Seite 3: „Dürfen die Jungs immer das spielen, was in ihnen steckt?“

Für Kramer ist der pro­fes­sio­nelle Nach­wuchs­fuß­ball in Deutsch­land inzwi­schen eine Blase geworden, wo vieles gere­gelt wird und alles durch­ge­taktet ist“. Die Folgen sehe man dann auf dem Platz. Dürfen die Jungs immer das spielen, was in ihnen steckt?“, fragt er. Kicken die genug? Ist wirk­lich die Men­ta­lität vor­handen: Ich will da oben ankommen?“ Seine Spieler haben gerade aus unmit­tel­barer Nähe sehen können, was das heißt: da oben. Sie haben in Eppan zwei Test­spiele gegen die A‑Nationalmannschaft bestritten, die sich auf die WM in Russ­land vor­be­reitet. Kramer betreut in seinem Kader Spieler aus den Jahr­gängen 1997 und 1998. Wenn man sieht, wie wenig Ein­satz­zeiten sie in der ver­gan­genen Saison in ihren Klubs hatten, muss man schon sagen: Da haben wir Pro­bleme.“

Der frü­here Coach von Hof­fen­heim, Fürth und Düs­sel­dorf bedauert es auch, dass es unter den Nach­wuchs­trai­nern nicht mehr solche Spe­zia­listen wie früher gibt, als jemand auch mal 20 Jahre lang für die D1 zuständig war. Die haupt­amt­li­chen Trainer in den Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren schielen vor allem auf einen Job im Pro­fi­be­reich. Julian Nagels­mann, 30, und Dome­nico Tedesco, 32, sind zu Rol­len­vor­bil­dern geworden, an deren Wer­de­gang sich viele Jugend­trainer ori­en­tieren.

18 Sys­teme rück­wärts laufen und furzen“

Wer im Nach­wuchs Erfolg hat, kann ganz schnell auch für einen gestan­denen Bun­des­li­gisten in Frage kommen. Aber woran bemisst sich Erfolg in der Jugend: an Titeln mit der Mann­schaft? Oder am Fort­kommen ein­zelner Spieler? Dar­über, sagt Kramer, mache man sich im DFB sehr viele Gedanken“; es werde offen und ehr­lich dis­ku­tiert. Wenn man ihn aller­dings mit dem Namen Mehmet Scholl kon­fron­tiert, hebt er gleich abweh­rend die Hände. Dabei hat der frü­here Bayern-Profi nichts anderes gesagt als Hans-Dieter Flick vor drei Jahren: dass es den Jugend­spie­lern an indi­vi­du­ellen Fähig­keiten mangle und das viel­leicht auch am fal­schen Fokus der Nach­wuchs­trainer liege – nur hat Scholl das eben ein biss­chen dras­ti­scher for­mu­liert: Die Kinder dürfen sich nicht mehr im Dribb­ling pro­bieren, sie kriegen nicht mehr die rich­tigen Hin­weise, warum ein Pass nicht gelingt, warum ein Dribb­ling nicht gelingt, warum ein Zwei­kampf ver­loren wurde. Statt­dessen können sie 18 Sys­teme rück­wärts laufen und furzen.“

Joti Chat­zi­ale­xiou hebt nicht abweh­rend die Hände. Er sagt, er wolle sich nicht weg­du­cken und kri­ti­sche Stimmen seien durchaus will­kommen. Dem­nächst will er sich mit Mehmet Scholl zum Gespräch treffen.