Als Igli Tare das Ein­gangstor zum Lazio-Trai­nings­ge­lände in For­mello erreicht, steppt dort ganz kurz der Bär. Vier Männer mitt­leren Alters hüpfen auf und ab und halten ihre Stifte, Kameras und einen kleinen Jungen in die Höhe. Sie schreien Igli!“ und Oh!“ und Signore!“, schließ­lich ist Igli Tare nicht irgendwer. Der Mit­tel­stürmer, der früher manchmal ein wenig unge­lenk vor dem Tor wirkte, ist heute Sport­di­rektor bei Lazio Rom. Er hat Miroslav Klose geholt oder den Bra­si­lianer Her­nanes. Er ist mitt­ler­weile ein mäch­tiger Mann, ein edler Herr mit Desi­gner­anzug, ein geheim­nis­voller Padrone, der seine Augen beim Spre­chen stets ein wenig zusam­men­kneift. Und selbst wenn er seinen Mit­ar­bei­tern nur bei­läufig zunickt, so glaubt man doch, dass sie danach ganze Län­de­reien kaufen oder zumin­dest einen neuen Spieler. 

Abends werden sie zu Hause erzählen, dass er mit ihrem Jungen eine Runde über den Park­platz gefahren ist. Viel­leicht werden sie auch sagen, dass Tare ihm einen Ver­trag ange­boten habe, und dann werden sie alle lachen. 

Kein Grund für Genugtuung

Eine Vier­tel­stunde später steht Igli Tare in seinem Büro im ersten Stock der Geschäfts­stelle im For­mello, 40 Kilo­meter nörd­lich von Rom. Hinter seinem Schreib­tisch hängt ein Gemälde mit Lazios Wap­pen­tier, dem Adler, daneben Bilder von Miroslav Klose und den Pokal­helden von 2009 und 2013. Wenn dieser 1,91-Meter-Riese ein biss­chen was von dem Mackertum eines Stefan Effen­berg hätte, könnte er auf seinen Balkon treten und sagen: Ich hab’s allen gezeigt!“ Doch Tare setzt sich ein­fach in seinen Sessel. Er lächelt nicht, denn dafür gibt es keinen Grund. Fuß­ball ist eine ernste Sache. Er legt das Sakko ab und sagt: Das ist Schicksal.“ 

Igli Tare war früher Stürmer. Er spielte in Deutsch­land für Süd­west Lud­wigs­hafen, den VfR Mann­heim, For­tuna Düs­sel­dorf, den Karls­ruher SC und den 1. FC Kai­sers­lau­tern. Auch wenn es in Düs­sel­dorf ziem­lich gut lief, war Tare nie ein Top­star, manchmal sogar eher so was wie ein Mas­kott­chen des Miss­erfolgs. Die Trainer stellten ihn selten von Beginn an auf, die Fans pfiffen ihn aus, wenn die Mann­schaft schlecht spielte und sie einen Sün­den­bock brauchten. Doch im Gegen­satz zu anderen, die in sol­chen Situa­tionen aus dem Pro­fi­ka­rus­sell fielen, ging es für ihn immer weiter, auf wun­der­same Weise sogar höher. In der taz“ stand mal: Tare fällt von unten nach oben.“ Viele Fans und Mit­spieler fragten sich: Wie geht das? 

Als sich Igli Tare im Winter 1992 auf den Weg nach Deutsch­land machte, fror er. Er hatte für seine Flucht aus dem kom­mu­nis­ti­schen Alba­nien nach Deutsch­land umge­rechnet 800 Euro bezahlt. Stun­den­lang stapfte er mit fremden Män­nern und den Schleu­sern durch Wälder, der Schnee lag meter­hoch. Irgend­wann sah er das Schild Bundes­republik Deutsch­land“, und er dachte, jetzt würde alles gut. Er kam bei seinen Cou­sins in Lud­wigs­hafen unter, die bereits zwei Jahre zuvor mit 3000 anderen Alba­nern die deut­sche Bot­schaft in Tirana gestürmt und später eine Ein­rei­se­er­laubnis für die BRD erhalten hatten. Igli Tare war 17 Jahre alt, als ein neues Leben beginnen sollte, mit langen Haaren, mit Jeans, und natür­lich mit diesem Traum von der Bundesliga.

Die harten ersten Jahre

Er bean­tragte Asyl in einem Heim unten am Hafen und fand über Walter Pradt, einen Mit­ar­beiter des Sozi­al­amtes, einen Job beim Grün­flä­chenamt. An man­chen Tagen war er stolz, denn er lebte in Deutsch­land und hatte Arbeit. An anderen Tagen schämte er sich. Er wollte doch eigent­lich hoch hinaus, Fuß­ball­profi werden – und nun harkte er Beete. Oft zog er seine Kapuze tief ins Gesicht, damit ihn nie­mand erkannte.

Immerhin bekam Tare die Mög­lich­keit, Fuß­ball zu spielen, denn Pradt war auch Trainer beim dama­ligen Ober­li­gisten Süd­west Lud­wigs­hafen. Doch Tare kam mit dem Ama­teu­ralltag nicht zurecht. Die ersten drei Jahre in Deutsch­land waren die schlimmsten meines Lebens“, sagt er und schaut noch ein biss­chen ernster drein als sonst. Aller­dings, sagt er, habe auch er Schuld daran gehabt. Die neue Kultur, die neue Sprache, keine Freunde, keine Bun­des­liga. Er hatte als 15-Jäh­riger für Par­tizani Tirana in der ersten alba­ni­schen Liga debü­tiert und war U21-Natio­nal­spieler gewesen – nun saß er auf der Ersatz­bank, bei einem Ober­li­ga­klub, den nie­mand kannte. Tare war zwar in Deutsch­land, doch es bewegte sich nichts.