Seite 2: Warum die Defensive schwimmt

3. Den Bayern fehlt die Kon­trolle 

Das führt zum nächsten Pro­blem: Die Bayern können keine Kon­trolle über das Spiel erlangen. In den ver­gan­genen Jahren war ein Bayern-Spiel nach einem 2:0 prak­tisch vorbei. Sie ließen Ball und Gegner laufen, dieser rieb sich auf, kam aber nie auch nur in die Nähe des Spiel­ge­räts.

Das gelingt den Bayern in dieser Saison nicht mehr. Gleich zwei Mal binnen einer Woche ver­spielten sie eine 2:0‑Führung. Hertha musste nicht einmal einen aus­ge­klü­gelten tak­ti­schen Plan vor­legen: Sie begannen nach der Pause, in ihrem 4 – 2‑3 – 1‑System den Gegner aggres­siver zu stören. Sie bauten über den ganzen Platz Man­n­ori­en­tie­rungen auf, liefen Mün­chens Abwehr früh an. Her­thas Wucht und Aus­dauer beein­druckte die Bayern; so etwas war lange Jahre nicht vor­stellbar in der Bun­des­liga.

4. Die Defen­sive schwimmt

Genki Hara­gu­chis Solo vor dem 2:1 offen­barte die Schwä­chen der Mün­chener Abwehr: Nie­mand störte ihn, nur halb­herzig gingen Bay­erns Ver­tei­diger zum Ball. Das Pro­blem zieht sich aller­dings durch die gesamte Mann­schaft; die Ver­tei­diger, gerade der starke Mats Hum­mels, hin­ter­ließen sogar noch den stärksten Ein­druck.

Bay­erns Pres­sing ist nicht auf dem Niveau ver­gan­gener Tage. In der ersten Halb­zeit gelang es ihnen noch, im Spiel gegen den Ball kom­pakt zu stehen. Die Abwehr schob weit nach vorne, das Mit­tel­feld störte aggressiv. Nach der Pause ver­gaßen die Bayern alles, was sie in der ersten Halb­zeit stark gemacht hatte. Gerade das Nach­rück­ver­halten des Mit­tel­felds stimmte nicht mehr. Die Bayern machten es Hertha zu ein­fach, die ein­rü­ckenden Außen­stürmer mit Pässen zu füt­tern.

5. Bayern agiert zu flü­gel­lastig

Offenbar wollten die Spieler ihren Trainer Sagnol beein­dru­cken – dessen Halb­feld­flanken sind bis heute in Mün­chen legendär. Also schlugen die Mün­chener beim Spiel­stand von 2:2 Flanke um Flanke in den Straf­raum und hofften, dass einer der Bälle bei einem Stürmer lan­dete. 

Die Flü­gel­las­tig­keit ist das große Pro­blem der Bayern in dieser Saison. Durch die tiefe Posi­tion der Sechser fehlt eine Anspiel­sta­tion im offen­siven Mit­tel­feld. Den Bayern bleibt häufig nur der Weg über die Flügel. Neben Robben und Ribery fehlt hier auch Kingsley Coman die Form. Statt atem­be­rau­bender Dribb­lings können Bay­erns Außen der­zeit nur Flanken anbieten. Ins­ge­samt 178 Flanken schlugen die Bayern in dieser Saison, das ist der höchste Wert der gesamten Liga – der Durch­schnitts­wert liegt bei rund 120. 

Viele Flanken müssen nicht per se eine fal­sche Stra­tegie sein. Wenn das Spiel aller­dings nur noch aus hohen Her­ein­gaben besteht, kann sich der Gegner leicht darauf ein­stellen. Genau das tat Hertha in der Schluss­phase. Der Traum der Bayern, ihre Krise mit einem Flug in die Ver­gan­gen­heit zu beenden, platzte.