Die Brauen fallen tief in die Augen­winkel, das Gesicht wirkt trüb und ange­spannt zugleich. Frank De Boer muss sich in einer Live-Schal­tung in die Stu­dios von Sky Italia gerade wieder für eine Nie­der­lage zu ver­ant­worten, diesmal hatte Inter bei Sam­pdoria Genua den Kür­zeren gezogen. 

Gian­luca Vialli, einer der großen Angreifer der 90er-Jahre, ist als Experte anwe­send. Sie standen sich im Cham­pions League-Finale von 1996 gegen­über, als Juventus in Rom gegen Ajax Ams­terdam den Hen­kel­pott gewann. Der Ita­liener spricht De Boer aber ver­se­hent­lich mit dem Vor­namen seines Bru­ders Ronald an. 

Nur noch wenige Fürsprecher

Neben ihm im Studio sitzt der ehe­ma­lige Inter-Kapitän Giu­seppe Ber­gomi, er ver­sucht ver­ge­bens sich das Lachen zu ver­kneifen. Der Gesichts­aus­druck des Hol­län­ders bleibt unver­än­dert, aber die Mund­winkel ver­raten, dass er das alles gar nicht komisch findet. 

Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass er der Schelte der ita­lie­ni­schen Medien aus­ge­setzt war. Am Diens­tag­vor­mittag wurde Frank De Boer als Trainer von Inter Mai­land entlassen.

Nein, der 46-Jäh­rige hatte zum Ende seiner kurzen Amts­zeit nicht mehr viele Für­spre­cher. Keine drei Monate hatte die Liaison gehalten, wett­be­werbs­über­grei­fend verlor De Boer als Inter-Trainer die Hälfte seiner 14 Spiele.

Alles andere als ideale Begleitumstände

Zwei Wochen vor Sai­son­start über­nahm er den vakanten Posten an der Sei­ten­linie der Lom­barden, die sich gerade nach internen Mei­nungs­ver­schie­den­heiten bezüg­lich der Aus­rich­tung des Klubs von Roberto Man­cini getrennt hatten. 

Keine Vor­be­rei­tung mit der Mann­schaft, eine fremde Fuß­ball­kultur samt neuer Sprache sowie ein Kader, der nach den Maß­gaben seines Vor­gän­gers zusam­men­ge­stellt worden war. Die Begleit­um­stände, mit denen De Boer von Beginn an zu kämpfen hatte, waren alles andere ideal. 

Den­noch wirkte der Hol­länder ent­schlossen, als er Anfang August der Öffent­lich­keit als neuer Inter-Trainer prä­sen­tiert wurde: Alle hier haben das gleiche Ziel vor Augen, näm­lich den Klub wieder da hin zu bringen, wo er hin­ge­hört. Ich kann kaum erwarten bis es los­geht und Teil davon zu sein.“

Der beste Kader seit 2010

Gleich­zeitig for­derte De Boer aber Zeit. Seine Spiel­phi­lo­so­phie werde erst am Ende des Jahres voll­ends zu erkennen sein, bis dahin seien Höhen und Tiefen zu erwarten, bekräf­tigte der Holländer.

Stets sprach De Boer von einem lang­fris­tigen Pro­jekt, in Mai­land zählen aber tra­di­tio­nell nur schnelle Erfolge. Dafür inves­tierte der Verein dank der neuen Eigen­tümer aus China im Sommer so viel wie lange nicht mehr. 

Der Ein­zel­han­dels­riese Suning, seit Mitte Juni Mehr­heits­eigner bei Inter, ver­pflich­tete für ins­ge­samt 130 Mil­lionen Euro gefragte Top-Spieler wie den frisch­ge­ba­ckenen Euro­pa­meister João Mário oder den ita­lie­ni­schen Natio­nal­spieler Antonio Candreva.

Die ita­lie­ni­sche Medi­en­land­schaft war sich nach der Trans­fer­of­fen­sive von Inter einig: Der Kader, der Frank De Boer zur Ver­fü­gung stand, ist der Beste, seit José Mour­inho im Jahr 2010 mit Inter das Triple gewann.