Am Anfang war es nur ein Gag. Kein schlechter, keine Frage. Es ist Dienstag, der 4. Juli 2006, und die deut­sche Natio­nal­mann­schaft spielt im Halb­fi­nale des WM-Som­mer­mär­chens im Dort­munder West­fa­len­sta­dion gegen Ita­lien. André sitzt mit drei Freunden in einer Kneipe in Osna­brück. Kurz vor dem Anpfiff, irgend­wann zwi­schen Bier Nummer zwei und drei, kommt ihm der Geis­tes­blitz: Wenn wir heute gegen Ita­lien ver­lieren, essen wir nicht mehr beim Ita­liener“, sagt er. Ein Lacher. Alle stimmen zu. Kein Pro­blem. Prost. Der Grup­pen­schwur steht. Das nächste Bier kommt. Dann der Anpfiff. Dann die Nacht­spiel­zeit. Dann Fabio Grosso. Dann Ales­sandro del Piero. Und dann der Frust. In der Piz­zeria gegen­über liegen sich die Tifosi jubelnd in den Armen und als André später vor­bei­geht, schallen Schmäh­rufe durch die Straßen von Osna­brück. Ein Schlüs­sel­er­lebnis.

Andere essen Eis, er guckt zu

Und André ahnt, was er nun zu tun hat. Er hat Quentin Taran­tinos Kill Bill“ gesehen und weiß: Rache ist ein Gericht, das man am besten eis­kalt ser­viert. 2185 Tage ist jener Abend im Juli jetzt her und seit 2185 Tagen hat André keinen Fuß mehr in ein ita­lie­ni­sches Restau­rant oder in eine Eis­diele gesetzt. Auf einer Här­te­skala von 1 bis 10 würde ich dem Ganzen eine neun geben“, sagt André. Denn er liebte Pizza, liebte Pasta, liebte Eis. Um seinen Stam­mita­liener musste er anfangs einen Bogen macht, um nicht rück­fällig zu werden“. Vor allem heiße Som­mer­tage tun weh. Denn wäh­rend alle lust­voll an ihrem Eis schle­cken, steht er im Abseits und schwitzt. Warum tut sich jemand so etwas an? Ich habe damals eine so tiefe Ent­täu­schung emp­funden wie selten zuvor. Viel­leicht ist das immer noch meine Form der Ver­ar­bei­tung“, sagt er heute. Von seinen Kum­pels sind alle irgend­wann schwach geworden. Reu­mütig gestanden sie der Reihe nach, nicht länger Teil des Schwurs sein zu können. Heute ist André der letzte Pro­testler.

Seinen Stam­mita­liener gibt es nicht mehr

Erklärt hat er sich seitdem bereits Hun­derte Male. Ver­stehen tun ihn eigent­lich nur Männer, Frauen quit­tieren seinen Pro­test mit Kopf­schüt­teln und schwingen sich lieber ins nächste Eis­café. Und oft genug brachte ihm sein Schwur auch in echte Bedrängnis. Einmal bat ihn sein Arbeit­geber, für meh­rere Tage nach Ita­lien zu fahren – André sagte ab. Das kam mit­tel­mäßig an“, erin­nert er sich. Und als er einmal mit ein paar Bekannten zum Essen ver­ab­redet war, erfuhr er erst auf dem Weg dorthin, dass es zum Ita­liener gehen sollte. André ließ sich unter­wegs an der Pom­mes­bude absetzen. Seine Kol­legen fuhren weiter und hatten einen schönen Abend. Mit Pizza. Und ohne André. Mitt­ler­weile könnte ich auch wieder an meinem Stam­mita­liener vor­bei­gehen“, sagt er lächelnd. Der ein­fache Grund: Das Restau­rant gibt es nicht mehr. Vor Monaten hat hier ein Inder eröffnet.

Don­ners­tag­abend trifft Deutsch­land auf Ita­lien. Unge­fähr 3.147.840 Minuten dauert Andrés kuli­na­ri­sche Nach­spiel­zeit im Moment des Anpfiffs an. Die Karten werden dann neu gemischt. Auch wenn es nur die Karten der ört­li­chen Restau­rant­be­treiber sind. „ Falls Deutsch­land ver­liert, bin ich bereit, wei­ter­zu­ma­chen“, sagt er. Und falls die Löw-Elf gewinnt? Dann gibt es Pizza!“