Was ist neu? Die Wahr­neh­mung. Seit dem Auf­stieg 2019 galt Union als Außen­seiter, für viele sogar als Abstiegs­kan­didat. Nach drei Jahren Bun­des­liga und der wie­der­holten Qua­li­fi­ka­tion für den euro­päi­schen Wett­be­werb hat sich das geän­dert. Auf einmal kommt Ber­lins Big-City Club nicht mehr aus Char­lot­ten­burg, son­dern aus Köpe­nick. Doch wie passt das zu den beschei­denen Zielen des Ver­eins? Prä­si­dent Dirk Zingler beteu­erte zuletzt, man zähle immer noch zu den Mann­schaften, die erst einmal Punkte gegen den Abstieg sam­meln müssten. Spä­tes­tens nach dem ersten Aus­wärts­sieg in der Europa League im dank rei­se­freu­diger Union-Fans aus­ver­kauften Old Traf­ford dürfte der Draht­seilakt zwi­schen nah­barem Kult-Klub und erfolg­rei­chem Haupt­stadt­verein zum echten Pro­blem werden. Apropos Europa: Eine Neue­rung, die alle Anhänger freuen dürfte: Das Sta­dion an der alten Förs­terei, in dem vor nicht allzu langer Zeit noch Regio­nal­li­ga­spiele statt­fanden, ist ab diesem Jahr als Heim­stätte in der Europa League zuge­lassen.

Was ist so geblieben (ver­dammt nochmal)? Die cle­vere Transfer-Stra­tegie. Ob Manager Oliver Ruh­nert ein heim­li­cher Video­spiel-Nerd ist? Seit Jahren ließe sich ver­muten, er teste seine Trans­fers zu Hause im Keller vorm Gaming-PC bei Foot­ball Manager oder im FIFA-Kar­rie­re­modus. Flops gibt es kaum mal, nied­rige Ablösen halten das Risiko ohnehin gering. Zur neuen Saison kamen mit Jordan Sie­bat­cheu und Jamie Lewe­ling Spieler, von denen blau-weiße Ber­liner nur träumen können. Janik Haberer, Paul Seguin und Milos Pan­tovic wech­selten ablö­se­frei von der Bun­des­liga-Kon­kur­renz. Ebenso zum Null­tarif unter­schrieb mit Tim Skarke einer der besten Spieler der abge­lau­fenen Zweit­li­ga­saison und mit Danilho Doekhi der Kapitän von Ere­di­visie-Klub Vitesse Arn­heim. Dazu hat in She­raldo Becker der viel­leicht beste Spieler wider Erwarten seinen 2023 aus­lau­fenden Ver­trag ver­län­gert. Das Geniale an alldem: Durch den Abgang von Taiwo Awo­niyi zu Not­tingham Forest bilan­ziert Union sogar ein Trans­fer­plus von über zehn Mil­lionen Euro. Und 25 Kilo­meter weiter west­lich ver­sucht Fredi Bobic wahr­schein­lich immer noch, seine bis auf den Boden geklappte Kinn­lade wieder zu schließen.

Was fehlt? Ein Spieler, der so viel Kohle ein­bringt wie Awo­niyi, ist selbst­ver­ständ­lich schwer zu ersetzen. Ähn­lich dachten die Fans aller­dings auch schon im Winter über Max Kruses Wechsel zum VfL Wolfs­burg. Schon damals ver­ließ der offen­sive Dreh- und Angel­punkt den Verein. Es folgten eine sen­sa­tio­nelle Rück­runde und Tabel­len­platz fünf. Nun fehlt jedoch auch Mit­tel­feld­motor und Neu-Hof­fen­heimer Gri­scha Prömel, den sich so manche Experten auch auf Hansi Flicks Notiz­zettel wün­schen. Die beiden erzielten knapp die Hälfte aller Ber­liner Sai­son­tore. Ob der Schweizer Tor­schüt­zen­könig Sie­bat­cheu und die anderen Neu­zu­gänge diese Ver­luste sofort auf­fangen können, bleibt abzu­warten. Das Poten­zial dazu hätten sie.

Wenn dieser Klub ein Getränk wäre. Vita Cola. Oder wie sie beim Erfin­dungs- und Pat­ent­wesen der DDR ange­meldet wurde: Cof­fein­hal­tige Brau­se­li­mo­nade mit Frucht- und Kräu­ter­ge­schmack unter Zusatz von Vit­amin C.” Damit in etwa so ver­schach­telt wie die Money­ball-Spreads­heets im Keller von Herrn Ruh­nert.
Hat im Osten bereits abso­luten Kult-Status, erfrischt und belebt seit einigen Jahren mit kesser Spiel­weise und tollen Trans­fers auch den etwas müden Alltag der Bun­des­liga. Kommt zudem langsam auch deutsch­land­weit in Mode und wird viel­leicht bald in ganz Europa bekannt?


11FREUNDE-Orakel: Es scheint, als hätte sich Union von der Drei­fach­be­las­tung im letzten Jahr nicht son­der­lich beein­dru­cken lassen. Bei genauer Betrach­tung fällt jedoch auf, dass sie an Wochen­enden nach Con­fe­rence-League-Spiel­tagen nur einen ein­zigen Sieg in der Bun­des­liga holten. In der Europa League warten nun ganz andere Kaliber, die an den eisernen Kräften zehren werden. Bis zum frühen Aus in der Europa League steuert Union darum auf einen faden Mit­tel­feld­platz zu. Weil in der Win­ter­pause wei­tere cle­vere Trans­fers erfolgen, die Neu­zu­gänge Fahrt auf­nehmen und ehr­lich gesagt auch, weil wir keine Mit­tel­feld­plätze mehr zu ver­geben haben, startet Union in der Rück­runde richtig durch. Zum Auf­takt schießen sie Hertha ab, danach geht es steil nach oben. Wir sehen es letzt­lich also ganz wie einst die Sport­freunde Stiller und pro­phe­zeien: der Auf­stieg war ein Wunder, die Con­fe­rence League war Glück, die Euro League der ver­diente Lohn und die Cham­pions League wird ne Sen­sa­tion! Platz vier.