1.
River Plate wäre kein anstän­diger Fuß­ball­verein, wenn sich nicht zumin­dest eine Legende um seine Grün­dung ranken würde. Die schönste unter vielen: Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts sollen sich im Hafen­ge­biet von Ria­chuelo in Buenos Aires die Mann­schaften von Santa Rosa und Los Rosales so lange ernüch­ternde Duelle mit Mann­schaften aus anderen Teilen der Stadt gelie­fert haben, bis sich die Bosse beider Ver­eine am 25. Mai 1901 zu einer Kri­sen­sit­zung ver­ab­re­deten. Ein Herr namens Pedro Mar­tínez soll – immer noch der Legende nach – gesagt haben: Nennen wir uns doch River Plate!“ See­leute luden an diesem Tag in Sicht­weite des Treff­punkt fleißig Kisten mit der Auf­schrift River Plate“ aus.

2.
Selbst­re­dend, dass in einem Land, dass jeden noch so unbe­deu­tenden Fuß­baller mit einem Spitz­namen bedenkt, auch CA River Plate im Laufe der Jahre Kose­namen anhäufte. Die Gegner nennen den Tra­di­ti­ons­klub gerne Gal­linas“, Hühn­chen. Der tie­ri­sche Bei­name ist die Folge eines Duells gegen CA Pen­arol aus Uru­guay. River Plate führte mit 2:0 – und verlor trotzdem noch mit 2:4. Weniger ein­fallslos ist dagegen El equipe de la banda roja“, was über­setzt bedeutet: Das Team mit dem roten Band, und natür­lich auf das ewig rot gestreifte River anspielt. Relativ stumpf, aber dann doch auch sym­pa­thisch ist La Banda“ – Die Truppe.

3.
Die legen­därste Mann­schaft, quasi der Schalker Kreisel von River Plate, ist die La Maquina“, die Maschine, genannte Aus­wahl, die zwi­schen 1941 und 1945 viermal natio­naler Meister wurde und dabei mehr als 700 Tore erzielt haben soll. Klingt eher nach Kreis­liga C, ist aber argen­ti­ni­sche Rea­lität. Beste Spieler unter Trainer Carlos Peucelle: Juan Carlos Munoz, José Manuel Moreno und Félix Loustau.

4.
Apropos bekannte Spieler – eine kleine Aus­wahl der pro­mi­nen­testen Fuß­baller, die je den roten Quer­streifen auf der Brust trugen: Alfredo di Ste­fano, Néstor Rossi, Luis Cubilla, Daniel Pas­sa­rella, Omar Sivori, Mario Kempes, Gabriel Bati­stuta, Oscar Rug­geri, Nery Pum­pido, René Houseman, Claudio Caniggia, Sergio Giy­co­chea, Sergio Berti, Roberto Ayala, Ariel Ortega, Hernan Crespo, Julio Cruz, Juan Pablo Sorin, Javier Saviola, Mar­celo Salas, Pablo Aimar, Andrés d’Ales­sandro, Martin Demi­chelis, Javier Mascherano, Diego Pla­cente.

5.
Der bekann­teste in dieser Reihe war und bleibt zwei­fels­ohne Enzo Fran­ces­coli. Für River Plate sym­bo­li­siert der Star aus den 80ern das, was dem Erz­ri­valen Boca Juniors Diego Mara­dona ist. Ein ele­ganter Spiel­ma­cher, gesegnet mit bril­lanter Technik, feinem Auge, schnellem Antritt und starkem Abschluss. Fran­ces­coli wech­selte als 21-Jäh­riger nach Buenos Aires und der spä­tere Kult­status war da, gelinde gesagt, noch nicht unbe­dingt abzu­sehen. Als Uru­gu­ayer hatte die neue Nummer 9 anfangs einen schweren Stand, setzte sich allein mit viel Trotz durch. Irgend­wann lockte Europa, Enzo ging – nur um 1994 sein Ver­spre­chen bei den Fans ein­zu­lösen und im Kar­rie­reherbst zurück­zu­kehren. Fran­ces­coli mied den Ver­gleich mit Mara­dona nach Mög­lich­keit, hatte mit El D10s“ aber eines gemein: Auch er gelobte, nie das Trikot des Stadt­ri­valen zu tragen.

6.

So viel Treue und Ver­eins­loya­lität ist natür­lich nicht jedem beschieden. Cataldo Spi­tale wech­selte 1933 als erster Spieler die Seiten inner­halb der Haupt­stadt, etliche machten es ihm nach und gingen den ver­bo­tenen Weg zwi­schen River und Boca, unter ihnen: Gabriel Bati­stuta, Claudio Caniggia und Oscar Rug­geri. Rug­geri for­mu­lierte die Kom­pli­ka­tionen, die der ver­meint­liche Verrat mit sich brachte, wie folgt: Die eine Seite betrachtet dich als Ver­räter, die andere traut dir nicht. Man braucht Zeit und einen starken Cha­rakter, um die Leute für sich zu gewinnen.“ Alfredo di Ste­fano bewies diesen nötigen Cha­rakter, aller­dings als Trainer. An der Sei­ten­linie ste­hend, schaffte er sowohl mit Boca (1969) als auch mit River (1981) die Lan­des­meis­ter­schaft.

7.
El Monu­mental“ gehört zu River Plate wie der Bor­sig­platz zu Dort­mund. Der Beton­ko­loss wurde 1938 hoch­ge­zogen und ist bis heute das größte Sta­dion des Landes. Zwi­schen 1958 und 1978 passten hier 130.000 ins weite Rund, aktuell begrenzen Sicher­heits­be­denken das Fas­sungs­ver­mögen auf 65.645 Zuschauer. Das Monu­mental“ wird auch des­halb ver­ehrt, weil die Albice­leste hier 1978 den WM-Tri­umph über die Nie­der­lande fei­erte. Der Kessel an der Ave­nida Pre­si­dente Figueroa Alcorta steht gleich­wohl für mehr als nur Fuß­ball: Weil der Staat über 80 Pro­zent der Bau­kosten trug, fanden soziale Ein­rich­tungen wie Kin­der­gärten, Schwimm­bäder und ein Theater ihren Weg in den Bauch der Tri­bünen, auf denen das ver­eins­ei­gene Selbst­ver­ständnis dem Besu­cher schon beim Betreten begegnet: Der Stolz, der Größte zu sein“, steht in dicken Let­tern an der Ein­gangs­pforte ange­schlagen. 

8.

Die Geschichte des alt­ehr­wür­digen El Monu­mental“ ist leider auch besu­delt vom Blut der 71 Men­schen, die am 23. Juni 1968 bei der schlimmsten argen­ti­ni­schen Sta­di­on­ka­ta­strophe aller Zeiten starben. Nachdem der Super­clá­sico“ gegen die Boca Juniors beim Stand von 0:0 abge­pfiffen worden war, sollen Boca-Fans bren­nende Zei­tungen auf River-Anhänger geworfen haben. Bei der anschlie­ßenden Mas­sen­panik starben 71 Per­sonen, mehr als 150 wurden ver­letzt. Bis heute ist nie­mand für dieses Unglück zur Rechen­schaft gezogen worden.

9.
Die schlech­teste Saison der Ver­eins­ge­schichte spielte River Plate vor gar nicht allzu langer Zeit. 2008 been­dete das Team die argen­ti­ni­sche Aper­tura, das zweite Halb­jahr, auf dem letzten Tabel­len­platz. Ein Absturz, der sich auch des­halb so bemer­kens­wert aus­nimmt, weil die Clau­sura, das erste Halb­jahr des glei­chen Jahres, gewonnen wurde. Von der Meis­ter­schaft blieb dann nur der Kater. Die Spieler fielen kol­lektiv ins Leis­tungs­tief, das aus Platz 1 schnell Platz 20 machte. Trainer Diego Simeone trat im November zurück und über­ließ es Jugend­coach Gabriel Rodrí­guez, den Scher­ben­haufen ein­zu­kehren. Im letzten Spiel ver­geigten die Mil­lio­na­rios dann gegen Estu­di­antes La Plata mit 1:1. Drei Punkte hätten die rote Laterne schon ver­hin­dert. Immerhin, die argen­ti­ni­sche Durch­schnitts­regel, die den Koef­fi­zi­enten der letzten drei Spiel­zeiten errechnet, beugte einem Abstieg in die B‑Klasse vor, mehr noch: River Plate musste nicht nur nicht runter, son­dern durfte als Schluss­licht trotzdem in der Copa Libertadores ran. Argen­ti­ni­sche Mathe­matik.

10.
Rivers radi­kalste Fan­grup­pie­rung nennt sich Los Bor­rachos del Tablón“, ins Deut­sche bild­haft zu über­setzen mit: Die Besof­fenen von der Theke“. Die Hoo­li­gans bedienen den sen­ti­men­talen Ruf alt­ein­gessener Fan­clubs, führen aber nicht nur in der Kurve ein hartes Regi­ment, son­dern auch hinter den Kulissen: Als kri­mi­nelle Drogen- und Waf­fen­schmuggler und als Mord­kom­mando, das meh­rere Fans der ver­hassten Rivalen von Boca Juniors auf dem Gewissen hat. Glei­ches mit glei­chem zu ver­gelten ist hier keine rück­stän­dige Krie­grhe­thorik, son­dern Nor­ma­lität. River-Prä­si­dent José María Aguilar sucht den Schul­ter­schluss mit den Bor­rachos, um die eigene Macht zu sichern. Er schanzt ihnen Frei­karten und orga­ni­sa­to­ri­schen Spiel­raum zu und ver­kündet für alle Welt, River sei der sicherste Klub Argen­ti­niens.