Seite 4: Recht allein macht nicht glücklich

Da Jean-Marc Bosman sich bei seinem Traum­klub Stan­dard Lüt­tich auch nach fünf Jahren nicht durch­setzen konnte, wech­selte er 1988 zum klei­neren Nach­barn RFC Lüt­tich. Doch auch dort wurde er kein Stamm­spieler. Als sein Ver­trag 1990 aus­lief und der Verein ihm einen neuen nur zu radikal gekürzten Bezügen anbot, war Bosman so ver­är­gert, dass er lieber ein Angebot aus der zweiten Liga Frank­reichs annahm, von USL Dun­kerque. Und damit wurde die Ange­le­gen­heit kom­pli­ziert. Heute liest man oft, dass Lüt­tichs Ablö­se­for­de­rung absurd hoch gewesen wäre. Das stimmt nur zum Teil. Der Verein for­derte zwar in der Tat kühne zwölf Mil­lionen bel­gi­sche Francs (etwa drei Mil­lionen Euro), fand zu diesem Preis aber keinen Abnehmer und einigte sich daher mit Dun­kerque auf ein Aus­leih­ge­schäft: ein Jahr Bosman für eine Mil­lion Francs. Doch dann zwei­felte Lüt­tich plötz­lich an der Zah­lungs­fä­hig­keit von Dun­kerque und zögerte damit, das Aus­lei­h­ab­kommen zu unter­schreiben. Als am 1. August 1990 die neue Saison begann, war Bosman auf einmal arbeitslos, obwohl er seinen Ver­trag in Lüt­tich erfüllt und einen neuen Arbeit­geber gefunden hatte. Erbost zog er vor Gericht und klagte. Aber nicht etwa nur gegen das System der Tran­fer­summen, son­dern auch gleich noch gegen andere Ein­schrän­kungen. Dass Ver­eine zum Bei­spiel nur eine begrenzte Anzahl von Aus­län­dern ein­setzen durften, sagte er, mache es ihm schwer, seinen Beruf außer­halb von Bel­gien aus­zu­üben.

Zuerst war Bos­mans Gegner nur der RFC Lüt­tich, in der nächsten Instanz der bel­gi­sche Ver­band, schließ­lich die UEFA. Denn der Spieler bekam vor jedem Gericht Recht, und jedes Mal gingen seine Kon­tra­henten in die Beru­fung. Schließ­lich, nach gut fünf Jahren des Pro­zes­sie­rens, lan­dete die Sache beim Euro­päi­schen Gerichtshof, und nun schwante dem Fuß­ball Böses. Laut Spiegel“ bot die UEFA Bosman sogar zwei Mil­lionen Mark Schwei­ge­geld“, damit er die Klage fallen lasse. Aber ers­tens hatte Bosman inzwi­schen die inter­na­tio­nale Spie­ler­ge­werk­schaft hinter sich, zwei­tens ging es schon lange nicht mehr darum, wieder Fuß­ball zu spielen. Dafür war es zu spät. Nun ging es um etwas anderes: Ich wollte mein Recht.“

Sozi­al­hilfe, Alko­ho­lismus und Depres­sionen

Am 15. Dezember 1995 bekam er es end­lich: Das Gericht in Den Haag erklärte im Grunde das kom­plette Trans­fer­system inner­halb der EU für ver­fas­sungs­widrig. Doch Recht allein macht nicht glück­lich. Vor knapp zwei Jahren bezeich­nete das Schweizer Fern­sehen Bosman als den Fuß­ball­re­bellen in Armut“, er lebt inzwi­schen von Sozi­al­hilfe, leidet unter Depres­sionen, hat zwei Schei­dungen hinter sich und eine Phase schwersten Alko­ho­lismus. Der Bel­gier, heute ein Mann mit trau­rigen Augen und viel Speck um die Hüften, ver­steht sich nicht als Sieger, son­dern als Opfer. Sein Kampf, so sieht Bosman es, ließ die Spie­ler­ge­hälter und Hand­gelder explo­dieren und machte andere Leute reich. Es ist, als hätte ich jemandem die rich­tigen Lot­to­zahlen gegeben“, sagt er, und werde dann nicht am Gewinn betei­ligt.“

Auch Eastham, der heute 75 Jahre alt ist und noch immer wie ein Cha­rak­ter­dar­steller aus­sieht, hat kein Ver­mögen ange­häuft. Vor geraumer Zeit ver­stei­gerte er sogar die meisten Andenken an sein Fuß­bal­ler­leben, aber er findet nicht, dass ihm jemand etwas schuldet. Warum sollte ich ver­bit­tert sein?“, sagt er. Man kann sich solche Andenken ja nicht ewig anschauen. Ich möchte meinen Kin­dern lieber Geld hin­ter­lassen, wenn ich mal nicht mehr bin.“ Was er nicht ver­stei­gerte, war der Orden OBE“, den ihm die Königin ver­liehen hat. Für Ver­dienste um den Fuß­ball“.