Herr Schmidt, mit wel­chen Gefühlen ist die Mann­schaft damals nach Glasgow gereist? Der BVB war ja inter­na­tional keine beson­ders bekannte Adresse.

Es stimmt nicht, dass wir nicht bekannt waren. Man kannte uns ja noch vom 5:0 gegen Ben­fica Lis­sabon und unseren Sieg bei Dukla Prag, die viele Jahre zu Hause nicht ver­loren hatten. Da haben wir 4:0 gewonnen. Wir waren in Europa schon ne Nummer. Wir sind 1964 erst im Halb­fi­nale gegen Inter Mai­land aus­ge­schieden. Aber das Spiel konnten wir auch nicht ver­lieren.



Warum?

Der Schieds­richter war gekauft. Der wurde später auch gesperrt und durfte nie wieder pfeifen. Der hatte eine gol­dene Uhr bekommen, hieß es. Ich stand ja daneben, als der Suarez den Hoppy Kurrat getreten hatte. Wir hatten ja auch ne Menge Natio­nal­spieler in der Mann­schaft und einen ein­ge­spielten Abwehr­block mit Paul und Kurrat. Kurrat war ein­malig in Deutsch­land, der hatte es eigent­lich ver­dient, Natio­nal­spieler zu werden. Dahinter mit Til­kowski der beste Tor­wart Deutsch­lands. Und dann kamen ja noch Siggi Held und Stan Libuda zu uns. Dadurch bekamen wir eine völlig andere Qua­lität im Sturm. Emma (Lothar Emme­rich, die Red.) blühte auf. Vorher ahnte ja keiner, dass der so viele Tore schießen würde. Und Fried­helm Groppe, den Vor­stopper, darf man nicht ver­gessen. Der hatte ja immer gespielt, bis er ver­letzt wurde. Erst danach hat Assauer gespielt. Rudi war Reser­ve­mann.

Was war Ihre Rolle in der Mann­schaft?

Durch diese starke Abwehr konnte ich davor mein Spiel machen. Ich war nach hinten abge­si­chert und hatte freie Hand. Ich konnte nach vorne oder nach hinten machen, was ich wollte. Ich habe unser Spiel gemacht, sehr viel direkt gespielt und konnte dadurch die Stürmer, also Siggi Held, Emma oder Stan Libuda, wun­derbar ein­setzen.

Das war auch eine recht alte Mann­schaft, oder?

Ja, die war schon ziem­lich alt. Her­berger hatte damals gesagt: Diese Mann­schaft ist ihrer Zeit von der Anlage her 15 Jahre voraus.“ Der Seppel hat dabei aber ver­gessen zu sagen, dass diese Mann­schaft relativ alt war. Ich zum Bei­spiel. Ich war ja der Älteste. Das Finale 1966 war ja mein Höhe­punkt, das wollte ich noch haben. Danach habe ich es dann auch viel, viel lang­samer gehen lassen und nur noch spo­ra­disch gespielt.

Und auf die alten Hau­degen war­tete nun der große FC Liver­pool. Hoch­be­zahlte Voll­profis, eine der füh­renden Mann­schaften Europas, gespickt mit Natio­nal­spie­lern.

Liver­pool war für uns Favorit. Die kamen auch mit ner breiten Brust als eng­li­scher Meister. Der Bill Shankley tönte ja, es käme nur auf die Höhe des Sieges an. Das war für uns natür­lich Moti­va­tion genug. Da brauchte der Trainer gar nichts mehr zu sagen. Die hatten eine rie­sen­große Schnauze vorm Spiel, da hatten wir uns schon etwas gewun­dert. Natür­lich kannten wir den eng­li­schen Fuß­ball und wussten, dass die kon­di­ti­ons­stark und schnell waren. Aber die waren nicht beson­ders raf­fi­niert in ihrer Art zu spielen. Wir hatten ja alle oft genug gegen Eng­länder gespielt. Für uns war wichtig, dass wir unser Spiel selbst machen konnten. Wie in der Liga auch. Wir haben immer ein biss­chen aus der Defen­sive gespielt und den Gegner immer etwas kommen lassen und waren dann mit Siggi Held, Stan Libuda und Emma die beste Kon­ter­mann­schaft. Das kam uns auch gegen die Eng­länder ent­gegen. Trotzdem hatte der Fischken Mult­haup vor dem Spiel ne Mann­schafts­sit­zung gemacht, da haben die Fenster geklirrt. Ihr hört ja, was die Liver­pooler sagen. Es kommt nur noch auf die Höhe an. Es ist so! Die sind haus­hoher Favorit. Wenn wir zehn Mal gegen die spielen, ver­lieren wir neun Mal. Einmal gewinnen wir – und das ist heute. Merkt Euch das!“ Und dann hat der los­ge­legt, so richtig olle Dinger von Mamas Herd. Aber das hat der ja immer gerne gemacht. Wenn wir aus­wärts gespielt haben, hat er gesagt: Wenn wir einen Punkt holen, dann sind wir im Soll. Sollten wir aber zwei holen, dann können wir einen auf den Kamin legen für ganz schlechte Zeiten.“ Das hat bei uns gezündet, seine Art und Weise kam gut an bei uns.

Wie haben Sie die Stim­mung im Sta­dion mit­be­kommen?


Es war sehr laut. Es war eben ein End­spiel. Das waren ja haupt­säch­lich Liver­pool-Fans und ein paar Schotten. Das war ein Heim­spiel für die. Es waren auch viele Dort­munder da, aber die haben wir auf dem Platz gar nicht gehört. Für uns war das ein Aus­wärts­spiel.

Wie war 1966 das Drum­herum rund um das Spiel?

Man kam auf den Platz und spielte Fuß­ball. Da war kein Theater. Ich weiß gar nicht mehr, ob da eine Natio­nal­hymne gespielt wurde. Ich glaube mich zu erin­nern, dass da so komi­sche Schotten auf dem Platz waren, und wir mussten da stehen… Nee, ich weiß es nicht mehr. Ich kann mich nur an einen Moment vor dem Spiel ganz genau erin­nern. Vor dem Anstoß, wir standen alle schon auf unseren Posi­tionen, Liver­pool hier, wir hier. Hinter mir steht der Assi. Das war so’n Leicht­sinns-Vogel. So, wie der aus­sieht, so hat der auch gespielt. (lacht) . Der Assi war ein Guter, aber sehr leicht­sinnig. Und da habe ich mich zu ihm umge­dreht und gesagt: Assauer, ein Fehl­pass, dann haue ich dir auf dem Platz in die Fresse.“ Das erzählt der heute noch allen, auch denen, die es nicht wissen wollen.

Und? Hat er einen Fehl­pass gespielt?


Er war einer der besten von uns.

Ging die Kon­ter­taktik auch im Finale auf?

Ja, wir machten dann ja auch das 1:0 durch Siggi Held.

Nur kurze Zeit später fiel dann der Aus­gleich durch ein irre­gu­läres Tor. Wie haben Sie das erlebt?


Da waren wir alle fertig. Echt geschockt. Der Ball war ein ganzes Stück im Aus und ging mir dann noch an den Fuß­spitzen vorbei. Dann kriegt der Hunt den und haut den rein. Schlimm, schlimm, schlimm.

Große Pro­teste gab es nicht, obwohl der Ball ganz klar im Aus war. Das wäre heute anders.

Hatte ja keinen Zweck. Du brauch­test nicht rum­zu­m­otzen. Wir haben das hin­ge­nommen. Wir waren natür­lich alle fertig.

Dann kam die Ver­län­ge­rung. Wie ging’s weiter?

Ich habe gedacht: Um Gottes Willen. Schaffst du das über­haupt noch? Der Boden ist so tief. Das ist eine Mat­sche! Du gehst ja hier kaputt aufm Platz.“

War das noch ein Ball, der sich mit Wasser vollsog?


Auch das noch, ja! (lacht) Dass ich den über­haupt so weit schießen konnte beim 2:1! Das war der Wahn­sinn. Boden mat­schig, Ball schwer, alles Scheiße. Da dachte ich: Jetzt ist alles aus.“

Dann kam das 2:1 – trotz des schweren Balls.


Wir hatten Frei­stoß unge­fähr an unserem Sech­zehn­me­ter­raum. Ich sagte zum Assi: Komm, spiel schnell her“, weil ich sah, dass der Siggi Held ganz frei stand. Ich habe selten so ganz lange Bälle gespielt, aber der ging über unge­fähr 50 Meter. Der war so gut plat­ziert, dass der Siggi den direkt in den Lauf kriegte. Auf diesem mat­schigen Boden blieb der Ball genau richtig liegen. Dann schoss der Siggi den Tor­wart an. Eigent­lich hätte er den schon machen müssen. Dann kam der Ball zum Libuda, und der haut ein­fach drauf. Ich habe dem nach dem Spiel gesagt: Du, ich hätte dich umge­bracht, wenn der nicht rein­ge­gangen wäre.“ Er hätte noch gehen müssen. Da war ja nie­mand mehr. Er hätte alleine oder zusammen mit Siggi gehen können. Aber wir waren natür­lich glück­lich. Das war ja ein Jahr­hun­derttor.

Wie lief das Spiel nach dem Tor?

Wir haben uns in alle Bälle geschmissen. In Eck­bälle, Ein­würfe, alles, auch in die Eng­länder rein. Einer hat mich am Kiefer getroffen, dass ich an dem Abend gar nichts essen konnte. Ich konnte da nur Sekt rein­träu­feln. Ja, und dann war das Spiel end­lich zu Ende.

Wie haben Sie gefeiert, wenn Sie nur Sekt träu­feln konnten?


Ich bin mit Stan Libuda an den Strand gegangen. Wir haben uns unter­halten. Wir konnten nicht schlafen. Die anderen waren noch am Saufen, da sind wir zum Strand gegangen. Wir waren so auf­ge­wühlt. Dann sagte ich: Du kannst dir nicht vor­stellen, was morgen in Dort­mund los ist.“ Er: Ach, hör doch auf.“ Ich: Doch, Stan, das kannst du dir nicht vor­stellen. Das ist so. Da ist die Hölle los.“ Und er immer: Ach, hör auf.“ Dann kamen wir in Köln auf dem Flug­hafen an, da standen die schon an der Maschine. Das habe ich noch nie erlebt, dass die Leute schon an der Maschine stehen. Wir sind dann in unseren Bus gestiegen und nach Dort­mund gefahren. Die Ränder an den Auto­bahnen – alles voll. Überall Leute. Dann kamen wir in die Stadt – das war unglaub­lich. Die wollten mein Haus schwarz-gelb strei­chen. Das war neu gebaut. Da habe ich meinen Mieter erstmal gebeten auf­zu­passen. Dann haben sie mir einen Fah­nen­mast in den Garten gestellt. Gegen­über war ne Kneipe, da war immer was los. Ich bin gar nicht mehr zur Ruhe gekommen. Die ganze Feierei hat uns die Meis­ter­schaft gekostet. Wir spielten noch zu Hause gegen 1860. Hätten wir gewonnen, wären wir Meister geworden. So wurde es 1860.

War damals schon abzu­sehen, dass das auf lange Sicht der letzte Titel für den BVB sein würde?

Ja. Einige haben geglaubt, wir wären jetzt die Größten in Europa. Dabei waren wir alt. Wir hätten drin­gend junge Spieler gebraucht. Du musst einen Schnitt machen und die Mann­schaft ver­jüngen. Wir hatten etwas über unsere Ver­hält­nisse gespielt. Es lief ein­fach von Erfolg zu Erfolg immer weiter. Wir hatten ja alles geputzt. Aber wir waren alt.