20 Jahre nach dem Schock: Die 102 Sekunden von Barcelona

Drei Minuten Nachspielzeit

22:30:01 Uhr Der vierte Offizielle zeigt an: drei Minuten Nachspielzeit. Nur ein Wunder kann United noch retten. Ottmar Hitzfeld starrt auf die elektronische Tafel, die Zahl leuchtet rot, der Coach denkt: »Verdammt. Das ist lang.« Manchester-Ikone George Best sitzt auf der Ehrentribüne und kriegt das Kotzen. Die Pinguine von der UEFA gehen ihm auf die Nerven, es gibt nichts zu trinken – und nun soll er auch noch den Sieg der fucking Krauts bezeugen? Er, der Europapokalsieger von 1968? Er, George Best? No way. Best erhebt sich von seinem Platz und drängelt sich vorbei an den Honoratioren. Dürft’ ich kurz? Entschuldigung, ich müsste da mal ... Noch vor dem Abpfiff hat er den Ausgang erreicht und die sich anbahnende Schmach hinter sich gelassen. Ah, Luft! Wo gibt’s hier Bier?



22:30:16 Uhr Auch UEFA-Präsident Lennart Johansson kann den Abpfiff nicht von seinem Ehrensitz aus erleben. Er muss zur Siegerehrung, Medaillen und Pokal überreichen. Der schwere Mann ächzt durch die Katakomben. War das nicht George Best da eben? Unterwegs murmelt er Glückwünsche auf Deutsch: »Ich gratuliere Ihnen, Herr Effenberg!« – das sitzt.



22:30:31 Uhr Tarnat erkundigt sich bei Pierluigi Collina, wie lange er noch spielen lassen wolle. Der Schiri grinst. »Eine Aktion noch«, signalisiert er. Tarnat denkt: »Wir müssen den Ball um jeden Preis aus unserem Sechzehner raushalten.«



»Der Pokal gehört jetzt uns!«



22:30:33 Uhr Bayern-Physiotherapeut »Atze« Gebhardt schleppt eine Palette mit Wasserflaschen aus der Kabine ans Spielfeld. Als er sich seinen Weg aus den Katakomben zurück ins Stadion bahnt, laufen UEFA-Bedienstete mit dem Pokal an ihm vorbei. »Der gehört jetzt uns!«, denkt sich der Bayern-Veteran. Als er ins Stadion kommt, sieht er, wie Stefan Effenberg eine Flanke von Gary Neville zur Ecke klärt. 



22:30:35 Uhr Beckham legt sich den Ball zur Ecke, der englische TV-Kommentator orakelt: »Can Manchester United score? They ALWAYS score!« Da taucht Keeper Peter Schmeichel im Strafraum auf. Thomas Linke denkt: »Plötzlich waren sie mit fünf Stürmern vorne. Und dann bringt auch  Schmeichel noch die Ordnung durcheinander.« Wer bewacht ihn? Wer bewacht überhaupt die anderen drei, vier…… zehn Stürmer? Oliver Kahn brüllt Anweisungen, niemand hört ihn, denn hinter ihm schreit eine Wand aus ManU-Fans. Wie war das noch, Michael Henke? Ecke gleich ein halbes Tor! Und da kommt sie, segelt in den Sechzehner, Keeper Schmeichel ist direkt in ein Kopfballduell verwickelt, der Ball tropft Thorsten Fink vor die Füße, der versucht zu klären, der Ball rutscht ihm über den Spann und geht in die Mitte zu Ryan Giggs. Der schießt aus 18 Metern, verzieht leicht, am Fünfer dreht sich Sheringham in den Ball, Mehmet Scholl steht hinter ihm, Kahn kann nicht mehr reagieren – Tor! 



Tor? Scholl und Kahn heben den Arm, reklamieren Abseits, doch Collina zeigt zum Mittelkreis. Sheringham rennt zur Eckfahne. »Name on the trophy: Teddy Sheringham!«, skandiert der englische TV-Kommentator. Thomas Linke: »In diesem Moment wurden sehr viele Fehler gemacht.« Ferguson hüpft auf und ab, steif vor Verzückung. Ottmar Hitzfeld denkt: »Das darf doch nicht wahr sein. Der Treffer fiel zwar aus einer unübersichtlichen Situation, doch nur Zufall war dieses Tor nicht.« Lothar Matthäus sitzt auf der Bank und weint, ohne es zu wissen.
 


Neville spielt Katz und Maus mit Kuffour



22:30:52 Uhr Pierluigi Collina pfeift nochmal an. Und er macht keine Anstalten, das Spiel gleich wieder zu beenden. Bayern ist in Trance. Ottmar Hitzfeld denkt an die Verlängerung. Hörwick steckt sein Handy zurück in die Tasche. Bernd Dreher zieht das frische Trikot wieder aus, das er für die Siegerehrung übergestreift hat. Er hat gehört, dass er nach dem Spiel zur Dopingprobe muss, und trinkt eine Flasche Wasser, damit die Pflichtübung später schnell erledigt ist. Thomas Linke wankt am Strafraum auf und ab: »In dem Moment hatten wir nicht mehr die Energie, Manchester etwas entgegenzusetzen. Der Ausgleich traf uns ins Herz. Plötzlich fehlten uns hinten kopfballstarke Spieler – Leute wie Alexander Zickler.«



22:31:16 Uhr Bayerns Angriffsversuch verreckt. Gary Neville passt den Ball auf Solskjær, der spielt auf Rechtsaußen Katz und Maus mit Sammy Kuffour, will flanken, doch der Ball springt vom Knie des Verteidigers ins Tor-Aus. Wieder Ecke! Wieder legt Beckham sich den Ball hin. Wieder brüllt Kahn Anweisungen, die niemand hört. Wieder schreit die Wand aus United-Fans hinter ihm. Hitzfeld steht vor der Bank und sieht das Unheil kommen. Als Trainer spürt er, wie die plötzliche Ohnmacht der eigenen Mannschaft der wiedererlangten Hegemonie des Gegners in die Hände spielt. Später wird er sagen: »Es sind natürlich mehrere Faktoren, die mitspielen. Der Wichtigste aber ist, dass die Spieler von Manchester auch in der 90. Minute und danach alle noch an die Wende glaubten.« 



22:32:16 Uhr Unbarmherzig schlägt David Beckham die Ecke auf den Fünfer, Sheringham steigt hoch, gewinnt den Luftkampf gegen Thomas Linke, versucht einen Kopfballaufsetzer in Richtung rechter Torecke, doch Solskjær hält den Fuß in die Flugbahn und lenkt den Ball unter die Latte. Michael Tarnat steht wie angenäht am Pfosten, zuckt, zu spät! Bernd Dreher neckt bis heute seinen Kumpel: »Tanne, du musst in so einem Moment den Pfosten doch nicht festhalten. Der steht von selbst.«



22:32:17 Uhr Tor! 2 : 1! »Manchester United have reached the Promised Land«, dröhnt der englische TV-Kommentator. Sein deutscher Kollege Marcel Reif resigniert: »Wissen Sie was? Ich habe gar keine Lust, das hier zu analysieren.« Peter Schmeichel schlägt im eigenen Strafraum Flickflack, Sammy Kuffour bricht weinend zusammen. 



»Mr. President, Manchester, not Bayern.«



22:33:02 Uhr Pierluigi Collina pfeift das Spiel noch einmal an. Anstoß für den FC Bayern. Stefan Effenberg bolzt den Ball verzweifelt nach vorne. Abgewehrt, Schlusspfiff. Im selben Moment fallen alle Bayern-Spieler zu Boden wie Marionetten, deren Fäden jemand durchgeschnitten hat. War es vielleicht Freddie Mercury? Michael Tarnat denkt: »Warum bloß hat mir der Solskjær nicht ins Gesicht geschossen?«



22:33:03 Uhr Lennart Johansson ist inzwischen auf dem Rasen angekommen. Der UEFA-Präsident wird beim Anblick des Pokals ungehalten. Was soll denn das? Er pfeift seine Leute zusammen, sie sollen gefälligst die zierlichen Fahnen in den Farben von United von der Schüssel abmachen. Der Sieger heiße schließlich FC Bayern München! Auf seinem Weg durch die Katakomben hat der Funktionär nichts von den bahnbrechenden Veränderungen mitbekommen. Ein Mitarbeiter fasst sich ein Herz: »Mr. President, … Mr. President, Manchester, not Bayern.« Multilinguist Johansson macht den Schnelltest. »Congratulations, Mister Schmeichel!«, murmelt er – und spricht sich selbst sein Beileid aus. 



22:33:58 Uhr In Oliver Kahn ist etwas zerbrochen. Noch Jahre später wird er an dieser Niederlage zu knapsen haben: »Es war für mich die Endstation eines Systems, das nur auf Erfolg und Disziplin beruhte.« Überall auf dem Feld liegen trauernde Bayern-Spieler. RTL-Moderator Günther Jauch wirft an seinem Übertragungscounter das Manuskript für die Spielnachlese weg. »Es geht jetzt nicht mehr um die chronologische Aufarbeitung eines Spiels«, sagt er, »sondern um die Sichtbarmachung eines Schockzustandes.«



Wie ein Mädchen, das gleich in Tränen ausbricht



22:36:34 Uhr RTL bittet Ottmar Hitzfeld zum Interview. Mit steinerner Miene sagt der Coach: »Leider ist es so gekommen. Aber ich bin stolz auf meine Spieler. Der FC Bayern hat heute ein großes Finale gespielt.« Hinter jedem Wort scheint ein Punkt zu stehen. Dann geht der General über den Platz und gratuliert seiner enttäuschten Mannschaft. An ihnen vorbei laufen ekstatische United-Spieler. Oliver Kahn blickt paralysiert ins Nichts, Lothar Matthäus nestelt verlegen an seinen Schuhen, die er inzwischen ausgezogen hat. Seine Bewegungen erinnern an die eines Mädchens, das sich mit den Händen Luft zufächert, um nicht in Tränen auszubrechen.



Markus Hörwick sagt: »Für Lothar war die Niederlage ein persönlicher Schock. Und wenn wir damals schon Oliver Kahn, den späteren, im Tor gehabt hätten, wäre in diesen Momenten sicher einiges zu Bruch gegangen.« Der Keeper steht am Scheidepunkt seines Lebens. Später wird er den »Sekundentod« (»Bild«) in Barcelona mit dem Schock nach einem Trauerfall in der Familie vergleichen. Seine Tränen bleiben unsichtbar: »Ich wünschte, ich hätte heulen können. Es war viel schlimmer. Durch Weinen wäre es ja möglich gewesen, die Enttäuschung über die Niederlage zu verarbeiten. Stattdessen war ich wie gelähmt. Ein geistiger und körperlicher Zusammenbruch.« Sein Lähmungszustand dauerte fast anderthalb Jahre. Eine schleichende Depression. »Ich kannte bis dato keine Situation, die ähnlich hart war.« Abwehrspieler Thomas Linke kompensiert den Moment – ganz Profi – schneller: »Ich wusste gleich: Das war Schicksal, es sollte so kommen.«



22:44:48 Uhr Die Siegerehrung ist im vollen Gange. Doch die Bayern-Spieler haben keine Lust, an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Hitzfeld befiehlt es ihnen: »Aus Respekt vor dem Gegner« soll das Team ein Spalier für die Sieger bilden. Wie in Trance holen sich die Bayern-Profis ihre Silbermedaillen ab, niemand hat sie länger als fünf Sekunden um den Hals. Sammy Kuffour muss von Thomas Helmer über das Podest geleitet werden. Danach stehen alle Spalier, nur Mario Basler fehlt. Er hat sich verärgert in die Kabine verdrückt. Nicht die Niederlage an sich plagt ihn: Peter Schmeichel ist nach dem Spiel aufreizend triumphierend vor ihm herumgetanzt. »Da kann ich doch nicht hingehen und für den noch Spalier stehen!«