Tempo. Technik. Pres­sing. Gegen­pres­sing. Lucien Favre sprach wieder in Asso­zia­tionen. Der Trainer von Borussia Mön­chen­glad­bach zählte die Mängel seiner Mann­schaft im ersten Sai­son­spiel auf. Das alles haben wir ver­gessen. Das müssen wir so schnell wie mög­lich wieder im Kopf haben.“

Die Som­mer­bräune war ihm an diesem 15. August 2015 noch anzu­sehen, er hatte die Ärmel seines hell­blauen Hemdes über die Ellen­bogen gekrem­pelt. Der Trainer brauchte schließ­lich seine Hände, wenn er über Fuß­ball sprach. Er knib­belte an Papieren, drehte die Finger über­ein­ander, wir­belte sie hoch. Es gab viel zu erklären im Pres­se­raum des Dort­munder Sta­dions, sein Team hatte gerade mit 0:4 ver­loren. Die weiche, fran­zö­si­sche Aus­sprache und der leise Ton­fall ließen es nicht ver­muten, aber Favre war es ernst. Sonst könnte es sehr, sehr gefähr­lich sein. Wenn wir denken, wir können spielen so, so, so.“ Die Hände rotierten vor seiner Brust, Favre verzog den Mund. Pause. Er wie­der­holte: Es könnte sehr gefähr­lich sein.“

Nun ist Favre ein per­fek­tio­nis­ti­scher Trainer, bei dem die Män­gel­liste selbst nach einem 4:0‑Sieg nicht viel kürzer aus­fallen würde. Der ein­zige Tag im Jahr, an dem er nicht mahnte und warnte, wäre wohl ein 32. Dezember. Doch in diesem Fall sollte er Recht behalten. Es wurde gefähr­lich für die Borussia.

Die Serie zum Saisonstart:

Die Glad­ba­cher ver­loren sechs Pflicht­spiele in Folge, tau­melten ans Tabel­len­ende der Bun­des­liga und ver­patzten ihren Cham­pions-League-Start. Doch für den größten Schock sorgte Favre selbst, als er kurz darauf seinen Rück­tritt erklärte, obwohl ihm Mön­chen­glad­bach aus Demut vor magi­schen vier­ein­halb Jahren immer noch voll­ends ergeben war. Aus der Apa­thie heraus gewann die Mann­schaft unter dem neuen Trainer André Schu­bert die fol­genden sieben Spiele in Meis­ter­schaft und Pokal, punk­tete dazu in der Cham­pions League. Im Fuß­ball kommt es vor, dass Mann­schaften einen Lauf haben, positiv oder negativ. Doch selten treten sie so extrem und kurz nach­ein­ander auf.

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Favre fasst Zweifel als Angriffe auf

Lucien Favre schweigt seit seinem Rück­tritt, auch sein Berater und seine Freunde möchten nichts sagen. Nach Schei­dungen wird oft Por­zellan zer­trüm­mert, in diesem Fall wird es poliert. Keiner von Favres frü­heren, engen Mit­ar­bei­tern bricht den Stab über den Trainer. Manchmal erschre­cken sie selbst, wenn ihnen der lei­seste Ansatz von Kritik durch­rutscht, und sie rela­ti­vieren ihre Worte im nächsten Satz. Es ist nicht nur Respekt, der aus ihnen spricht, son­dern mit­unter Verehrung.

Lucien Favre, sagt einer aus seinem Stab, sah Details auf dem Fuß­ball­platz, die ein Nor­mal­sterb­li­cher“ nicht sehen könne. Er bewege sich bei der Taktik in Sphären, in die man selbst als Experte nicht vor­dringen könne. 

Er hat den Fuß­ball 24 Stunden gelebt“, sagt Tor­wart Chris­tofer Hei­meroth und schiebt dann nach: Und das ist keine Über­trei­bung, glauben Sie mir.“ Favre sich­tete DVDs mit Spiel­szenen zu jeder Tages- und Nacht­zeit, seine Pro­gnosen bei der Auf­stel­lung des Geg­ners sollen fast keine Streuung gehabt haben. Doch wer ein Thema so durch­dringt, büßt Emp­fäng­lich­keit ein. Die anderen können nicht mit­halten, ihre Nach­fragen, ihre Zweifel fasste Favre häufig als Angriffe auf. So erzählen es die Spieler. Dabei ging es mit­unter um Kleinigkeiten.

Ein mobiles Schachbrett

So fragten sie einmal nach, als eine Trai­nings­ein­heit auf 11 statt 10 Uhr ange­setzt worden war. Favre geriet außer sich. Er habe sich schon etwas dabei gedacht, die Spieler sollten länger schlafen, zur Rege­ne­ra­tion, zürnte er. Auch Trai­nings­zeiten plante er schließ­lich penibel, ana­ly­sierte nicht nur sport­liche Werte, son­dern auch den Wet­ter­be­richt. Einmal ließ er Ein­würfe üben, weil sie ihm im Spiel nicht gefallen hatten. Es ist ein schmaler Grat zwi­schen Per­fek­tion und Pedan­terie, zwi­schen Detail­ge­nau­ig­keit und Detail­ver­ses­sen­heit. Favre beru­higte sich nach diesen hit­zigen Momenten, haderte manchmal tage­lang mit sich und sprach dann auch mit den Spie­lern offen über das Thema. 

Diese Situa­tionen mögen neben­säch­lich sein im nor­malen Betrieb, als alles in den vier Jahren lief. Doch mit Sai­son­be­ginn lief es nicht mehr. Nie­der­lagen treffen einen wie Lucien Favre viel hef­tiger als andere, beson­ders wenn unbe­re­chen­bare Kräfte walten. Ver­let­zungen, Schieds­rich­ter­ent­schei­dungen, feh­lendes Selbst­be­wusst­sein der Spieler, weg­ge­kaufte Spieler. Für Per­fek­tio­nisten ist die größte Nie­der­lage: Kontrollverlust. 

Er liebte seine Ver­suchs­an­ord­nungen, seine Pläne und deren Genese. Er prägte Begriffe wie Poly­va­lenz“, also die Fähig­keit der Spieler, auf meh­reren Posi­tionen agieren zu können. Favre trug oft eine Tafel mit sich, auf der kleine Magnete mit den Namen der Spieler haf­teten, sie war wie ein mobiles Schach­brett. So schob er die Magnete hin und her, kor­ri­gierte, ver­schob, ver­warf und schmie­dete neue Pläne. Favre krit­zelte Papiere mit tak­ti­schen Kniffen voll, bis sie schwarz waren.