1.
Beim ältesten kon­ti­nen­talen Tur­nier der Welt ist Heim­vor­teil fast alles. Wenn unsere Fuß­baller Bra­si­lien ver­lassen, rutscht ihnen das Herz in die Hose“, sagte der ehe­ma­lige Santos-Spieler Ney Blanco einmal. Tat­säch­lich gewann die Selecao ihre ersten vier Copas alle­samt vor hei­mi­schen Publikum. Ver­hasst waren den Natio­nal­teams vor allem die Tur­niere in Boli­vien. In La Paz, auf 4000 Höhen­me­tern, gewann Boli­viens Aus­wahl 1963 ihre bis dato ein­zige Copa, 1997 wurde sie Zweiter.

Sapo2.
Außer­or­dent­lich nütz­li­ches Wissen für die Mit­tags­pause: Die meisten Tore in der Copa Ame­rica, näm­lich 17, erzielten Nor­berto Mednez (Argen­ti­nien) und Ziz­inho (Bra­si­lien). Das Match mit den meisten Tref­fern fand 1942 statt, Argen­ti­nien besiegte Ecuador mit 12:0. Rekord­spieler mit 34 Ein­sätzen ist u.a. ein Mann mit dem wun­der­baren Namen Sergio Roberto Sapo“ Living­stone Pohl­hammer. Der chi­le­ni­sche Tor­wart spielte zwi­schen 1941 und 1954 für sein Natio­nal­team. Bei seiner ersten Copa Ame­rica 1941 wurde er zum besten Tor­wart des Tur­niers gewählt. Sapo heißt übri­gens der Frosch“. Ein Blick aufs Bild verrät, warum Pohl­hammer so genannt wurde.

3.
Immer wieder kommt es vor, dass der süd­ame­ri­ka­ni­schen Fuß­ball­ver­band Gast­na­tionen zur Copa Ame­rica ein­lädt (etwa Mexiko, die USA, Hon­duras, Costa Rica oder dieses Jahr Spa­nien, das aus Ter­min­gründen absagte). Als aller­dings 1999 Japan bei der Copa teil­nahm, weil Toyota als Haupt­sponsor des Tur­niers darauf drängte, wurde es einigen zu bunt. Eine Zei­tung fragte etwa: Wird China eines Tages Euro­pa­meister?“ Manch ein Experte blickte schon beim Eröff­nungs­spiel zwi­schen Peru und Japan nicht mehr durch. In der siebten Minute hatte dort ein japa­ni­scher Spieler einen Frei­stoß ins eigene Tor bug­sierte. Der Tor­schütze hieß aller­dings Wagner Lopes und ist eigent­lich Bra­si­lianer. Man erfuhr, dass er ein­ge­bür­gert wurde. Man erfuhr außerdem: Ich bin japa­ni­scher als man­cher Japaner.“ All das mag den Argen­ti­nier Martin Palermo so ver­wirrt haben, dass er wenige Tage später gegen Kolum­bien drei Elf­meter ver­schoss, was ihm die größte Krise seiner Fuß­ball­lauf­bahn bescherte und einen Ein­trag ins Guin­ness-Buch der Rekorde.

4.
Über Jahr­zehnte ließen uru­gu­ay­ische Natio­nal­coa­ches ihre Mann­schaften gerne mit acht, neun oder zehn Mann trai­nieren. Das hatte kei­nes­wegs mit einem Mangel an Spie­lern zu tun, son­dern war eine Anpas­sung an die Ver­hält­nisse: Uru­guay hatte sich bei der Copa den Ruf ergrätscht, das här­teste und unfairste Team Süd­ame­rikas zu sein. Oscar Tabarez war Ende der acht­ziger Jahre einer der ersten Natio­nal­trainer, der seiner Mann­schaft ver­ständ­lich machen konnte, dass es sinn­voller ist, eine Partie mit elf Spie­lern zu beenden. Die fol­genden Trainer ver­suchten diese Idee zu über­nehmen. Die Öffent­lich­keit reagierte empört, eine Zei­tung schrieb nach einem Sieg bei der Copa 1995: Was ist nur pas­siert? Auf dem Platz stand eine Equipo de senoritas“, eine Mann­schaft von Frauen. In Uru­guay darf man das getrost als Belei­di­gung ver­stehen.

5.
In jenen Jahren ging das Fan-Inter­esse an der uru­gu­ay­ischen Natio­nal­mann­schaft rapide zurück. Beim Eröff­nungs­spiel der Copa 1995 in Uru­guay kamen gerade mal 40.000 Fans in das 70.000 Zuschauer fas­sende Estadio Cen­ten­ario“. Und selbst das Fern­sehen schal­tete sich ab – es gab keine Bewegt­bilder von der Partie des Gast­ge­bers gegen Vene­zuela. Der Poli­tiker Luis Ber­nardo Poz­zolo pöbelte: Das ist ein Kom­plott gegen die Men­schen dieses Landes!“ Später liefen die Geräte wieder, Uru­guay gewann das Tur­nier im Elf­me­ter­schießen gegen Bra­si­lien und Hector Nuñez wurde als Trai­ner­fuchs gefeiert. Dass er auch eine Equipo de senoritas“ spielen ließ hatte man da irgendwie ver­drängt Ich will, daß sich unsere Spieler aufs Fuß­ball­spielen kon­zen­trieren und nicht auf Box­kämpfe und Schlä­ge­reien.“

6.
Nach der ent­täu­schenden Copa Ame­rica 1993, bei der Bra­si­lien schon im Vier­tel­fi­nale aus­schied, tobten die Jour­na­listen. Die Tages­zei­tung Folha de Sao Paulo“ sprach von ver­hassten Aus­län­dern, die lieber in Europa bleiben sollten“. In der Kritik standen vor allem der damals für den VfB Stutt­gart spie­lende Dunga, Bay­erns Jorginho und der nach Japan aus­ge­wan­derte Careca. Sie hätten den bra­si­lia­ni­schen Fuß­ball­zau­be­rern mit ihrem Bie­der­mann-Gekicke den Krieg erklärt. Wäh­rend auch die Fans wegen der vielen Euro­päer“ auf die Bar­ri­kaden gingen und von den guten alten Zeiten schwärmten, machten ein paar eif­rige Self­made-Ver­käufer auf den Straßen von Rio und Sao Paulo das Geschäft ihres Lebens. Sie ver­tickten selbst zusam­men­ge­schnit­tene Videos der Welt­meis­ter­schaften 1958 und 1962.

7.
Im Früh­jahr 1994 waren sich die Experten einig: Mexiko ist einer der hei­ßesten Favo­riten auf den WM-Titel in den USA und Stürmer Luis Roberto Alves der kom­mende Super­star bei Inter Mai­land. Schließ­lich hatte dieser wenige Monate zuvor bei einem Län­der­spiel sieben Tore geschossen und die Mann­schaft sich bei der Copa Ame­rica 1993 sou­verän ins Finale gespielt und war dort nur knapp an Argen­ti­nien geschei­tert. Außerdem rech­nete man bei der WM 1994 mit großer Unter­stüt­zung. Wir sind ja neben den Ver­ei­nigten Staaten so etwas wie der zweite Gast­geber“, sagte Alves in Sie­ges­laune. Dass man Leis­tungen bei der Copa nicht über­be­werten sollte, zeigte der fol­gende Sommer 1994: Mexiko schaffte nur auf­grund des Tor­ver­hält­nisses den Sprung in Ach­tel­fi­nale. Dort schei­terte das Team gegen Bul­ga­rien. Alves wech­selte in den fol­genden Jahren zu Atlante, später nach Necaxa. Der Sprung nach Europa gelang nie.

8.
Außer­or­dent­lich nütz­li­ches Wissen für den Knei­pen­t­resen: Argen­ti­nien und Uru­guay haben die meisten Copas gewonnen, näm­lich 14. Dahinter Bra­si­lien mit acht Titeln. Sen­sa­tionen bisher: Peru gewann das Tur­nier 1975, Kolum­bien 2001. Die meisten Tore pro Spiel fielen 1927 (6,17). Bei diesem Tur­nier besiegte Uru­guay Boli­vien mit 9:0. Es war der bis dato höchste Sieg der Copa Ame­rica. Die Tor­schützen: 1:0 Petrone (18.), 2:0 Figueroa (19.), 3:0 Arremon (43.), 4:0 Petrone (65.), 5:0 Figueroa (67.), 6:0 Castro (68.), 7:0 Figueroa (69.), 8:0 Petrone (81.), 9:0 Sca­rone (86.).

9.
Als wahr­lich gro­teskes Tur­nier ent­puppte sich die Copa 2001 in Kolum­bien. Der Gast­geber mar­schierte ohne Punkt­ver­lust und Gegentor ins Finale, wo die Mann­schaft Mexiko mit 1:0 besiegte. Auf dem Weg ins End­spiel musste das Team aller­dings gegen keinen ein­zigen Großen“ ran. In der Vor­runde spielte Kolum­bien gegen Chile, Vene­zuela und Ecuador, im Vier­tel­fi­nale gegen Peru und im Halb­fi­nale gegen Hon­duras. Die Mit­tel­ame­ri­kaner hatten nach Argen­ti­niens Absage (Ter­ro­ris­ten­war­nung) erst wenige Tage vor Beginn des Tur­niers eine Ein­la­dung erhalten. Der hon­du­ra­ni­sche Ver­band rief seine Spieler aus den Urlauben zurück und reiste mit einer Rumpf­truppe an. Trotzdem spielte sich die Mann­schaft phä­no­menal ins Vier­tel­fi­nale, wo der bis dato größte Erfolg in der Geschichtes des hon­du­ra­ni­schen Fuß­balls gelang: Ein 2:0‑Sieg gegen Bra­si­lien. Tor­schüt­zen­könig des Tur­niers wurde der Kolum­bianer Víctor Aris­tizabal, dem einige eine große Kar­riere in Europa vor­aus­sagten. Doch dazu kam es nie. Noch vor der WM 2006 zer­stritt er sich mit seinem Trainer Fran­cisco Matu­rana. Dieser bezeich­nete Aris­tizabal später als Bester Fuß­ball­spieler ohne Ball auf der Welt“.

10.
Außer­or­dent­lich nütz­li­ches Wissen für den nächsten Small­talk an der Käse­theke bei Lidl: Lange Zeit hieß es, dass die erste Copa Ame­rica bereits 1910 unter dem Namen Torneo Ame­rica del Sud aus­ge­tragen wurde. Richtig ist: Die Torneo war das erste inter­na­tio­nale Tur­nier in Süd­ame­rika, an dem mehr als zwei Fuß­ball­na­tionen teil­nahmen. Die Copa Ame­rica fand erst­mals 1916 statt und heißt offi­ziell Cam­pe­o­nato Sudame­ri­cano de Futbol Copa Ame­rica. Das erste Tor des Copa Ame­rica schoss Uru­guays Jose Pien­bi­bene bei einem 4:0‑Sieg über Chile.

11.
Zum Abschluss noch ein Video von 1989 und die Erkenntnis, dass bei der Copa selbst Gott nicht immer alles gelang: