Fuß­ball in Afrika ist anders. Ich meine damit nicht diese ver­kalkten Ste­reo­typen und jene vom Bou­le­vard immer wieder bedienten Kli­schees des wilden und dis­zi­plin­losen Afri­ka­ners, der angeb­lich ohne tak­ti­sches Grund­ver­ständnis über den Platz läuft und der die Bän­di­gung des Euro­päers so drin­gend benö­tigt.



Nein, Fuß­ball in Afrika ist anders, weil ein­fach Dinge pas­sieren, die in Europa unvor­stellbar sind. Oft denkt man, in einen schlechten Slap­stick-Sketch geraten zu sein, doch dann zwickt man sich und merkt: Es ist Rea­lität. Können Sie sich vor­stellen, dass in Deutsch­land Teile der Mann­schaft gekid­nappt werden? Das pas­sierte uns in der afri­ka­ni­schen Cham­pions League bei einem Spiel in Ghana. Stun­den­lang suchten wir nach unserem Mas­seur, einem kleinen rund­li­chen Herrn. Nor­ma­ler­weise holte er stets auch die Bälle aus dem Bus, half dabei, die Taschen in die Kabine zu tragen, doch vor diesem Spiel war er unauf­findbar. Die Spieler saßen in der Kabine, war­teten auf eine Mas­sage, wollten sich auf das Spiel ein­stimmen, doch der Mas­seur fehlte – er kam und kam nicht. Erst fünf Minuten vor Ende der Partie tauchte er wieder auf. Er sei direkt nach der Ankunft von meh­reren Poli­zisten in Gewahrsam genommen worden, berich­tete er, danach musste er auf der Ehren­tri­büne Platz nehmen – unter strenger Beob­ach­tung der Secu­rity. Als wir die ver­ant­wort­li­chen Herren der geg­ne­ri­schen Mann­schaft zur Rede stellten, ant­wor­teten die salopp: »Wir dachten, es sei Ihr Prä­si­dent. Und dieser muss sich doch auf der Ehren­tri­büne sicher fühlen.« Der Prä­si­dent! In kurzer Sport­hose, weißen Socken und Turn­schuhen.

Mir wider­fuhren auch merk­wür­dige Dinge: Vor einem Aus­wärts­spiel hatte es stun­den­lang genie­selt. Wäh­rend sich meine Spieler in der Kabine umzogen, inspi­zierte ich den Rasen. Ich wollte testen, wel­ches Schuh­werk mein Jungs benö­tigen würden. Ein sol­cher Check ist in Deutsch­land ja gang und gäbe. Als ich nun dort auf dem Rasen kniete, eilten zwei Poli­zisten herbei und führten mich sehr bestim­mend vom Platz – sie dachten, ich wollte einen Voo­doo­zauber in den Straf­raum legen.

Natür­lich waren meine ersten drei Jahre in Ägypten nicht nur von sol­cherlei skur­rilen Erfah­rungen geprägt. Und ich ging gewiss nicht nach Ägypten, um Erzähl­stoff für die hei­mi­schen Stamm­tisch­runden zu sam­meln. Mein Inter­esse in der Fremde galt immer dem Leben, der Kultur und den Men­schen. Früh begeis­terte mich das Reisen in ferne Länder. Ich war 20, als ich das erste Mal die Gele­gen­heit bekam, Süd­ost­asien kennen zu lernen. Mit der Olym­pia­aus­wahl und der Unter­stüt­zung vom Aus­wär­tigen Amt reiste ich durch sechs Länder. Wir durch­kreuzten den Dschungel in Thai­land oder staunten über die rie­sigen Buddha-Sta­tuen in den Tem­pel­an­lagen. Wir waren dabei, als in Malaysia Zinn abge­baut wurde und schlugen uns einen Weg durch das Ver­kehrs­chaos von Bangkok. Natür­lich spielten wir auf dieser Reise auch Fuß­ball, doch stand das bei mir weniger im Vor­der­grund. Wir hatten ein tolles Team und jeden Tag konnten wir neue Erleb­nisse mit­ein­ander teilen – ich fand das wahn­sinnig auf­re­gend.

In den fol­genden Jahren hatte ich als Spieler beim FC Bayern sel­tener die Gele­gen­heit durch fremde Länder zu reisen. Ich war mit den Bayern zwar in Casa­blanca, in Süd­ame­rika und fast überall in Europa, doch hast du als Spieler oft nicht die Zeit, die Stadt und das Land wirk­lich in allen Facetten zu ent­de­cken. Später war ich als Trainer mit Ein­tracht Braun­schweig in Dubai und mit dem 1. FC Kai­sers­lau­tern in Tune­sien und 1993 in den USA. Tom Dooley war damals Kapitän der US-Mann­schaft, er orga­ni­sierte auch ein Treffen mit dem Natio­nal­trainer. Ein Schlüs­sel­er­lebnis, das mich in dem Wunsch bestärkte, irgend­wann einmal im Aus­land zu arbeiten. Die USA kam 1993 für mich aber nicht in Frage. Dort war die Pro­fi­liga gerade in der Ent­ste­hung, das war damals noch richtig unpro­fes­sio­nell.

Es sollte fünf Jahre dauern, bis ich den Schritt wagte. Der Kon­takt zu Al-Ahly Kairo, dem größten und popu­lärsten Verein in Ägypten, kam recht zufällig zustande. Die Mann­schaft von Al-Ahly war im Trai­nings­lager in Stutt­gart zu Gast. Die Reise der Mann­schaft wurde von Reiner Holl­mann orga­ni­siert, ein Freund von mir, der eben­falls einst als Trainer bei Al-Ahly arbei­tete. Eines Tages kam er zu mir und sagte: »Rainer, Al-Ahly sucht einen neuen Trainer. Einen Deut­schen. Das wäre doch was, oder?« Und ob. Als der Manager von Al-Ahly mich anrief, sagte ich ohne Umschweife zu. Es gab keine Ver­trags­ge­spräche, ledig­lich einen Hand­schlag, wenige Worte und ein »Ja, ich mach’s!« Über Details und der­glei­chen unter­hielten wir uns erst nach dem ersten Spiel in Kairo.

Es war nicht so, dass ich unbe­dingt aus Deutsch­land weg wollte. Im Vor­der­grund stand ein­fach dieser Traum, im Aus­land zu arbeiten. Und ich wollte diese Erfah­rung unbe­dingt vor meinem 50. Geburtstag machen – ich konnte ja nicht ahnen, dass ich auch heute mit 59 noch ganz agil bin und mich immer noch jung und fit fühle. Damals dachte ich: Wenn du älter wirst, dann wirst du bequemer, und dann machst du das nicht mehr. Das Angebot von Al-Ahly war für mich so etwas wie die letzte große Chance.

Mein Umfeld reagierte nicht gerade mit Freu­den­sprüngen auf mein Vor­haben. Reiner Holl­mann ist nach den Anschlägen auf den Hat­schepsut-Tempel in Luxor und auf einen Bus vor dem ägyp­ti­schen Museum zurück nach Deutsch­land gegangen – auch weil seine Frau Angst hatte. Meine Schwester und meine Eltern, die damals noch lebten, kannten die Pres­se­be­richte und waren daher skep­tisch und auch ängst­lich. Auch viele Freunde sagten: Auch viele Freunde sagten: »Rainer, wie kannst du da nur hin­gehen, da gibt es doch nur Ter­ro­risten.«

Trotz meiner vielen Erfah­rungen im Aus­land hatte ich vor meiner Ankunft in Kairo auch diesen euro­pä­isch-naiven Blick. Ich fürch­tete weniger mög­liche Anschläge, mein Bild wurde mehr durch die Erzäh­lungen aus »1001 Nacht« geprägt. Ich stellte mir die ara­bi­sche Welt streng und chao­tisch vor. Auch nicht so kor­rekt wie Deutsch­land. Ich hatte zudem diese Vor­stel­lung, dass jeder Mann einen Harem um sich schart und man sich davor in Acht nehmen sollte, eine Frau nur anzu­gu­cken. Es sollte sich jedoch schon bald her­aus­stellen: Alles Quatsch.

Meine Frau und meine Kinder blieben in Deutsch­land. Das erste Mal besuchte mich meine Familie einen Monat später. Wir haben dann fest­ge­stellt, dass Kairo keine Stadt für Kinder ist, denn: Kairo ist ein Beton­mo­loch. Wenn man ins Grüne will, muss man aus der Stadt hinaus fahren und das kann mit­unter meh­rere Stunden dauern. Sowieso: Ohne Auto geht fast nichts in Kairo. Zwar gibt es eine renom­mierte Deut­sche Schule in der Stadt, gene­rell fand ich Kairo aber nicht geeignet für meine Kinder. So ent­schlossen wir uns zu pen­deln und sahen uns regel­mäßig in den Ferien.

Am 4. März 1998 kam ich ziem­lich spät in Kairo an. Ich bin dann sofort ins Hotel, wo ich die nächsten zwei Wochen wohnen sollte. Am 5. März, wenige Stunden nach meiner Ankunft, saß ich schon auf der Trai­ner­bank. Natür­lich hatte mein Co-Trainer die Mann­schaft auf­ge­stellt, ich hatte ja noch gar keine Idee, wie das Team spielt. Für mich war das aber eine Art sym­bo­li­scher Akt: Der neue Trainer ist da und der sitzt auf der Bank. Vor dem Spiel sagte ich zu meinen Spie­lern nur einen Satz: »Ich traue meinen Ohren nicht, ich traue nur meinen Augen.« Ich wollte ihnen klar­ma­chen, dass ich sie nicht auf­grund irgend­wel­cher Pres­se­be­richte oder Gerüchte vor­ver­ur­teile. Es sollte für alle bei Null los­gehen und ich wollte mir eine eigene Mei­nung bilden. Zeit hatte ich dafür erstmal genug, denn nach diesem ersten über­fall­ar­tigen Auf­tritt hatten wir zwei Wochen spiel­frei. Ich konnte nun in Ruhe das Team beob­achten, tak­ti­sche Ände­rungen vor­nehmen und Spieler testen.

Im Trai­ning habe ich ent­weder auf Eng­lisch gespro­chen oder einen Über­setzer hin­zu­ge­zogen. Das war ein wirk­lich her­vor­ra­gender Dol­met­scher! Und einer der wich­tigsten Men­schen wäh­rend meiner Zeit in Kairo – nicht nur auf beruf­li­cher Ebene, son­dern auch als Freund. Wenn ich in der Kabine ruhig sprach, über­setzte auch er in ruhiger Stimm­lage, wenn ich aber lauter wurde, sprach er ebenso laut. Er hat meine Pausen und meine Stim­mung mit über­setzt.

Die ersten Wochen waren rich­tige Lehr­wo­chen. Ich bin ja Hals über Kopf aus Deutsch­land weg und hatte somit über­haupt keine Zeit mich auf das Land ein­zu­stimmen geschweige denn mich mit den Gewohn­heiten und Bräu­chen ver­traut zu machen. So bin ich anfangs in das eine oder andere Fett­näpp­chen getreten. Zum Bei­spiel betrat ich nach einem Trai­ning split­ter­nackt den Dusch­raum – so war ich es ja aus Deutsch­land gewohnt. Mein Über­setzer wies mich dann dezent darauf hin, dass man in der isla­mi­schen Welt nur mit Unter- oder Bade­hose duschen geht. Es gab einige sol­cher Erfah­rungen, die ich am Anfang machte. Doch ich war sehr lern­willig. Ich nahm den Job in Kairo ja auch an, um die Gepflo­gen­heiten und die Kultur der Men­schen kennen zu lernen.

Die Erwar­tungen des Ver­eins waren von Beginn an sehr hoch. Der Verein wurde vom afri­ka­ni­schen Fuß­ball­ver­band (CAF) zum Club des Jahr­hun­derts“ gewählt. Reiner Holl­mann wurde zuvor zweimal mit Al-Ahly ägyp­ti­scher Meister. Das Kli­schee, dass der Deut­sche für Dis­zi­plin, Ord­nung und Erfolg steht, hält sich in man­chen afri­ka­ni­schen Län­dern hart­nä­ckig. Zudem ist Fuß­ball in Ägypten der Volks­sport Nummer Eins – übri­gens auch bei den Frauen. Nie­mand soll glauben, dass Fuß­ball­spielen in der ara­bi­schen Welt wie Urlaub ist. Al-Ahly funk­tio­niert wie ein großer deut­scher Verein, es wird hart trai­niert, sei­ten­lange Vor- und Nach­be­richte zu den Spielen, es gibt Intrigen, Macht­spiele, es fließen Mil­lionen. Und die Begeis­te­rung nimmt Aus­maße an, die man in Deutsch­land gar nicht kennt. In Ägypten teilen sich die Fans in zwei große Lager: Man schätzt, dass 30 Mil­lionen Men­schen Fans von Al-Ahly sind und 15 Mil­lionen auf Seiten des Lokal­ri­valen Az-Zamalik stehen. Die Derbys gegen den Az-Zamalik waren daher immer aus­ver­kauft – das heißt: 100.000 fei­ernde Men­schen im Sta­dion und meh­rere Mil­lionen vor den Bild­schirmen. Die 90 Minuten des Derbys waren stets der große Segen für die Auto­fahrer in Kairo, plötz­lich waren die Straßen wie leer­ge­fegt.

Nach zwei Wochen im Hotel habe ich mir eine Woh­nung gesucht. Bis dahin kannte ich nur das »Post­karten-Kairo«, ich schaute von meinem Hotel­zimmer auf den Nil, sah die Segel­boote vor­bei­fahren und die Sonne unter­gehen. Zur Ein­ge­wöh­nung war das schon okay, doch ich wollte mich in Kairo richtig hei­misch fühlen, wollte ein Zimmer für meine Kinder, in dem auch Spiel­sa­chen stehen, ich wollte meine Bilder auf­hängen können und meinen Com­puter an einem festen Platz. Mein Verein legte mir nahe, ins süd­liche Kairo, in das noble Maadi, zu ziehen. Doch ich wollte dort nicht hin, ich wollte mit­ten­drin wohnen. Denn: Ich bin nicht ins Aus­land gegangen, um mich von den Ein­hei­mi­schen abzu­schotten. Es war ja mein Wunsch, die Leute kennen zu lernen, das Land und die Stadt zu erleben. Also blieb ich im Zen­trum, ich lernte die Bräuche und Sitten der Leute kennen. Obwohl Kairo unglaub­lich hek­tisch ist, sind die Men­schen unglaub­lich freund­lich und zuvor­kom­mend. Im Ver­gleich zu Berlin, wo ich ja zuvor als Trainer gear­beitet hatte, ist Kairo noch lauter, viel auf­re­gender, aber auch dre­ckiger. Es war eine voll­kommen andere Welt. Gerade für mich, der vorher nichts von dem Land wusste. Wenn ich heute nach Kairo fliege, bewege ich mich natür­lich ganz anders durch die Stadt. Dann fühle ich mich fast zu Hause, ich kenne mich aus, fahre mit dem Auto ganz sou­verän durch das Chaos und kann den Leuten Orte zeigen, die man als Tou­rist nor­ma­ler­weise gar nicht sieht.

Nach einer Ein­ge­wöh­nungs­phase kam ich super mit der Mann­schaft zurecht, ich wurde mit Al-Ahly jedes Jahr Meister. Und wenn man in Ägypten Meister wird, ist man der heim­liche König des Landes. Das ist nicht ver­gleichbar mit den Meis­ter­schaften in Mün­chen. Ich erin­nere mich noch an das erste Jahr, als wir, nachdem wir die Meis­ter­schaft im eigenen Sta­dion klar gemacht hatte, vom Sta­dion zum Trai­nings­ge­lände unge­fähr sechs Stunden brauchten – nor­ma­ler­weise fährt man die Strecke in weniger als einer Stunde. Doch die Straßen waren voll, die Fans haben auf den Straßen getanzt, standen auf den Autos und schwenkten die roten Fahnen von Al-Ahly. Da war kein Durch­kommen. Als wir am Trai­nings­ge­lände ankamen, emp­fingen uns 30.000 Leute. Die Stadt fei­erte die ganze Nacht. Irgend­wann ent­schloss ich, nach Hause zu fahren. Doch wie? Meine Kol­legen hatten dann die glor­reiche Idee, mich in eine Woll­decke ein­zu­hüllen und mich per Taxi nach Hause chauf­fieren zu lassen. Ich kau­erte also auf der Rück­bank unter einer Woll­decke vor mich hin. Der Taxi­fahrer wusste nicht, wen er hinten drin hatte. Irgend­wann bekamen die Fans aber Wind von der Aktion und bela­gerten das Taxi, sie hüpften auf der Motor­haube herum, klopften an die Scheiben, lachten, sangen, die waren völlig außer Rand und Band. Der Taxi­fahrer wusste gar nicht, wie ihm geschah, der ist wahn­sinnig geworden, war mit den Nerven am Ende. Ich saß hinten drin und habe immer wieder mal geblin­zelt.

Im zweiten Jahr wurde ich immer häu­figer gefragt: »Rainer, wo würde Al-Ahly in Deutsch­land spielen? Erste Bun­des­liga?« Das ist natür­lich schwer zu beur­teilen, denn die Bedin­gungen sind ganz andere. Ich ant­wor­tete stets, dass Al-Ahly durchaus in der Bun­des­liga spielen könnte, im ersten Jahr aber Schwie­rig­keiten hätte, die Klasse zu halten. Im zweiten Jahr aber würde Al-Ahly im gefes­tigten Mit­tel­feld oder sogar im oberen Drittel mit­spielen. Ich behaupte übri­gens auch, dass der Meister der Bun­des­liga in der ersten ägyp­ti­schen Liga nicht auf Anhieb die Meis­ter­schaft gewänne. Hier findet man ein­fach ganz andere Bedin­gungen vor: Es ist nicht ein­fach, zehn Spiele in drei Wochen zu machen oder bei 52 Grad wäh­rend des Rama­dans ohne Geträn­ke­auf­nahme zu spielen. Da braucht man viel Dis­zi­plin. Ich habe wäh­rend des Rama­dans ver­sucht, den Lebens­rhythmus der Spieler zu ändern. Man darf nicht denken, dass die Spieler abnehmen, weil sie fasten. Nachts dürfen die ja essen – und das gleicht dann eher einem großen Fressen, einem Schlemmen. Daher nehmen die Men­schen wäh­rend des Ramadan eher zu als ab. Ständig fragte ich mich: Wie kannst du ver­hin­dern, dass die zu schlapp und zu dick werden? Ich ord­nete an, dass die Spieler tags­über schlafen und am späten Abend trai­nieren. Früh­stü­cken sollten die Spieler um 17 Uhr – zu dieser Zeit dürfen die Men­schen das erste Mal wieder essen –, das Trai­ning fand oft erst um 22 Uhr statt.

Nach meinem dritten Jahr ver­ließ ich Kairo. Ich war dann kurze Zeit Trainer bei den Stutt­garter Kickers – das hätte ich nicht tun sollen. Doch ich schul­dete dem Prä­si­denten noch einen Gefallen, weil er mich Jahre zuvor aus meinem Ver­trag bei den Kickers frei­stellte und ich nach Kai­sers­lau­tern wech­seln konnte. Ich hatte nun die undank­bare Auf­gabe die Kickers vor dem Abstieg zu retten. Bevor ich anfing, schaute ich mir ein Spiel gegen LR Ahlen an – Not gegen Elend. Es war eigent­lich eine unmög­liche Mis­sion. Und es war schon ein merk­wür­diges Gefühl: Eben noch wurde ich in Kairo nach der dritten Meis­ter­schaft in Folge auf einer Eupho­rie­welle getragen und nun sollte ich eine Mann­schaft aus fast aus­sichts­loser Lage befreien. Ich ver­ließ die Kickers nach einer Saison und bekam zugleich zahl­reiche Ange­bote aus Afrika und Nahost: Ich ent­schied mich für einen Club in den Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emi­raten. Danach trai­nierte ich in Iran und noch einmal in Ägypten.

Aus dem deut­schen Trai­ner­ka­rus­sell bin ich heute raus. Ich weiß nicht genau, wieso da so ist, doch teilen dieses Schicksal fast alle Trainer, die in Afrika oder in den ara­bi­schen Län­dern gear­beitet haben – viele Ver­eine denken, man arbeitet so lari­fari vor sich her und spielt bes­seren Frei­zeit­fuß­ball. Das ist ja Schwach­sinn. Ich hoffe momentan noch auf ein Angebot aus Deutsch­land. Ich denke da gar nicht an einen Trai­nerjob in der Bun­des­liga. Ein Job im Jugend­be­reich bei einem großen Club wäre mir ebenso recht wie eine Tätig­keit im Manage­ment oder in bera­tener Funk­tion. Ich bin nun seit einem halben Jahr wieder in Deutsch­land, doch die Ver­eine rennen mir nicht gerade die Tür ein. Ich habe mir noch ein wei­teres halbes Jahr Zeit gegeben, hier einen Job zu finden.

Und wenn es nicht klappt, dann bin ich wieder weg.