Rebecca Harms, Sie haben einen offenen Brief an die Regie­rungen der EU geschrieben. Sie for­dern darin zu einem poli­ti­schen Boy­kott der Welt­meis­ter­schaft in Russ­land auf.
Die Olym­pi­schen Win­ter­spiele 2014 in Sot­schi hatten keine befrie­dende Wir­kung auf Wla­dimir Putin. Drei Tage nach der Abschluss­feier begann die mili­tä­ri­sche Beset­zung der Krim, wenig später der Krieg im Donbas. Im Krieg in Syrien ist die rus­si­sche Armee für schwere Kriegs­ver­bre­chen ver­ant­wort­lich. Auch in Russ­land ist die Lage sehr bedenk­lich: Poli­ti­sche Gefan­gene, keine Mei­nungs- oder Pres­se­frei­heit, keine freien Wahlen. Ich kann mir viele bes­sere Orte vor­stellen, um eine Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft aus­zu­tragen.

Wäre es nicht genauso gut mög­lich, die Platt­form der Welt­meis­ter­schaft zu nutzen, um vor Ort Kritik an Putin und seiner Politik zu üben?
Die Staats- und Regie­rungs­chef reisen für gewöhn­lich zu den ent­schei­denden Spielen einer WM. Dabei geht es auch darum, sich im Glanz des Tur­niers zu sonnen. Putin sucht dazu noch den Glanz seiner inter­na­tio­nalen Gäste. Poli­tiker, die fahren, sollten auch poli­ti­sche Gefan­gene des Kremls besu­chen.

Warum ein poli­ti­scher Boy­kott aber kein sport­li­cher?
Ich weiß, wie viel die Welt­meis­ter­schaft den Men­schen bedeutet. Auch meine Familie ist fuß­ball­be­geis­tert. Für eine von Anfang an fal­sche Ent­schei­dung der FIFA, näm­lich die WM über­haupt an Russ­land zu ver­geben, sollten nicht die Fans und die Spieler büßen müssen.

60 EU-Par­la­men­ta­rier haben den von Ihnen initi­ierten Aufruf unter­schrieben. 751 sitzen im Par­la­ment. Was kann so ein Brief über­haupt bewirken?
Die öffent­liche Dis­kus­sion wird neu ange­stoßen. Nach dem Gift­an­schlag in Salis­bury und dem erneuten Ein­satz che­mi­scher Waffen in Syrien werden Groß­bri­tan­nien und Island keine Regie­rungs­ver­treter zur Welt­meis­ter­schaft schi­cken. Ein rich­tiger Moment, die EU-Mit­glieds­staaten dazu auf­zu­for­dern, es ihnen gleich­zutun. Putin nutzt solche Sport­er­eig­nisse, um seine Politik nach innen zu legi­ti­mieren. Staats- oder Regie­rungs­chefs sollten dabei nicht an seiner Seite stehen.

Abge­ord­nete aus den unter­schied­lichsten Frak­tionen des euro­päi­schen Par­la­ments haben ihren Aufruf unter­zeichnet. Aus Deutsch­land aller­dings nur Abge­ord­nete von den Grünen.
Die deut­schen EU-Par­la­men­ta­rier haben sich mit einer Unter­schrift schwer­getan. Von einigen Kol­legen, die unsere Kritik an Putin teilen, habe ich zu hören bekommen: ›Stell dir vor, unsere Jungs kommen ins Finale.‹

Das heißt, es gibt Abge­ord­nete, die inhalt­lich bei Ihnen sind, sich aber die Option bewahren möchten, ohne Inter­es­sens­kon­flikt zu einem mög­li­chen End­spiel fahren zu können?
So habe ich das ver­standen, ja.