Eine Retropie“ bezeichnet eine Form der Utopie, bei der man das Heil in der als glor­reich ange­se­henen Ver­gan­gen­heit sucht – oder ein­fa­cher gesagt: Früher war alles besser“. Nun muss der FC Bayern Mün­chen nicht allzu weit in die eigene Ver­gan­gen­heit zurück­gehen, um eine solche Retropie zu ent­wi­ckeln: Es soll am Besten alles wieder so sein wie 2013, als der FC Bayern unter Jupp Heynckes das Triple gewann.

Der neue Trainer Willy Sagnol hat gegen Hertha einen sol­chen Rück­griff in die Ver­gan­gen­heit ver­sucht. In der ersten Halb­zeit ließ er ast­reinen Jupp-Heynckes-Fuß­ball spielen: Er stellte die Bayern in einem 4−2−3−1 auf. Das klas­si­sche Bayern-Trio Franck Ribery, Thomas Müller und Arjen Robben durfte hinter Robert Lewan­dowski ran, Javi Mar­tinez agierte erst­mals seit langer Zeit nicht als Innen­ver­tei­diger, son­dern im zen­tralen Mit­tel­feld. Ganz schön retro.

Und ganz schön zahnlos. Die Bayern ver­spielten einen 2:0‑Vorsprung, am Ende stand es 2:2. Zum dritten Mal binnen einer Woche konnten die Bayern nicht gewinnen, trotz Trai­ner­wechsel. Mit Pech oder Zufall hat das wenig zu tun. Wir beleuchten die fünf größten Pro­bleme der Bayern.

1. 2013 ist vorbei

So schön die Idee der Rück­kehr zum alten 4−2−3−1 klingt: 2013 ist vorbei. In der ersten Halb­zeit sah man, dass den Bayern das System zwar grund­sätz­lich liegt. Gerade die Lauf­wege in der Offen­sive passten. Defensiv war es nicht ganz so flüssig: Das Pres­sing setzte zu spät ein, die Bayern ver­tei­digten mit der Zeit immer weniger kom­pakt. 

Aller­dings sind die Spieler nicht mehr die­selben wie 2013. Es fehlt ein Spiel­ge­stalter vom Schlage eines Bas­tian Schwein­s­tei­gers, der das Mit­tel­feld über­brückt. Die Bayern müssen noch häu­figer als früher den Weg über die Flügel suchen – und dort fehlt Robben und Ribery die For­tune, Angriffe wirk­lich zu Ende zu spielen. Auch David Alaba ist weit ent­fernt von der Form ver­gan­gener Tage. Seine Abste­cher in die Offen­sive helfen dem Team nicht, seine offen­sive Posi­tion schadet viel eher. 2013 ist vorbei, eine Rück­kehr zum alten System scheint nicht mög­lich.

2. Es fehlt ein Stra­tege

In der ersten Halb­zeit war das Bayern-Spiel eine Mischung aus schnellen Angriffen und langen Ball­staf­fetten, aus frühem Pres­sing und tiefen Abwarten. Nicht immer war diese Mischung har­mo­nisch. 

Beson­ders die Dop­pel­sechs wirkte nicht immer per­fekt abge­stimmt. Javi Mar­tinez pos­tierte sich tief, Corentin Tolisso wich auf die Flügel aus und ver­suchte von hier aus den Aufbau zu unter­stützen. Zu selten ging einer der Beiden nach vorne und unter­stützte im offen­siven Mit­tel­feld. Nach dem Kar­rie­re­ende von Xabi Alonso klafft eine große Lücke im zen­tralen Mit­tel­feld. Thiago kann diese nicht füllen, im Gegen­teil: Seit Alonso weg ist, lässt er sich weiter zurück­fallen, um das Spiel von hinten zu gestalten. Dadurch fehlt er aller­dings am geg­ne­ri­schen Straf­raum.