Von allen wich­tigen Lek­tionen, die mich der Fuß­ball in meiner Kind­heit und Jugend gelehrt hat – Fair­play, Sports­geist, Ehr­geiz – war diese die wich­tigste: Es ist egal, wo du her­kommst, welche Farbe deine Haut hat oder welche Sprache du zuhause mit deinen Eltern sprichst: wir sind alle gleich. Das mag nach Eine-Welt-Laden klingen, aber es ist so. In unserer Mann­schaft spielten damals Jungs mit tür­ki­schen, ita­lie­ni­schen, kur­di­schen, ara­bi­schen, afri­ka­ni­schen, rus­si­schen Wur­zeln, und nicht eine Sekunde war das irgendwie Thema inner­halb der Mannschaft. 

Dem Fuß­ball ist eine unge­meine Kraft ein­ge­schrieben, Men­schen zusam­men­zu­bringen. Es geht darum, das Ich kleiner zu machen als das Wir, um ein gemein­sames Ziel zu errei­chen. Wich­tiger als dieses Ziel ist aber der Weg dahin, auf dem die Mit­spieler in aller­erster Instanz Mit­spieler sind und eben nicht: Mus­lime, Christen, Juden, Schwarze, Weiße oder was auch immer. Fuß­ball ist das gelebte Wir schaffen das“, er zeigt dir die Gemein­sam­keiten, nicht die Unter­schiede. Das weiß jeder, der selbst gekickt oder auch nur irgendwo auf der Welt mal einen Ball in die Mitte geworfen und beob­achtet hat, wie egal plötz­lich alle Dif­fe­renzen sind. 

Frech­heit! Ich distan­ziere mich klar!“

Ob Frank Scheer­messer auch mal gekickt hat, ist nicht über­lie­fert. Auf jeden Fall scheint der Ber­liner AfD-Abge­ord­nete Fuß­ballfan zu sein. Nach dem 2:1‑Sieg der Hertha gegen Dort­mund am Samstag machte er grin­send ein Foto mit dem Sieg­tor­schützen Marvin Plat­ten­hardt, das der AfD-Account der Ber­liner Frak­tion umge­hend ver­brei­tete. Ein bil­liges Her­an­wanzen an den Kicker, um sich dessen Popu­la­rität für die Partei nutzbar zu machen. Als Plat­ten­hardt davon Wind bekam, mit wem er sich hatte ablichten lassen, distan­zierte er sich sofort und deut­lich: Hatte keine Ahnung, mit wem ich mich da foto­gra­fieren lasse. Frech­heit! Ich distan­ziere mich klar!“, schrieb Plat­ten­hardt auf Twitter und for­derte die Löschung des Fotos. 

Eine For­de­rung, der die AfD bis­lang nicht nach­ge­kommen ist. Mehr noch: AfD-Frak­ti­ons­spre­cher Andreas Heint­zgen ärgerte sich über Plat­ten­hardts Empö­rung: Wäre es ein CDU-Poli­tiker gewesen, hätte sich nie­mand beschwert, so Heint­zgen gegen­über dem Tages­spiegel: Da wird mit zwei­erlei Maß gemessen.“ Das ist in der Tat so, und das ist gut. Denn die AfD ist keine nor­male Partei. Die AfD ver­sucht, stramm rechte Inhalte in die Mitte der Gesell­schaft zu bringen. Und sie tut dies, indem sie mit Angst und Res­sen­ti­ments die Bevöl­ke­rung zu spalten ver­sucht. Es ist also drin­gend not­wendig, mit zwei­erlei Maß zu messen.

Wer die AfD wählt, macht sich mit Nazis gemein

Und bevor jetzt das Geblöke in den Kom­men­tar­spalten los­geht: Nicht jeder, der die AfD wählt, ist ein Nazi. Aber: Jeder, der die AfD wählt, macht sich mit ihnen gemein. In den Reihen der AfD tum­meln sich Ras­sisten, Holo­caust­leugner und ähn­liche Leute, geduldet von einer Füh­rungs­riege, die bei aller bür­ger­li­chen Fas­sade selbst gerne mal vom Holo­caust-Mahnmal als Denkmal der Schande“ schwa­dro­niert, oder davon, an der Grenze auf Schutz­su­chende zu schießen. Wer meint, hier eine poli­ti­sche Heimat zu finden, aus wel­chen Gründen auch immer, kann nicht aus­blenden, welche Sub­jekte hier ihre Heimat bereits gefunden haben.

Höchst­wahr­schein­lich ist auch Frank Scheer­messer kein strammer Ras­sist, aber das ist an dieser Stelle auch uner­heb­lich. Er enga­giert sich in einer Partei, die in ihrem Grund­ge­danken all dem wider­sprich, was den Fuß­ball in seinem Kern aus­macht: Mit­ein­ander, Tole­ranz, dem Gegner auf­helfen, wenn er hin­ge­fallen ist. In einer Fuß­ball­mann­schaft gibt es keine Grenzen, die AfD lebt von ihnen. Marvin Plat­ten­hardt weiß das. Und Scheer­messer wüsste es auch, wäre er nur mal kicken gegangen.