ent­ge­gen­wirken, das hat auch nichts mit For­ma­lismus zu tun. Hier spielen auch Rei­se­weg­über­schnei­dungen mit anderen Ver­an­stal­tungen eine Rolle. Oder nehmen Sie die Abstel­lungs­pro­ble­ma­tiken. Die FIFA änderte diese kur­zer­hand und ver­län­gerte die Abstel­lungs­zeit um einen Tag mit der Folge, dass afri­ka­ni­sche Natio­nal­spieler mitt­wochs noch für Ihr Land spielen und somit auch Spiel­an­set­zungen am dar­auf­fol­genden Freitag pro­ble­ma­tisch sind. Da ist es auch höher zu bewerten, dass die Klubs ihre Top­spieler auf­bieten können, als dass ein Fan 100 Kilo­meter mehr fahren muss. Da geht der sport­liche Wett­streit klar vor.

Quam­busch: Das können Sie nur machen, weil die Fans in Deutsch­land so lei­dens­fähig sind. Wären es Kunden und keine Fans, könnte man so nicht vor­gehen.

Rettig: Da muss ich wider­spre­chen. Wir nehmen die Anliegen der Fans sehr wohl ernst. Zwei Bei­spiele: Fans haben uns kri­ti­siert, dass sie zu wenig Zeit zur Pla­nung hätten. Nun haben wir am 15. Oktober 2014 die Spiele bis zur zweiten Febru­ar­woche 2015 ter­mi­niert. Der Fan weiß im Schnitt 58 Tage vorher, wann genau sein Team wo spielt. Zwei­tens: Wir haben uns dafür ein­ge­setzt, dass die Spiele in der zweiten Liga frei­tags nicht um 18 Uhr, son­dern um 18.30 Uhr ange­pfiffen werden. Das sind echte Ver­bes­se­rungen – gehört haben wir dar­über von Fan­seite nichts …

Quam­busch: Ich denke, es wird schon wahr­ge­nommen, dass sich bei der DFL auch einiges getan hat …

Rettig: … aber dann sehe ich eine Pres­se­mit­tei­lung von Pro­Fans: DFL soll end­lich Fan­in­ter­essen ernst nehmen.“ Da platzt mir die Hut­schnur, das hat uns getroffen, ganz ehr­lich. Wir haben so viele Dinge gemeinsam auf den Weg gebracht, sei es beim Thema Sicher­heit, Polizei oder nehmen Sie das Bei­spiel des umstrit­tenen Ticket­an­bie­ters.

Sie meinen das Unter­nehmen Viagogo, das Ein­tritts­karten mit einem Preis­auf­schlag ver­treibt.

Rettig: Namen möchte ich keine nennen. Vor circa einem Jahr gab es 14 Geschäfts­be­zie­hungen der Ver­eine mit einem Partner, an dem sich viele gestoßen haben. Jetzt gibt es keine ein­zige mehr. Wir sind damals in die Bütt gestiegen auf Wunsch der Ver­eine und Fans, um dafür eine zen­trale Ticket­platt­form ins Leben zu rufen, haben gemeinsam faire Regeln erar­beitet …

Quam­busch: … aber müssen erst die Fans schreien, bevor die Ver­eine nach­denken? Der Schwarz­markt war doch schon lange ein Pro­blem für jeden, der bis Drei zählen konnte. Viagogo war nichts anderes als ein Schwarz­markt-Ver­trieb. Da kann man doch vorher drauf kommen, dass man so einem Abzo­cker­verein im wahrsten Sinne des Wortes keine Platt­form gibt.

Rettig: Aber die Preis­po­litik liegt nicht in der Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz der DFL. Die Klubs kennen ihre Fans und Ver­hält­nisse am besten, wie kämen wir dazu, diesen Klubs Vor­hal­tungen zu machen?

Viele Bun­des­li­gisten haben in den ver­gan­genen Jahren die Preise dras­tisch ange­hoben, zudem werden immer häu­figer Top­zu­schläge ver­langt.

Rettig: Das kann ich so nicht bestä­tigen. Meines Wis­sens haben zehn Ver­eine in der Bun­des­liga ihre Preise in dieser Saison nicht geän­dert. Die Preis­stei­ge­rung liegt im Schnitt bei etwas mehr als zwei Pro­zent, das ist nicht viel mehr als die Infla­ti­ons­rate.

Quam­busch: Es stimmt aber auch: In den ver­gan­genen neun Jahren haben die Klubs in der güns­tigsten Kate­gorie ordent­lich ange­hoben. Stutt­gart bei­spiels­weise um 34 Pro­zent, der BVB um 38 Pro­zent, Schalke sogar um 51 Pro­zent.

Rettig: Viel­leicht liegt das auch daran, dass Leis­tungen dazu­ge­kommen sind. In 90 Pro­zent der Sta­dien gilt die Ein­tritts­karte als Fahr­schein für die öffent­li­chen Ver­kehrs­mittel – auch hier gab es Preis­an­pas­sungen, für die die Klubs zahlen. Fragen Sie mal in Eng­land nach, ob das auch so ist – da werden Sie belä­chelt. Und im Ver­gleich zur Pre­mier League und anderen inter­na­tio­nalen Ligen ist die Bun­des­liga die preis­wer­teste. Mit einer Steh­platz-Dau­er­karte zahlen Sie in der Bun­des­liga im Schnitt für das Ein­zel­spiel keine 11 Euro!

Quam­busch: Man sollte aber nicht so tun, als sei die eng­li­sche Liga so viel teurer. Bei den Preisen für die Sitz­plätze sind Eng­land und Deutsch­land zum Teil gar nicht mehr so weit aus­ein­ander.

Rettig: Aber wor­über reden wir? Mal Steh­plätze, mal Sitz­plätze, da gibt es auch unter­schied­liche Berech­nungs­grund­lagen. Wichtig ist es doch, dass die güns­tigen Tickets bezahlbar sind, oder nicht?