Nicolas Pépé erreichten sie als erstes. Die Fans des Lille OSC erkannten ihren Klub nicht mehr wieder, zu viele Nie­der­lagen hatte es gegeben, in der Arbeit der Ver­eins­füh­rung sahen sie kein Kon­zept. Also rebel­lierten die Massen. Sie durch­bra­chen den Sta­di­on­zaun, rannten auf das Spiel­feld und trafen dort auf ihren Stürmer Pépé. Die Ordner in ihren neon­grünen Jacken warfen sich dazwi­schen, immer wieder ver­suchten die Fans, zu Pépé durch­zu­dringen, suchte auch er die Aus­ein­an­der­set­zung. Dann zerrte das Sicher­heits­per­sonal ihn in den Spie­ler­tunnel.

Bald folgten ihm seine Mit­spieler, nicht alle kamen unge­schoren davon. Sie kas­sierten Tritte und Schläge von denen, die ihnen doch eigent­lich zuju­beln sollten. Schlimmer ver­letzt wurde glück­li­cher­weise nie­mand.

Das war am 10. März 2018, Lille hatte soeben 1:1 gegen Mont­pel­lier gespielt. Der LOSC war am Boden. 
Inzwi­schen ist alles anders.

Nicolas Pépé und sein 80-Mil­lionen-Euro-Preis­schild

Denn inzwi­schen lieben sie ihn, ihren Pépé. Trifft er, legt sich der 23-Jäh­rige die Hand an die Stirn, als halte er Aus­schau nach seinen Kri­ti­kern. Wo sind sie alle hin? Er ist der aktuell zweit­beste Tor­schütze der Liga (16 Treffer) nach Kylian Mbappé (18 Treffer). Er legte die meisten Tore auf (zehn Assists). Kurz­zeitig war der FC Schalke an ihm inter­es­siert, doch schnell wurde klar, dass der pfeil­schnelle Ivorer für die Gel­sen­kirchner nicht mehr bezahlbar ist. Ein 50-Mil­lionen-Euro-Angebot vom FC Arsenal war zu wenig. Ab 80 Mil­lionen könne man reden. Aber Lille ist nicht nur Nicolas Pépé, son­dern auch der­zeit das beste Team in Frank­reich hinter Paris Saint-Ger­main. Und das nach einem Fast­ab­stieg in der ver­gan­genen Saison. Wie konnte das gelingen?

Die Begeis­te­rung für den Fuß­ball in der Region Hauts-de-France war nie über­schwing­lich. Seit der Eröff­nung 2012 bekam der LOSC in keinem Liga­spiel die 50.000 Plätze im Stade Pierre-Mauroy voll. 

Im Nord­osten Frank­reichs, nahe der Grenze zu Bel­gien, sehnten sich die Men­schen lange Zeit ins Jahr 2011 zurück. Lille OSC holte den Pokal und die Meis­ter­schaft. Vor allem aber war es die letzte Saison bevor Katar begann, PSG auf­zu­pumpen, bevor der rus­si­sche Olig­arch Dmitry Rybolovlev seine Liebe zur AS Monaco ent­deckt. Die Spitze im fran­zö­si­schen Fuß­ball war von da an für alle anderen Klubs uner­reichbar – und Lille rutschte langsam in die Mit­tel­mä­ßig­keit der Tabelle ab.

Laut der Sport­ma­nage­ment-Agentur Spor­ting­in­tel­li­gence gaben damals selbst Girondins Bor­deaux (£643,032) und der OGC Nizza (£915,007) durch­schnitt­lich mehr Geld für Spie­ler­ge­hälter aus als Lille (£620,691). Dann tauchte Gérard Lopez auf. Im Januar 2017 über­nahm er den LOSC.