Als Kol­beinn Sig­t­horsson in der 16. Minute den Ball am Straf­raum­rand stoppt und in Rich­tung Eng­lands Keeper Joe Hart mur­melt, halten die Men­schen von Reyk­javík bis Þórs­höfn den Atem an. Sekun­den­bruch­teile später explo­dieren die Hor­mone. Denn dort drüben im fernen Frank­reich, in Nizza, im Stade De Nice, im EM-Ach­te­fi­nale zwi­schen Island und Eng­land steht es plötz­lich 2:1. Für Island, diese lächer­lich kleine Fuß­ball­na­tion. Der 27. Juni 2016 wird in die Geschichte des Landes eingehen. 

Und wäh­rend der fol­genden 74 Minuten wird das viel­leicht schönste Fuß­ball­mär­chen Rea­lität. Pfeif ab, pfeif ab“, brüll­quietscht der islän­di­sche Fernseh-Kom­men­tator Guð­mundur Bene­diktsson die letzten Minuten atemlos über den Äther. Und als es dann soweit ist, ergänzt er gleich noch eine Oktave höher: Ihr könnt nach Hause fahren. Ihr könnt Europa ver­lassen!“ Legen­däre Worte an diesem an Legenden prall­ge­füllten Abend.

Auf den Rängen liegen sich die islän­di­schen Fans längst in den Armen. Frauen, Kinder, Männer, Alte, Junge, Dicke, Dünne, knapp zehn Pro­zent der Gesamt­be­vö­ke­rung der Vul­kan­insel sollen sich nach Frank­reich auf­ge­macht haben. Eine Inva­sion der Liebe, die erst die Straßen der Grand Nation und später die Herzen der Fuß­ball­welt eroberte. Weil sie mit Lebens­freude, Fairneß und dem festen Willen zur EM reisten, hier und jetzt den Sommer ihres Lebens zu zele­brieren. Sie sollten ihn bekommen. Huh!

Hagel, Regen, Krankenhaus

Neun Monaten später ist der Alltag zurück auf Island. An guten Tagen mischt sich in die Hagel­schauer sogar ein biss­chen Bind­fa­den­regen. Der magi­sche EM-Sommer scheint weiter ent­fernt als das euro­päi­sche Fest­land. Und doch dürften am ver­gan­genen Wochen­ende doch noch mal die Huh!“-Rufe durch die Straßen gehallt und die alten Geschichten aus­ge­packt worden sein. Denn die Nach­wir­kungen des Eng­land-Tri­um­phes werden nun sichtbar. 

Weil sich zeigt, dass sich in jener Nacht vom 27. Juni 2016 die Fans nicht nur vor Freude in den Armen gelegen, son­dern offenbar auch gleich noch eine Nach­spiel­zeit im hei­mi­schen Schlaf­zimmer nach­ge­legt haben. 

Neun Monate danach

Habe an diesem Wochen­ende eine Rekord­an­zahl an Anäs­te­sien auf der Ent­bin­dungs­sta­tion gesetzt“, twit­terte der Arzt Asgeir Petur Por­valdsson. Was erstmal nach wenig klingt, bekommt seine Würze jedoch durch den nach­ge­scho­benen Halb­satz: Neun Monate nach dem 2:1‑Siege gegen Eng­land“. Wenig später berichtet das islän­di­sche Portal Visir, dass am ver­gan­genen Wochen­ende so viele Kinder in Island geboren wurden wie nie­mals zuvor an einem Wochen­ende auf der Insel.

Und irgendwie zeigt sich auch hier die magi­schen Kraft des Fußballs. 

Man könnte jetzt noch zahl­reiche halb­st­eife Meta­phern suchen. Vom Rein­ma­chen reden. Davon, dass aus der Liebe zum Spiel eben auch mal ein Lie­bes­piel wird. Oder man freut sich ein­fach über die Nachricht.

Oliver Bier­hoff ist trotzde traurig

Weil sie viel­leicht genau der Kitsch ist, den man in einer Län­der­spiel­pause braucht, in der sich Oliver Bier­hoff über den Aus­ver­kauf des Fuß­balls grämt und mit seiner – von einer sünd­haft teuren Wer­be­agentur durch­ge­stylten – La Mann­schaft“ durch Europa tourt und jeden Wer­be­termin dankbar mit­nimmt. Viel­leicht lässt es die Zukunft auch nur etwas heller erscheinen, wenn man weiß, dass die ganz offenbar groß­ar­tigen Isländer wegen eines magi­schen Fuß­ball­abends erstmal nicht vom Aus­sterben bedroht sind.

Ach ja, aus Eng­land wurden übri­gens keine Geburts­sta­tis­tiken vom ver­gan­genen Wochen­ende bekannt. Man kann aber davon aus­gehen, dass der Abend des 27. Juni 2016 von London bis Ports­mouth eher ruhig war. 


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