Jürgen Klopp kün­digte schon bei seiner ersten Pres­se­kon­fe­renz Ver­än­de­rungen an. Die bezogen sich aber allein auf den sport­li­chen Bereich. Doch der BVB ist seit Klopp nicht nur auf dem grünen Rasen ein anderer. Das Gesicht des Ver­eins hat sich ver­än­dert. Waren wir bis vor kurzem in den Augen vieler noch der eher unsym­pa­thi­sche Plei­te­verein, der sich immer noch nicht damit abfinden kann, nicht mehr zur Crème de la Crème zu gehören und des­halb fröh­lich weiter Geld ver­brennt, so hat in Deutsch­land ein Umdenken statt­ge­funden. Nicht wenige ärgern sich quasi dar­über, dass sie den BVB nicht mehr abgrund­tief hassen können, weil Jürgen Klopp nun mal ein Sym­pa­thie­träger mit unbe­strit­tenen fach­li­chen Kom­pe­tenzen ist. Aber was andere denken, kann uns egal sein. Wich­tiger ist, was wir über unseren BVB denken.



Wer das große Glück (oder Pech) hatte, den Pres­se­kon­fe­renzen mit Thomas Doll bei­wohnen zu dürfen, dem wurden nicht nur 400 ver­schie­dene Kamp­fes­flos­keln und Durch­hal­te­pa­rolen um die Ohren gepfef­fert. Nein, jeder, der dabei war, spürte die Ver­krampft­heit der Ver­an­stal­tungen mit dem Ex-Trainer. Die BVB-Ange­stellten saßen mit teil­weise ver­stei­nerter Miene dort, egal wie das Ergebnis auf dem Rasen aus­fiel. Jour­na­listen stellten kaum Fragen, weil die Ant­worten eh wenig gehalt­voll waren oder schon in der Vor­woche gedruckt wurden.

Sätze fernab von flos­kel­hafter Pene­tranz

Seit Jürgen Klopp vor den Pres­se­leuten sitzt, herrscht eine bisher nicht gekannte Locker­heit. Schon bevor die Pres­se­kon­fe­renz los­geht, kann man sich sicher sein, dass der BVB-Trainer irgend­etwas erfri­schend ehr­li­ches und amü­santes in den Raum wirft. Sei es nun sein Wunsch nach einem Snack oder die Frage, wie denn »noch mal dieser Ligacup heißt, den wir letz­tens gewonnen haben«. Ihm zur Seite sitzen Sport­di­rektor Michael Zorc, bei dem eine Ader für feinsten tro­ckenen Humor immer deut­li­cher wird. Auf der anderen Seite Pres­se­spre­cher Josef Schneck, der sichere Mode­rator der unter­halt­samen Pres­se­kon­fe­renz-Shows. Aber nicht falsch ver­stehen: Eine PK ver­kommt beim BVB nicht zur Come­dy­ver­an­stal­tung. Der Humor wird zur rechten Zeit abge­stellt und Jürgen Klopp dik­tiert Sätze fernab von flos­kel­hafter Pene­tranz in den Block. Dafür sind sie gehalt- und sinn­voll.

Über­haupt scheint das so genannte Umfeld dem BVB-Trainer (noch) wohl gesonnen zu sein. Der Bou­le­vard ver­sucht zwar, Stör­feuer zu plat­zieren und zitierte jüngst ein ehe­ma­liges blaues Kampf­schwein, das heute der Berater von Tamas Hajnal sein soll. Der Ungar soll unzu­frieden gewesen sein und denke an einen Ver­eins­wechsel, sagte Wil­mots. Seitdem hat Hajnal drei Tore für den BVB geschossen und gehört zu den Besten im schwatz­gelben Dress. Außerdem ver­suchte eine Sport-Bou­le­vard-Zei­tung, das Thema Zidan zum Poli­tikum zu machen. Inner­halb des Ver­eins solle es nicht stimmen, die Kom­pe­tenz in der sport­li­chen Lei­tung solle ver­eins­in­tern ange­zwei­felt worden sein. Doch irgendwie ver­pufften diese Nadel­stiche. Auch ohne voll­mun­dige Dementi und State­ments vor den Kameras. Und noch etwas fällt auf: Wo ist eigent­lich Hans-Joa­chim Watzke? Er hält sich seit dieser Saison ange­nehm zurück.

Klopp lernt den Fan kennen

Eine für uns völlig unbe­kannte Situa­tion ist die Tat­sache, dass der Fan plötz­lich ernst genommen wird. Waren wir in den Augen des Ver­eins bisher zah­lungs­freu­dige Jubel­perser, die gefäl­ligst keine Kritik zu äußern haben und Geschenke kom­men­tarlos ent­ge­gen­zu­nehmen haben, so inter­es­siert es die Ver­eins­füh­rung plötz­lich, was der BVB-Fan so denkt. Jürgen Klopp will die Fans kennen lernen. Und wissen, was sie denken. Wenn nicht von allen, dann wenigs­tens von einigen, so vielen wie mög­lich. Die Dis­kus­si­ons­runde, zu der unser Trainer kurz vor der Saison ein­ge­laden hat, war keine bil­lige PR-Aktion. Klopp warb für den von ihm vor­ge­sehen Weg und wollte wirk­lich wissen, was wir denken, was wir von der Saison erwarten. Und hat es sich vor allen Dingen auch gemerkt, was er an diesem Abend zu hören bekam. Einige Wochen später war plötz­lich die unge­liebte Evonik-Fahne Geschichte. Jürgen Klopp hatte bei dem Dis­kus­si­ons­abend erfahren, dass wir die nicht beson­ders schätzen und hat auf dem kurzen Dienstweg ver­an­lasst, dass die Fahne in Zukunft ein­ge­rollt bleibt. Mit sol­chen Aktionen beweist er, dass er durchaus bereit ist, auch von sich aus, was dafür zu tun, dass wir ihm auf seinem bereits ein­ge­schla­genen Weg bedin­gungslos folgen und unter­stützen.

Und im Moment fällt es uns ja auch ziem­lich leicht, diesen Weg jubelnd zu beschreiten. Platz 6 nach sieben Spiel­tagen, 12 Punkte, erst eine Bun­des­li­ga­nie­der­lage. Im Pokal stehen wir im Ach­tel­fi­nale. Im UEFA-Cup sind wir nach groß­ar­tigem Kampf in Udine unglück­lich aus­ge­schieden. Doch auch trotz dieses Wehr­muts­trop­fens, die sport­liche Bilanz kann sich bisher sehen lassen. Wir hatten ein Ham­mer­auf­takt­pro­gramm und haben bis auf Hof­fen­heim jeden Gegner am Rand einer Nie­der­lage gehabt. Spie­le­risch hat das Team ziem­liche Fort­schritte gemacht. Ok, nach den arm­se­ligen Dar­bie­tungen der letzten Saison, bei dem das Team teil­weise frei von jeder Taktik und System auf dem Platz her­um­ge­irrt ist, konnte es ja nur besser werden.

Klopps pro­phe­zeite »Voll­gas­ver­an­stal­tungen«

Trotzdem war die Skepsis groß, als wir das Auf­takt­pro­gramm mit u.a. Lever­kusen, Bayern, Blaue und Stutt­gart sahen. So schnell kann das System Klopp nicht greifen, dachten viele. Der Trainer selbst sagte aber beharr­lich: »Wir wissen, dass viele Mann­schaften besser besetzt sind, als wir, aber die wollen wir trotzdem schlagen.« Und ver­sprach, dass die Zuschauer sehen werden, dass die Mann­schaft Bock hat, Bock zu spielen und vor allem zu gewinnen. Schon am ersten Spieltag siegten wir 3:2 in Lever­kusen. Ver­spre­chen bereits ein­ge­löst. Und so langsam finden auch die von Jürgen Klopp pro­phe­zeiten »Voll­gas­ver­an­stal­tungen« statt. Der BVB spielt nach vorne und erkämpft sich den Erfolg. Wir sind immer für ein Tor in den ersten Minuten gut. Dass es nicht immer zum Sieg reicht, das kann man der Mann­schaft ver­zeihen. Das Abwehr­pro­blem hat Klopp auch ziem­lich schnell in den Griff bekommen. Wir haben zwar inzwi­schen auch schon wieder einige Gegen­tore bekommen und Neven Subotic, Mats Hum­mels und Felipe San­tana spielten sicher­lich nicht feh­ler­frei. Aber alle drei strahlen mehr Sicher­heit aus, als alles, was wir in der letzten Saison gesehen haben. Und das erstaun­lichste: Robert Kovac spielte in seinen bis­he­rigen Ein­sätzen feh­lerlos, als hätte es die Saison 2007/2008 nie gegeben.

Wir Fans ziehen mit. Die Stim­mung ist in dieser Saison gut bis groß­artig. Die zwei­ma­ligen Aus­reißer nach unten als Roman Wei­den­feller etwas vor­schnell von einigen ver­höhnt wurde oder Mohamed Zidan als Sün­den­bock des zwi­schen­zeit­li­chen 0:3 gegen GE her­halten musste, sind inzwi­schen wieder ver­gessen. Auch nach dem etwas ärger­li­chen 1:1 gegen Han­nover wurde die Mann­schaft ordent­lich beju­belt und nach dem Spiel ver­ab­schiedet. Jetzt müssen sich nur noch einige Ewig-WM 2006-Nost­al­giker von der inzwi­schen stink­lang­wei­ligen und mono­tonen Humba trennen und dann könnte Nobby Dickel irgend­wann wieder Recht haben. Mit seinem »Beste Fans der Liga« und so weiter.

Alles in allem fällt die erste Bilanz also positiv aus. Wir spre­chen uns in 100 Tagen wieder.


Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von www​.schwatz​gelb​.de