Ich kann nicht von mir behaupten, jemals ein beson­ders guter Fuß­baller gewesen zu sein. Und doch wurde ich einmal abge­worben: Ein Dorf­verein eiste mich beim anderen Dorf­verein los. Ich hatte sein Inter­esse geweckt in einer Saison, in der ich zum älteren Jahr­gang der B‑Jugend gehörte, und die fünf Zen­ti­meter und sieben Kilo, die ich den Jün­geren voraus hatte, den Anschein erweckten, ich sei ihnen irgendwie überlegen. 

Also ging ich von der Kreis­klasse in die Kreis­liga und hielt das für einen gewal­tigen Schritt. Aber ich erhoffte mir nicht nur Titel, schö­nere Tri­kots und mehr Mäd­chen, die beim Punkt­spiel zuschauten. Der Fuß­ball-Obmann meines neuen Ver­eins hatte mich und noch drei, vier andere Jungs mit einem beson­deren Anreiz gelockt. Er werde, prahlte er bei den Trans­fer­ver­hand­lungen, eine Trai­nings­ein­heit mit Rodolfo Car­doso orga­ni­sieren. Car­doso! Der Spiel­ma­cher des SV Werder! Da lässt man alles stehen und liegen. Selbst die Bayern-Fans unter uns glühten vor Vorfreude. 

Car­doso? War er da? Endlich? 

Sie währte lange, die Vor­freude, sehr lange. Ein erster Termin mit dem Mit­tel­feld­genie noch wäh­rend der Vor­be­rei­tung platzte, ein nächster im Oktober. Da war die Auf­bruch­stim­mung schon ver­flogen, wir standen im unteren Tabel­len­drittel. Auch meine kör­per­liche Über­le­gen­heit hatte sich rela­ti­viert, ich war nun, in der A‑Jugend, einer der Kleinsten. Nicht gut für einen Vor­stopper. In der Win­ter­pause, in die wir als Vor­letzter gingen, schürte der Obmann die Hoff­nung von Neuem: Im Februar, pro­phe­zeite er unver­drossen, werde Car­doso ganz bestimmt kommen. Es wurde Ostern, es wurde Pfingsten, wir waren inzwi­schen Letzter, der Klas­sen­er­halt nur noch theo­re­tisch möglich. 

Da raste eines Tages ein Rie­sen­sport­wagen auf den Park­platz vor unserem Ver­eins­heim, die Reifen quietschten so film­reif, dass allen syn­chron ein Gedanke durch den Kopf schoss: Car­doso! Er war da! End­lich! Wir liefen zu einer Traube zusammen. Auch der Obmann kam aus seinem Häus­chen geda­ckelt, schien es selbst nicht zu glauben. Car­doso? War er da? Endlich? 

Die Tür des Sport­wa­gens ging auf, und aus stieg – Hansi Gun­delach. Der Ersatz­keeper des SV Werder. Trug die rote Röh­ren­jeans von der Meis­ter­feier 1993. Cow­boy­stiefel. War nicht beson­ders gut drauf. Schoss drei Mal lustlos aufs Tor. Mit Pieke. Fuhr dann zurück nach Bremen. 

Wir stiegen ab in dieser Saison. Ohne Car­doso war die Klasse ein­fach nicht zu halten.