Wenn es zu spät zur Umkehr ist, kann man sich nur noch zu Tode saufen oder ver­su­chen, dem Teufel große Werke zu errichten.“ (Iri­sches Spricht­wort)

Er hatte sich für die erste Alter­na­tive ent­schieden und es end­lich hinter sich gebracht.War auf die andere Seite über­ge­wech­selt und über­rascht haben dürfte es nie­manden. Man hatte es kommen sehen, seit wie vielen Jahren eigent­lich schon? Es war wohl mehr als seine Kar­riere, deren unrühm­li­ches Ende mehr als 20 Jahre zurück­liegt, ange­dauert hat. Was danach noch folgte, war eine ein­zige Freak­show. Obwohl es einen im Grunde einen Dreck angeht, wird man wütend. Wer auch nach der Leber­trans­plan­ta­tion wei­ter­säuft wie tau­send Russen, der hat selbst Schuld. Als ob es um Schuld ginge, oder darum, wer Mit­leid verdient.

Der viel­leicht nicht größte, mit gewisser Wahr­schein­lich­keit aber cha­ris­ma­tischste Fuß­baller aller Zeiten ist tot. Andere haben häu­figer Titel abge­räumt und mehr Tore geschossen, aber kaum einer reprä­sen­tierte seine Zeit so nach­haltig wie George Best. Und wenn die Zeit, für die er stand, immer stehen wird, nun einmal die­je­nige ist, die einen selbst geprägt hat, dann zählt eben nur sie. It’s as simple as that! Bestie, der Bel­fast Boy, Geordie (wie er in seiner Hei­mat­stadt immer nur hieß), der fünfte Beatle, zu dem man ihn zeit­weise ernannte, hat sich mit wenig Gran­dezza, aber bru­taler Kon­se­quenz unter die Erde gesoffen. He did it his way! Ein letztes Mal.

59 ist noch kein Sterbealter

Der runde Sech­zigste, an dem man ihn wohl noch einmal im großen Stil abge­feiert und ihm viel­leicht auch für viele seiner Ent­glei­sungen öffent­lich Abso­lu­tion erteilt hätte, der war ihm nicht mehr ver­gönnt. Nein, 59 ist noch kein Ster­be­alter, und klar, es ist unge­sund, per­ma­nent zu ver­drängen, dass man irgend­wann halt den Preis für seinen Lebens­wandel bezahlt, oder in Bests Fall wohl besser: die Zeche. Trotzdem konnte und wollte man sich einen geläu­terten und alters­milden Bestie, der als elder sta­tesman aus­ge­wo­gene State­ments von sich gibt, auch nicht unbe­dingt vorstellen. 

Außerdem: Bobby Moore, diesen wahren Aus­bund an Serio­sität und in jeder Bezie­hung das krasse Gegen­teil von Best, raffte the big C mit Anfang 50 dahin, und John Lennon wurde mit gerade mal 40 von einem Irren abge­knallt. Und Brendan Behan, das andere iri­sche Schand­maul das in seinem Beritt jeden anderen nach Belieben an die Wand gespielt hat, ertränkte seine gequälte Seele im Whiskey gerade zu der Zeit, als Best anfing groß herauszukommen.

Die Frage Where did it all go wrong, Georgie?“ wurde oft genug gestellt. An lai­en­psy­cho­lo­gi­schen Fern­ana­lysen über die Ursa­chen seiner Sucht und seiner Selbst­zer­stö­rung herrscht seit Jahr­zehnten kein Mangel. Genau wie an Ver­su­chen, ihn als letzt­lich Geschei­terten oder Unvoll­endeten zu por­trä­tieren. Erin­nern wir uns lieber an den Fuß­baller George Best, denn als sol­cher war er viel­leicht doch der Größte.

Welche Posi­tion er spielte, war völlig egal

Ver­dammt schwierig, die Magie nach all der Zeit auf einen Nenner zu bringen.Vielleicht war es die enge Ball­füh­rung bei hohem Tempo; viel­leicht die kleinen pro­vo­zie­renden Sides­teps, mit denen er, bevor er sich einen oder meh­rere Kon­tra­henten zur Brust nahm, das geg­ne­ri­sche Publikum her­aus­for­derte; viel­leicht aber auch nur die läs­sige Art, wie er einen Moment lang dastand, unmit­telbar bevor er zu einer Aktion ansetzte, die man so noch nie gesehen hatte: mit lockeren Hüften und in den Knien wie­gend, nicht unähn­lich den Guns­lin­gern aus den ersten Ita­lo­wes­tern, die gerade herauskamen. 

Einer seiner furiosen Solo­läufe, bei dem er es mit wehender Mähne, irr­wit­zigem Gleich­ge­wichts­ge­fühl und abgrund­tiefer Ver­ach­tung für alle Blut­grät­schen, die ihn auf­halten wollten, am liebsten mit einem halben Dut­zend Gegen­spieler auf­nahm, das war so etwas wie Schien­bein­surfen und ist, zumin­dest aus bri­ti­scher Per­spek­tive, ein genuines Abbild der Six­ties, so wie der Auf­tritt der Yard­birds in Blow Up“, eine Modenshau mit Twiggy oder die Titel­se­quenz von The Prisoner“. 

Dabei ließ er aber so gut wie nie den nötigen Zug zum Tor ver­missen, was ihn von den Fum­mel­brü­dern süd­eu­ro­päi­scher Prä­gung unter­schied. Er war beid­füßig, sau­schnell und viel robuster, als sein schmaler und auf den ersten Blick so mickrig wir­kender Körper ver­muten ließ. Seine Trick­kiste war viel­leicht nicht ganz so prall gefüllt wie die von Gar­rincha, und weniger zir­kus­kom­pa­tibel wirkte er auch, dafür aber traf er viel öfter ins Tor.