Lorenz Maroldt ist Chef­re­dak­teur des Tages­spiegel“. An dieser Stelle schreibt der Arsenal-Experte in einem Gast­bei­trag für 11FREUNDE über die der­zei­tige Situa­tion um Trainer Arsene Wenger.

Einer der vielen Promi-Fans von Arsenal ist Sex-Pis­tols-Sänger John Lydon, aber der Sound­track zum der­zei­tigen Ver­eins­leben von Team­ma­nager Arsène Wenger stammt von The Clash: Should I Stay Or Should I Go“. Diese Frage stellt sich seit ein paar Jahren in schöner Regel­mä­ßig­keit zu Beginn eines jeden Früh­lings, nach dem ebenso regel­mä­ßigen Cham­pions-League-Aus im Ach­tel­fi­nale, nach den klas­si­schen, teils ver­hee­renden Win­ter­nie­der­lagen gegen die großen Pre­miere-League-Kon­kur­renten an der Spitze und den ebenso klas­si­schen, ebenso regel­mä­ßigen, ebenso pein­li­chen Win­ter­pleiten gegen einige Under­dogs der Liga. Und je länger das so geht, desto mehr Fans beant­worten die Frage aller Fragen mit einem ent­schie­denen Go!“.

Auf Trans­pa­renten for­dern Fans den Wexit“

Bei jedem Spiel tau­chen mehr Anti-Wenger-Banner im Sta­dion auf, manche erweisen dem Trainer dabei immerhin noch Respekt für die ver­gan­genen 21 Jahre: Thanks for the memo­ries but it’s time to say goodbye“, heißt es da, oder auch All good times must come to an end“. Wieder andere haben die Geduld schon lange ver­loren und for­dern ulti­mativ: Wexit“, Enough is enough“, Wenger out!“ und Love the team, hate the regime“, was sowohl auf Wenger, als auch auf Ver­eins­eigner Stan Kro­enke zielt. Zuletzt, kurz vor dem Anpfiff zum Liga­spiel bei West Brom­wich Albion, kreiste sogar ein Klein­flug­zeug über dem Sta­dion, hinter sich ein Banner her­zie­hend: No Con­tract – Wenger Out“. Das Spiel ging 1:3 ver­loren.

Marina Hyde beschrieb dieser Tage im Guar­dian“ die Regent­schaft Wen­gers als Tra­gödie Shakespeare’scher Güte, mit Wenger in der Rolle des King Lear. In diesem Fuß­ball­theater spielt seit einiger Zeit das Arsenal Fan TV“ den heftig ran­tenden Hof­narren, der auf dras­ti­sche Weise unbe­queme Wahr­heiten aus­spricht, genauer gesagt aus­spre­chen lässt, und zwar von den immer glei­chen Figuren, die sich nach der jeweils neu­esten Nie­der­lage der­maßen in Rage gegen Wenger reden, dass es nur so spritzt. Die You­tube-Clips dieser Wut­in­ter­views haben Kult­status erlangt.

Ein Wenger-Kri­tiker würde sogar ein Tot­tenham-Trikot tragen

Und diesmal ist die Lage, nicht nur gemessen an der stets hohen Erwar­tungs­hal­tung, wirk­lich ernst. Erst­mals seit 19 Jahren ist die Qua­li­fi­ka­tion für die Cham­pions League gefährdet. Die Meis­ter­schaft, die Arsenal zuletzt 2004 gewinnen konnte, ist ohnehin gelaufen. Diesmal könnte sogar der liebste Ersatz­fei­ertag der Gooners aus­fallen, der St. Tot­te­ring­ham’s Day“, der immer dann fällig ist, wenn der Nord-Lon­doner Kon­kur­rent von der White Hart Lane keine Chance mehr hat, in der Tabelle vor Arsenal abzu­schließen. So spät wie in der ver­gan­genen Saison war das noch nie: Erst am letzten Spieltag gelang es Arsenal, an Tot­tenham vor­bei­zu­ziehen. Der Arsenal-Fan und Wenger-Kri­tiker Piers Morgan, einer der pro­mi­nen­testen bri­ti­schen TV-Mode­ra­toren, kün­digte aus Pro­test gegen die Ver­eins­po­litik jetzt sogar an, ein Tot­tenham-Trikot zu tragen, wenn im Gegenzug 50.000 Pfund für die Cha­rity-Orga­ni­sa­tion Comic Relief“ gespendet werden. Schlimmer kann’s kaum kommen.

Und so gingen zuletzt fast alle davon aus: Das war’s für Wenger. Namen mög­li­cher Nach­folger wurden ven­ti­liert, unter anderem der von Thomas Tuchel. Zumal Wenger selbst, dem ein neuer Zwei­jahres-Ver­trag vor­liegt, nach der Zer­trüm­me­rung seiner Mann­schaft durch Bayern Mün­chen (2:10 on aggre­gate“ im Ach­tel­fi­nale) ange­deutet hatte, die Stim­mung der Fans bei seiner Ent­schei­dung zu berücksichtigen.