Ralf Nestler, vor einigen Wochen hat Han­no­vers Mit­glie­der­ver­samm­lung die 50+1‑Regel in der Ver­eins­sat­zung ver­an­kert. Was bedeutet das für die Zukunft des Klubs?
Zunächst einmal die Ver­la­ge­rung der Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz in dieser wich­tigen Frage vom Vor­stand auf die Mit­glie­der­ver­samm­lung, dem höchsten Organ des Ver­eins, und die Besei­ti­gung von Kon­flikt­po­ten­zial. Wichtig ist auch die Ver­pflich­tung des Vor­standes, alles für den Erhalt von 50+1 zu unter­nehmen. An der Mög­lich­keit, neue Inves­toren ins Boot zu holen, ändert das nichts. Auch Herr Kind kann nach wie vor seine Anteile ver­kaufen. Die 50+1‑Regel ist ja zudem eine Lizenz­be­din­gung und, wie die DFB-Prä­si­den­ten­kon­fe­renz kürz­lich klar­stellte, fester Bestand­teil des deut­schen Fuß­balls.

Lange wollte der frü­here Ver­eins­boss Martin Kind eine Aus­nah­me­re­ge­lung von 50+1 erwirken und 96 über­nehmen. Sie haben hart dagegen gekämpft. Bedeuten die Beschlüsse der Mit­glie­der­ver­samm­lung einen end­gül­tigen Sieg für Sie?
Hier geht es nicht um Sieg oder Nie­der­lage, son­dern um eine erfolg­reiche Zukunft des Pro­fi­fuß­balls und des Brei­ten­sports bei Han­nover 96. Wir haben alle gewonnen, vor allem auch Martin Kind. Diese Erkenntnis wird früher oder später überall reifen. Die 50+1‑Regel ist zeit­lich gesehen noch nicht einmal 25 Jahre alt und damit eine überaus zeit­ge­mäße Regel. Wenn einige Lob­by­isten einen Volks­port zu einem rein kapi­tal­ge­trie­benen Event ver­klären wollen, mutet das in einer modernen Welt, wo gesell­schaft­liche und soziale Ver­ant­wor­tung, Nach­hal­tig­keit, Kli­ma­schutz, Digi­ta­li­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung immer rele­vanter werden, doch eher rück­wärts­ge­wandt an.

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Pic­ture Alli­ance

Ralf Nestler ist seit 2019 Auf­sichts­rats­vor­sit­zender des Han­no­ver­schen Sport­ver­eins von 1896 e.V. und der Han­nover 96 Manage­ment GmbH. Der 56-jäh­rige Rechts­an­walt setzt sich für den Erhalt der 50+1‑Regel ein, aktuell strebt er einen unab­hän­gigen Zusam­men­schluss der Mut­ter­ver­eine an.

Die Aus­nah­me­reg­lungen für ein­zelne Klubs müssen zur Her­stel­lung der sport­li­chen Fair­ness besei­tigt werden“

Und doch gibt es mit Hof­fen­heim, Lever­kusen und Wolfs­burg drei Klubs, die nicht mehr­heit­lich im Besitz von Stamm­verein und Mit­glie­dern sind.
Dass die Aus­nah­me­re­ge­lungen wett­be­werbs­widrig sind, haben wir (Pro Verein 1896 – Anm. d. Red.) der DFL bereits im Januar 2018 in dem Ver­fahren von Herrn Kind dar­ge­legt. Das liegt ja auch auf der Hand. Die Aus­nah­me­reg­lungen für ein­zelne Klubs müssen mit einer ange­mes­senen Über­gangs­frist zur Her­stel­lung der sport­li­chen Fair­ness besei­tigt werden. Es gibt weder einen Bestands- noch einen Ver­trau­ens­schutz im Unrecht. Sonst müsste ja jedes Unter­nehmen nur lange genug unent­deckt einen Wett­be­werbs­ver­stoß begehen, um ihn auch dau­er­haft für sich in Anspruch nehmen zu können. Auch ein finan­zi­eller Aus­gleich ist nicht hin­nehmbar. Wer sollte mit wel­cher Berech­ti­gung Emp­fänger der Zah­lungen sein?

Martin Kind reagierte zurück­hal­tend auf die Ver­an­ke­rung von 50+1 in der Ver­eins­sat­zung, rechnet aber mit Gerichts­ver­fahren. Wie sehen Sie das?
Wenn Herr Kind das so gesagt hat, habe ich keine Ahnung, was er damit meint – ins­be­son­dere wer gegen wen, wo und wes­halb klagen sollte. Han­nover 96 wird daran nicht betei­ligt sein. Darin sind wir uns mit Herrn Kind und den Gesell­schaf­tern seit 2019 sogar ver­trag­lich einig.

Kind ver­suchte es in der Ver­gan­gen­heit mit Allein­gängen, wollte etwa Robert Schäfer zu seinem Nach­folger als Geschäfts­führer der aus­ge­glie­derten Han­nover 96 GmbH & Co. KGaA machen. Der e.V. erteilte ihm eine Wei­sung. Wie sieht die Zusam­men­ar­beit nach einem sol­chen Ver­trau­ens­bruch aus?
Ich würde nicht von Ver­trau­ens­bruch, eher von einer zwi­schen­zeit­li­chen Irri­ta­tion auf­grund eines Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­blems spre­chen. Nach den gel­tenden Sat­zungs­be­din­gungen des DFB und der DFL muss der Mut­ter­verein die Geschäfts­füh­rung bestimmen. Wir sind auf einem guten Weg, im Kon­sens mit den Gesell­schaf­tern diese wich­tige Frage ein­ver­nehm­lich zu klären.

Was bedeutet das genau?
Obwohl Herr Kind als Geschäfts­führer unserer Fuß­ball-Pro­fi­gesell­schaft nicht für die Beru­fung und Abbe­ru­fung eines neuen Geschäfts­füh­rers zuständig ist, haben wir ihm im März 2020 ange­boten und dann ver­ein­bart, die Suche gemeinsam anzu­gehen. Den Wunsch der Gesell­schafter, einen gemein­samen Geschäfts­führer für alle 96-Gesell­schaften zu benennen, wie auch den Wunsch nach einer pro­fes­sio­nellen Suche über eine von der Kapi­tal­seite vor­ge­schla­gene Agentur, haben wir bestä­tigt und erste Gespräche geführt. Uns fehlte ledig­lich die Infor­ma­tion, dass die Kapi­tal­seite nun­mehr keinen Gesamt­ge­schäfts­führer mehr sucht, son­dern einen Geschäfts­führer für die Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaften von 96 selber aus­su­chen wollte, was ihr gutes Recht ist. Mög­li­cher­weise ist es sogar eine weise Ent­schei­dung der Gesell­schafter gewesen, die Ver­ant­wor­tung zukünftig zu trennen, das heißt einen Ver­ant­wort­li­chen für das Sta­dion und den Ticket­ver­kauf zu haben und einen Geschäfts­führer für die Pro­fi­gesell­schaft.