Manuel Bölstler, in heute startet die U‑21 Euro­pa­meis­ter­schaft. Was erwartet die deut­schen Nach­wuchs­fuß­baller im hei­ligen Land?
Das Tur­nier ist in Israel ein Rie­sen­thema. Fuß­ball steht ohnehin an erster Stelle. Ich hoffe, dass das deut­sche Team auch mal Zeit hat etwas von Land und Leute zu sehen. Jeru­salem und das Tote Meer sollten sie sich auch jeden Fall anschauen.

Israel steht aktuell auf Platz 59 der FIFA-Welt­rang­liste. Wirk­liche Erfolge gab es im Fuß­ball noch nicht zu feiern. Ist das Land über­haupt aus­rei­chend aus­ge­stattet, um solch eine Ver­an­stal­tung aus­zu­tragen?
Defi­nitiv. Die Sta­dien haben Top­stan­dards. Es gibt vier Spiel­orte, die alle in einem sehr guten Zustand sind. Die Infra­struktur ist sehr euro­pä­isch – das passt schon alles. Was anstren­gend wird, ist das Wetter. Im Juni kann es schon mal bis zu 45 Grad heiß werden. In meiner Zeit bei Hapoel Kfar Saba hatten wir teil­weise drei Spiel­un­ter­bre­chungen um zu trinken. Die Jungs dürfen die Tem­pe­ra­turen nicht unter­schätzen. Wenn man das nicht gewohnt ist, dann heißt es: Trinken, trinken, trinken.

Abge­sehen von den Tem­pe­ra­turen gibt es in Israel immer wieder Unruhen. Rake­ten­an­griffe rund um den Gaza-Streifen stehen förm­lich auf der Tages­ord­nung. Haben Sie diese Pro­bleme nicht abge­schreckt?
Grund­sätz­lich bin ich total unvor­ein­ge­nommen nach Israel gegangen. Ich habe ver­sucht, mir nicht viel von Außen­ste­henden erzählen zu lassen, son­dern mich bei Leuten zu infor­mieren, die selbst schon in Israel waren. Außerdem konnte ich durch ein ein­wö­chiges Pro­be­trai­ning in der Win­ter­pause der Saison 2010/2011 bei Mac­cabi Petach Tikva meine eigenen Ein­drücke sam­meln. In der Zeit, in der ich bei Hapoel gespielt habe, sind etwa 500 Raketen auf israe­li­schem Boden ein­ge­schlagen. Davon mit­be­kommen habe ich aber direkt nichts. Meine Frau und ich haben zehn Kilo­meter nörd­lich von Tel Aviv gewohnt – da war es sehr ruhig. Von Unruhen war nichts zu spüren.

Kam es auf­grund der Rake­ten­an­griffe zu Spiel­aus­fällen?
Zwei Spiele wurden des­halb ver­schoben oder abge­sagt. Eines in Asch­kelon, fünf Kilo­meter vom Gaza-Streifen ent­fernt. Da flogen die Nacht vor dem Spiel fast 40 Raketen rüber. Die Nacht darauf das gleiche. Dann sollte das Spiel statt­finden. Ich hatte ein sehr schlechtes Gefühl und wollte dort nicht hin. Die Mann­schaft und der Prä­si­dent haben mir dann aber gesagt, falls nur ein Pro­zent die Gefahr bestände, dass etwas pas­sieren könnte, würde das Spiel abge­sagt werden.

Sind Sie trotz Ihrer Bedenken hin­ge­fahren?
Ja, bin ich und es ist glück­li­cher­weise nichts pas­siert. Die Kinder haben auf der Straße gespielt wie immer. Diese Erfah­rung war im Nach­hinein sehr wert­voll. Einer­seits zu sehen, wie die Leute am Gaza-Streifen leben und mit der Situa­tion umgehen, ande­rer­seits aber auch wahr­zu­nehmen, wie sie täg­lich mit der Angst leben müssen. Das sind Momente, in denen man sich ernst­hafte Gedanken macht, wo man sich gerade befindet. Die Men­schen am Gaza-Streifen schätzen das Leben und jeden ein­zelnen Tag jeden­falls mehr, als wir hier in Deutsch­land. 

Auf­grund der gemein­samen, sehr schreck­li­chen, Ver­gan­gen­heit beider Länder war die Bezie­hung zuein­ander lange Zeit sehr belastet. Wie wurden Sie dort auf­ge­nommen – erlebten Sie Anfein­dungen oder Beschimp­fungen?
Nein. Ganz im Gegen­teil. Die Leute wollten wissen: Wie seht ihr Deut­schen das mit der gemein­samen Geschichte? Wie geht ihr mit der Situa­tion Deutsch­land-Israel oder Deutsch­land-Juden um? Vor­würfe oder Anfein­dungen habe ich nie erlebt. Nur einmal wurde ich im Spiel als Scheiß Deut­scher“ bezeichnet. Aber das habe ich hier in den Ligen auch überall, dass ich belei­digt werde. Außer­halb vom Sport­platz jeden­falls kein ein­ziges Mal. Alle waren sehr herz­lich und sehr freund­lich. Als deut­scher Fuß­baller ist man ohnehin sehr ange­sehen. 

Wie haben die Israelis ihr Ansehen Ihnen gegen­über gezeigt? So ähn­lich wie bei Lothar Mat­thäus? Er wurde als Trainer von Mac­cabi Net­anya direkt bei seiner Ankunft am Flug­platz von Fans emp­fangen und auf den Schul­tern getragen.
Beim Pro­be­trai­ning und dem TOTO-Cup-Finale (Neben dem natio­nalen Pokal­wett­be­werb ist der TOTO-Cup ein wei­terer Pokal­wett­be­werb, bei dem auch Pro­be­spieler ein­ge­setzt werden dürfen, d. Red.) bei und für Mac­cabi Petach Tikva war das von den Fans her ähn­lich. Da wurde direkt mein Name geschrieen und schon beim Warm­ma­chen wurde ich beju­belt. Das hat mich sehr gewun­dert, aber als deut­scher Spieler ist man ein­fach direkt eine Art Idol. Sie nehmen alles von dir auf – egal um was es geht. Sogar der Trainer.

Der Trainer?
Erst bin ich relativ schnell zum Kapitän gewählt worden, dann hat mich der Trainer gefragt, wie wir gegen den oder den Gegner spielen sollen und außerdem hat er auf mein Anraten hin ein­ge­führt, dass sich die Mann­schaft eine Stunde vor Trai­nings­be­ginn trifft. Das war völlig neu und eine totale Umstel­lung für alle. Normal war bis dato eigent­lich fünf Minuten vor oder zehn Minuten nach Trai­nings­be­ginn zu kommen.

Sie haben also direkt die viel gerühmte deut­sche Dis­zi­plin und Ord­nung im israe­li­schen Fuß­ball­verein ein­ge­führt?
Das kann man so sagen. Was man aber nicht aus ihnen raus­be­kommen hat, war die sehr enge Bin­dung zu ihrem Handy. Es klin­gelte in der Kabine, es klin­gelte wäh­rend der Bespre­chung. Sobald irgend­etwas mit der Familie ist, ist alles andere neben­säch­lich und tabu. Nichts ist wich­tiger als die Familie, des­halb waren die Handys auch immer an. Daran musste man sich gewöhnen.

Neben der ver­bes­se­rungs­wür­digen Ein­stel­lung zum Beruf, was gab es aus fuß­bal­le­ri­scher Sicht zu bemän­geln?
Also kicken können die in Israel alle – stel­len­weise besser als ich (lacht). Beson­ders vom tech­ni­schen und vom Schnel­lig­keits­ver­halten her sind sie sehr gut aus­ge­bildet. Das sieht man auch bei der WM-Qua­li­fi­ka­tion immer wieder, wie bei­spiels­weise dem 3:3 gegen Por­tugal. Sie spielen einen schnellen und tech­nisch hoch­wer­tigen Fuß­ball. Wo es Defi­zite gibt, das sind die Pro­fes­sio­na­lität, die Orga­ni­sa­tion auf dem Feld und natür­lich die Taktik.

Trotzdem schaffen es immer wieder Israelis in die euro­päi­schen Top­ligen. Bei­spiels­weise Yossi Benayoun (FC Liver­pool, FC Chelsea und FC Arsenal) in Eng­land oder Almog Cohen (1. FC Nürn­berg), Gal Alber­mann (Borussia Mön­chen­glad­bach), Gil Ver­mouth und Itay Shechter (1. FC Kai­sers­lau­tern) in Deutsch­land. Wie wurde über diese Spieler in Israel berichtet?
Es kommen eigent­lich immer irgend­welche Spiele live – haupt­säch­lich die, bei denen Israelis mit­spielen. Die genannten Spieler sind Stars in ihrem Land. Jeder Israeli würde gerne nach Europa, nach Deutsch­land. Ich bin hun­derte Male von Israelis ange­spro­chen worden, ob ich ihnen hier nicht ein Pro­be­trai­ning orga­ni­sieren kann. Deutsch­land ist für sie ein großes Land, ein Fuß­ball­land. Jeder, der die Chance bekäme hier zu spielen, würde sie sofort nutzen. 

Würden Sie einem deut­schen Spieler raten nach Israel zu wech­seln?
Es kommt darauf an, was der Spieler errei­chen möchte. Einem jungen Spieler, der die Chance hat in Deutsch­land seine Kar­riere vor­an­zu­treiben, würde ich das nicht raten. In Deutsch­land ist das Aus­bil­dungs­po­ten­tial ein­fach viel besser, ebenso die Auf­stiegs­chancen. Älteren Spie­lern – sofort. Wenn der­je­nige eine Aus­lands­er­fah­rung sam­meln möchte, sollte er das Angebot annehmen. Du hast dort ein schönes Leben als Fuß­baller. Man hat super Wetter und es sind ein­fach ganz herz­liche Leute dort. Sie würden es nicht bereuen.