Er war die Wade der Nation, ein Sieg­fried mit dieser einen ver­wund­baren Stelle. Kann er spielen? Wochen­lang schwitzte sich die Fuß­ball­na­tion wäh­rend der EM 2008 in den Schlaf, doch ja: Er spielte! Und verlor.



Er war auch die Karte der Nation: Im WM-Halb­fi­nale 2002 gegen Süd­korea nahm er eine Ver­war­nung in Kauf und somit die Sperre fürs Finale. Er schenkte Deutsch­land dieses End­spiel und sah doch nur eine wei­tere Nie­der­lage.

Michael Bal­lack ist der beste deut­sche Spieler des Jahr­zehnts, der beste wohl seit Lothar Mat­thäus, und mit diesem steht er in einer Reihe, mit Bernd Schuster, Franz Becken­bauer, Fritz Walter, als einer der­je­nigen, die später einmal Sym­bol­figur einer Genera­tion sein werden. 

Bloß haben die anderen Könner aus dieser Ahnen­ga­lerie sich ihren Platz ver­schafft, weil sie da waren, wenn es drauf ankam. Man erin­nert sich an sie im Moment ihrer größten Tri­umphe, Welt- und Euro­pa­meister sind sie alle­samt. Michael Bal­lack wird hin­gegen vor allem des­halb im Gedächtnis bleiben, weil man so oft um ihn bangen musste. Und für das Pech, das er Zeit seiner Kar­riere hatte. Als der große Schmer­zens­mann der deut­schen Fuß­ball­ge­schichte. Der tra­gi­sche Held. Der Unvoll­endete. Der Unter­geher. Bitte beliebig ergänzen, liebe Trau­er­ge­meinde. 

Der Prolog einer unfass­baren Geschichte des Schei­terns

Bli­cken wir zurück: Als der 1. FC Kai­sers­lau­tern 1998 Meister wurde, ließ Trainer Otto Reh­hagel das junge Super­ta­lent auf der Bank ver­sauern. Bal­lack wech­selte ein Jahr darauf nach Lever­kusen, wo er gleich in seiner ersten Spiel­zeit erneut Deut­scher Meister hätte werden können – diesmal als spiel­be­stim­mende Gestalt. Doch im letzten Spiel gegen Unter­ha­ching, in dem ein Remis gereicht hätte, unter­lief ihm ein Eigentor. Damals war das ein gera­dezu albernes Miss­ge­schick eines gerade einmal 24-Jäh­rigen, der alles noch vor sich hatte. Heute wissen wir: Es war der Prolog einer unfass­baren Geschichte des Schei­terns. 

In der Saison 2001/02 wurde Bayer gleich drei Mal Zweiter, und der gesperrte Bal­lack musste im WM-Finale über­dies Zeuge werden, wie die deut­sche Natio­nal­mann­schaft Bra­si­lien unterlag. Wie weit hat er es in seiner Kar­riere gebracht? Eine Ant­wort könnte lauten: 1000 Tränen tief.

Diese Tränen, sie flossen auch nach der Nie­der­lage im Halb­fi­nale der WM 2006 gegen Ita­lien, im Früh­jahr 2008, als der FC Chelsea Man­chester United im Finale der Cham­pions League unterlag – und sie werden heute geflossen sein, als ihm mit­ge­teilt wurde, dass er auf­grund eines Innen­band­risses, den er sich durch eine Attacke von Kevin-Prince Boateng im FA-Cup-Finale zuge­zogen hat, nicht an der WM in Süd­afrika wird teil­nehmen können. 

Die miese Grät­sche eines über­mo­ti­vierten Gangsta-Rap­pers

Die deut­schen und eng­li­schen Meis­ter­schaften und Pokale, die er in der Zwi­schen­zeit sam­melte, sie wirken auf selt­same Weise wie Trost­preise in einer Kar­riere, der die Voll­endung ver­sagt bleiben wird. Einer erneuten Teil­nahme an einem Cham­pions-League Finale stehen sein Alter von nun schon fast 34 Jahren und die unklare Ver­trags­si­tua­tion beim FC Chelsea im Wege. Die WM wäre sein letztes großes Tur­nier gewesen. Die letzte Chance, über die eigene Geschichte zu tri­um­phieren. Doch dann, man hätte die Uhr danach stellen können, fällt den Helden die miese Grät­sche eines über­mo­ti­vierten Gangster-Rap­pers. Ist das so traurig, dass man lachen muss? Oder so witzig, dass man weinen muss? 

Jogi Löws ver­län­gerter Arm wurde am Sonn­tag­abend in die Röhre geschoben“, ver­mel­dete der Sport­in­for­ma­ti­ons­dienst. Schon da bleibt einem das Lachen im Halse ste­cken. Sehr geehrte Damen und Herren, lassen Sie uns heulen: Bal­lack war die Wade, die Karte, nun ist er die Ruine der Nation. Nichts geht mehr, Deutsch­land wird ohne ihn aus­kommen müssen. 

Und doch ist er da, weil bei keinem deut­schen Spieler je zuvor die Lücke so groß war, die er reißt. Wie der Sessel frei bleibt beim ersten Weih­nachts­fest ohne Opa, wird auch sein Platz im zen­tralen Mit­tel­feld ver­waist sein, gleich­gültig, ob Schweini, Khe­dira oder sogar Hitzl­sperger, ja: Frings! ver­su­chen werden, ihn zu ersetzen. 

Dort, im Nichts, ist Michael Bal­lacks Platz: Im Phan­tom­schmerz, im Was-wäre-gewesen-wenn, im Spe­ku­la­tiven, im Unvoll­endeten, in der Pro­jek­tion. Dort ist er uner­reicht und wird es bleiben.

Ein Trost? Ja, aller­dings ein 1000 Tränen tiefer.