1. GUCK MAL DA, DER NEUE!

In Dort­mund haben sich alle wieder lieb. Die eisigen April­stürme sind längst ver­zogen, der Nebel ver­weht aus den Geschäfts­räumen, dem Kie­bitz­mi­kro­kosmos, den Kata­komben, ver­gessen ist auch der unbe­frie­di­gende 13. Platz der letzten Saison, und von Thomas Dolls selt­samen Ver­such sich den Arsch abzu­la­chen bleibt heute nichts weiter übrig als ein leises Rau­schen im flim­mernden You­tube-Wald. Sie klopfen nun wieder Schul­tern beim BVB, und sie klopften sie beson­ders herz­lich, als ihr Erlöser plötz­lich vor ihnen stand, ganz leger, in kurzer Hose, in Turn­schuhen und Schirm­mütze. Er grüßte freund­lich, und ja, er sah in natura tat­säch­lich genauso sym­pa­thisch aus wie im Fern­sehen. Eigent­lich noch viel sym­pa­thi­scher. In Donau­eschingen, dort, wo der BVB der­zeit zum Trai­nieren gas­tiert, winkten sie ihm erwar­tungs­froh zu, sogar eine Gruppe aus Mainz war ange­reist. Sie hatten sich T‑Shirts mit dem Auf­druck »Danke Kloppo!« ange­zogen. Aus dem aktu­ellen Kader von Borussia Dort­mund kennen sie nicht mal vier Spieler, indes ihrem Lieb­lings­coach würden sie überall hin folgen.



Jürgen Klopp, dieser tele­gene Vor­zei­ge­trainer, der wäh­rend der EM erneut das Schicksal tragen musste, von Johannes B. Kerner und Urs Meier flan­kiert zu werden, und der dieses Mal zu allem Über­fluss vor einem stil­fernen Hob­by­thea­ter­gruppen-Büh­nen­bild für schun­kelnde Bier­zelt-Fuß­ball­fans refe­rierte, bei denen man nie ganz sicher war, ob sie nicht doch zum Show-Inventar von Oliver Geißen und Bar­bara Salesch gehörten – eine Massen- und Stim­mungs­sug­ges­ti­ons­ver­an­stal­tung der unan­ge­neh­meren Art. Doch Jürgen Klopp stand dort sou­verän wie eh und je. Leger natür­lich auch, wenn auch mit langer Hose und ohne Schirm­mütze. Inmitten dieser Fern­seh­garten-Halb­welt wirkte er wie der weise Pro­fessor und der leut­se­lige Stu­dent in einer Person.

»Einzig den Kloppo – den mag ich. Dem höre ich ganz gerne zu!«

Jürgen Klopp, der Bun­des­li­ga­trainer, wirkt unver­braucht, neu, trotzdem es sich manchmal anfühlt, als sei Klopp, der TV-Trainer, in den letzten Jahren medial prä­senter gewesen als ein Franz Becken­bauer oder eine Angela Merkel. Doch im Ver­gleich zum 24/​7‑Kaiser nervte die Anwe­sen­heit von Klopp nie so richtig. Viel­leicht weil Klopp nie spielte – weder mit auf­ge­setzten Images noch mit seiner Nah­bar­keit. Trotz der ewig wie­der­keh­renden Mei­nung zum ewig selben Spiel wirkte Klopp bis zuletzt ange­nehm unauf­dring­lich – selbst seine Witze waren: fremd­schäm­re­sis­tent. In Donau­eschingen ant­wor­tete er kürz­lich auf die Frage, wie er das Abwehr­pro­blem in den Griff bekommen möchte: »Ich werde alle sieben Innen­ver­tei­diger gleich­zeitig auf­stellen.« Die Jour­na­listen lachten sich sche­ckig, in der PR-Abtei­lung klopften sie sich in Gedanken wieder – natür­lich – auf die Schul­tern. Auf Klopp konnten sich wieder einmal alle einigen. Selbst der eins­tige Sturm­tank und heu­tige Kul­tur­pes­si­mist Dieter Schatz­schneider sagte wäh­rend der EM: »Wenn Kerner, Meier, Del­ling oder Netzer den Mund auf­ma­chen, fang‘ ich an zu pöbeln oder schalte weg. Einzig den Kloppo – den mag ich. Dem höre ich ganz gerne zu!« So ist das mit Klopp – man hört ihm gerne zu. Immer noch.

Des­wegen ist er trotz seiner kum­pe­ligen Art nicht der neue Thomas Doll. Des­wegen kann Klopp nun mit Rou­tinen im Verein bre­chen, ver­kalkte Sys­teme hin­ter­fragen ohne selbst hin­ter­fragt zu werden, ohne das Gefühl haben zu müssen, dass der kon­ser­va­tive Bou­le­vard schon am nächsten Tag seine Ideen als neu­mo­di­schen Irr­sinn abwe­delt. Im Dort­munder Trai­nings­lager in Donau­eschingen schritt Klopp gleich zu Tat, nahm den Spie­lern die Mög­lich­keit, sich bequemen Gewohn­heiten hin­zu­geben und in alt­her­ge­brachten Cli­quen und Klün­geln abzu­schotten. Alle Spieler wurden in Dop­pel­zimmer unter­ge­bracht, die Zim­mer­partner ein­ander zuge­lost: »Das war wie bei der Zie­hung für den DFB-Pokal«, scherzte Klopp, der damit ein kon­kretes Ziel ver­folgt: Eine per se hete­ro­gene Fuß­ball­mann­schaft zu einer homo­genen Ein­heit zu formen. Denn, so weiß Klopp, »je besser man sich kennt, desto größer ist der Respekt unter­ein­ander.«

Ver­bote erteilte Klopp auch: Alleine auf dem Zimmer hocken und Play­sta­tion spielen war ges­tern, unter Klopp steht im Donau­eschinger »Ösch­berghof« ein Gemein­schafts­raum mit Tisch­ten­nis­platten, Kicker und Video­kon­solen zur Ver­fü­gung. Die Spieler scheinen es zu mögen. Und mehr noch: Eifrig absol­vieren sie sogar Extra-Trai­nings­ein­heiten. Nie­mand mosert, weil unter Klopp vor zwei Fuß­ball-Ein­heiten noch ein paar Lauf­übungen auf der Tages­ord­nung stehen. Selbst vor Test­spielen geht’s noch mal auf den Trai­nings­platz. Und am Abend schwirrt nie­mand sofort zur Play­sta­tion oder Wii-Kon­sole, am Abend wird über Taktik gespro­chen. Klopps Credo heißt auch im internen Kreis: Par­ti­zi­pa­tion statt Eigen­bröd­lerei. Offen­heit statt Iso­la­tion.

Trainer beim BVB: Der undank­barste Job der Liga?

Wenn der BVB die ersten Spiele gewinnt, hat Klopp, der Bun­des­li­ga­trainer, alles richtig gemacht. Doch wehe, wenn die Spieler wieder ver­krampfen, wenn vor 80.000 Zuschauern im West­fa­len­sta­dion die Beine doch nicht so laufen, die Pässe doch nicht so mil­li­me­ter­genau gespielt werden, die Tore doch nicht so fallen, wie sie sich das in Dort­mund vor­ge­stellt haben. Dann ist Klopp plötz­lich wieder nur noch der TV-Trainer, und dann wird in den Wunden gebohrt, dann wird sicher­lich auch die Vita von Klopp nach Erfolgen, nach Zähl­barem abge­klopft. Und am Ende stehen die Fragen: Warum wurde Klopp eigent­lich Trainer beim BVB? Welche Refe­renzen hatte er bis dato? Wie passte er in das BVB-Profil und zu dem Anspruch des Clubs wieder ganz oben mit­mi­schen zu wollen?

Denn zum jet­zigen Zeit­punkt hat Klopp nicht mehr vor­zu­weisen als ein paar gute Jahre in Mainz, natür­lich seine Tätig­keit als smarter Mode­rator, zuletzt wurde er zum Bril­len­träger 2008 gekürt. Sein Name kur­sierte überall, als es um die Nach­folge von Klins­mann ging, und, als Hitz­feld ver­kün­dete, ab Sommer 2008 die Schweizer Natio­nal­mann­schaft zu trai­nieren, wurde Klopp als Bayern-Coach gehan­delt. Dafür kann Klopp natür­lich wenig, es ist die Eigen­dy­namik des Medi­en­ka­rus­sells. Und Klopp wird all das über­haupt nicht inter­es­sieren, denn jetzt will er zunächst nur eines: richtig in der ersten Liga ankommen. Und zwar genau dort, wo die Halb­werts­zeit für Trainer zuletzt stets eine sehr kurze war, bei dem Verein, so unkt man, wo die Erwar­tungen immer noch die sind, die man 1997 hatte. Nicht nur unter den Kie­bitzen raunt es bereits durch den Wind: Viel­leicht der undank­barste Job der Bun­des­liga.


2. DER IST IMMER NOCH HIER?

Aus der Ferne glänzte Nelson Valdez zu Bremer Zeiten stets wie ein kleiner Dia­mant. Sicher­lich, er war unge­schliffen, roh, sein Spiel mit­unter unge­stüm, unkon­ven­tio­nell. Doch ist das kaum ver­wun­der­lich, denn Valdez‘ Leben glich bis zu seiner Ankunft in Bremen einer unsteten Ach­ter­bahn­fahrt. Er wuchs in dem kleinen para­gu­ay­ischen Dorf San Joa­quin auf, spielte als 15-Jäh­riger für den Zweit­li­gisten Atlé­tico Tem­be­tary, musste sich aber mit­tellos die Nächte unter der Sta­di­on­tri­büne um die Ohren schlagen. Sein bester Freund in jenen Tagen hieß Cana – ein Whiskey.

Als Jürgen Born, der Vor­sit­zende der Werder-Geschäfts­füh­rung, ihn nach Deutsch­land einlud, bekam Valdez end­lich den Kopf frei. Zunächst. Nicht wenige sagte ihm damals die große Kar­riere voraus. Valdez schien treff­si­cher und ent­schlossen, wie der bes­sere Rouqe Santa Cruz. Allein die vor­letzte Saison im Werder-Trikot sollte dies belegen: Valdez stand in 27 Par­tien auf dem Platz, und obwohl er davon 15 Mal ein­ge­wech­selt wurde, erzielte er sieben Tore. Edel­joker nennt man das.

Doch solche Sta­tis­tiken trügen häufig und über­sehen eines: Wie viele Chancen der Stürmer für ein Tor benö­tigt. Vor dem Hin­ter­grund des offen­siven Werder-Spiels, das sich häufig erst in den letzten 30 Minuten einer Partie richtig ent­faltet, erscheint Valdez‘ Aus­beute mager. Als einige Werder-Fans nach dem Transfer von Valdez gefragt wurden, ob sie den Para­guayo ver­missen würden, ant­wor­teten sie: »Chan­centod ist für den gar kein Aus­druck!«

In Dort­mund wissen sie nun, was die Werder-Fans meinten. Nach zwei Spiel­zeiten ist Valdez immer noch nicht ange­kommen. Vor seinem Wechsel zu Dort­mund im Jahr 2006 ver­sprach er 15 Tore für den BVB. Am Ende wurde es ein ein­ziges – er benö­tigte dafür 29 Spiele. Die zweite Saison lief unwe­sent­lich besser, obgleich sie bes­tens begann: Am zweiten Spieltag köpfte Valdez gegen Schalke 04 ein, die Tore zwei und drei folgten aller­dings erst drei­ein­halb Monate später, und dabei blieb es auch.

Nun muss man Nelson Valdez zugute halten, dass er läuft, ackert, dass er sich für das Team auf­op­fert. Nur sieht es oft­mals so aus, als täte er das einzig, um dem Trainer, den Fans zu gefallen. Natür­lich ver­sucht er so auch über den Kampf ins Spiel zu finden, wie das im Pro­fi­jargon heißt. Doch bisher ver­irrt er sich über den Kampf zumeist im Krampf, im Laby­rinth der Ner­vo­sität und nicht genutzten Chancen. In der kom­menden Saison kon­kur­riert Valdez mit Diego Kli­mo­wicz um den Platz neben Mladen Petric. Zumin­dest so lange bis Alex­ander Frei zurück­kehrt. Dann dürfte er wieder in seine alte Rolle schlüpfen müssen – in die des Jokers. Ver­edelt ist diese dann längst nicht mehr.


3. GETESTET

Tests sind ver­dammt nochmal über­be­wertet – das sagen zumin­dest all die, die in sol­chen nichts, aber auch gar nichts gewinnen. So zuckte etwa Leo Been­hakker nach einer Nie­der­lage Polens gegen die USA im März 2008 nihi­lis­tisch mit den Schul­tern: »Zwei Tore nach Ecke, ein Tor nach Frei­stoß – was soll ich damit machen?« Zwei­ein­halb Monate später wusste er zwar immer noch nicht, was er damit machen sollte, doch immerhin hatte er die Gewiss­heit, dass seine Mann­schaft sang- und klanglos aus dem EM-Tur­nier geflogen war.

Jürgen Klopp werden die bis­he­rigen Test­ergeb­nisse auch nicht unbe­dingt die Schweiss­perlen auf die Stirn treiben. Doch schön­reden kann man bis dato auch nichts, denn es lief, nun ja, ziem­lich bescheiden für den BVB. Beim Blick auf die bis­he­rigen Ergeb­nisse könnten sich einige Herr­schaften glatt wieder den Aller­wer­testen abla­chen: Auf dem Wat­ten­scheider Hal­le­luja-Cup belegte der BVB den vierten Platz – bei vier teil­neh­menden Mann­schaften, von denen drei nicht in der 1. Bun­des­liga spielen. In den Par­tien gegen Rot-Weiß Essen und den MSV Duis­burg stand es nach regu­lärer Spiel­zeit 0:0, der BVB verlor jeweils im Elf­me­ter­schießen. Immerhin ent­puppten sich Gio­vanni Federico und Neu­zu­gang Tamas Hajnal in bester Spiel­freude, manch einer japste schon Halb­sätze wie »super, datt sind de kon­ge­niale Partner« und »datt hab ich jesehn: Traumduo« in den Wind.

Im ersten rich­tigen Test gegen den Schweizer Erst­li­gisten FC Luzern stand es schon nach einer Minute 0:1. Am Ende sorgten Gio­vanni Federico und Flo­rian Kringe immerhin noch für ein ver­söhn­li­ches 2:2. Klopp sagte nicht »Was soll ich damit?«, Klopp schimpfte an der Sei­ten­linie und wech­selte zehnmal ein und aus. Er ist momentan auf der Suche nach der ersten Elf, seine Mann­schaft nach der Form.


4. MUSS MAN NICHT WISSEN

Neu­zu­gang Neven Subotic trägt die Haare zu Corn­rows geflochten. Corn­rows sind diese total fancy Zöpfe, die diese Gangster-Rapper aus diesen MTV-Gangster-Rap-Videos tragen, wäh­rend sie mit diesen dicken Gangster-Rap-Schlitten durch Gangster-Bar­rios wie Brooklyn oder South Cen­tral wippen. Subotic wippt mit seinen Corn­rows auch – durch die Innen­städte von Dort­mund und Lüden­scheid. Seine Corn­rows nennen sich »Straight Rows« (gerade gefloch­tene Corn­rows) und »Che­rokee Corn­rows« (Corn­rows, bei denen die Endungen lang aus­laufen) und sehen auch ganz schön fancy aus. Wenn nicht sogar: crazy!


5. 11FREUNDE ORA­KELT

Wenn Valdez am ersten Spieltag ein Tor mit der Hacke macht, wird nicht nur der Para­guayo vor Selbst­be­wusst­sein strotzen, nein, die ganze Mann­schaft spielt sich in einen Gute-Laune-Rausch. Das Orakel sagt in diesem Fall: Platz 5. Wenn aller­dings die ersten Par­tien so ver­laufen wie die meisten Spiele der letzten Saison, die Spieler zudem wieder in All­tags­me­lan­cholie und »Der andere hat Schuld«-Rhetorik ver­fallen, dürfte es maximal zu Platz 9 rei­chen.