Diego Mara­dona sam­melt die Papiere ein und klopft mit dem Stapel auf den Tisch, wie ein Nach­rich­ten­spre­cher. Gerade hat er das schönste Mara­dona-Foto gekürt, das die Zuschauer ein­ge­schickt haben. Nun sam­melt er sich für einen Leser­brief. Ein Gewinner unseres Her­zens“, kün­digt sein Co-Mode­rator an. Bevor du vor­liest“, unter­bricht ihn Mara­dona mit schwerer Stimme, das ist das Beste, was uns bei De Zurda‘ pas­sieren konnte, dass uns der Größte von allen schreibt.“

Ein Brief von Fidel

Die Rede ist von Fidel Castro. Unver­gess­li­cher Freund“, liest Mara­donas Neben­mann vor, jeden Tag habe ich das Ver­gnügen, deine Sen­dung bei Telesur zu emp­fangen über diese spek­ta­ku­läre Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft.“ Seichte Musik wird ein­ge­spielt, die Kamera zoomt langsam auf Mara­donas Gesicht, dem Tränen in die Augen schießen, wäh­rend Kubas Máximo Líder die Vor­züge des Sports für das Volks­wesen Latein­ame­rikas preist und den Diego lieb grüßt. Ich liebe dich sehr“, ant­wortet Mara­dona in die Kamera und küsst die Fingerspitzen.

Will­kommen bei De Zurda“, der meist beach­teten Fern­seh­sen­dung rund um die WM. Kein Tag, bei dem nicht Sätze von Mara­dona um die Welt gehen: mal Kritik an der Fifa, den Schieds­rich­tern, der bra­si­lia­ni­schen Mann­schaft, mal Lob für die Deut­schen oder seine Argen­ti­nier. Gerade vor diesem Finale hört alles auf die Stimme Gottes. Die Sen­dung gesehen haben die wenigsten. Dabei ent­geht ihnen viel Skurriles.

De Zurda“ ist eine Ein-Mann-Dis­kus­si­ons­runde, 60 Minuten Mara­dona, täg­lich live aus Bra­si­lien, ein Dop­pel­pass mit sich selbst, ent­lang der Außen­linie zwi­schen Fuß­ball und Politik.

Neben ihm sitzt deko­rativ der uru­gu­ay­ische Jour­na­list Victor Hugo Morales. Dessen Ruhm beruht auf einem Radio­kom­mentar über Mara­dona („Du kos­mi­scher Komet, von wel­chem Pla­neten kommst du?“). Seine aktu­elle Auf­gabe ist es, Diego im rich­tigen Moment Stich­worte zu geben, zu nicken und zu lachen.

Die Bos­nier nennt er Serben, Manuel Neuer nur diesen Torwart“

Das ist nicht so ein­fach wie es klingt, denn es ist schwer, Mara­dona zu folgen. Er ana­ly­siert minu­tiös Fuß­ball­spiele, man merkt: Hiervon hat er mal wirk­lich Ahnung. Doch er redet langsam, schwer­fällig, lallt fast – wie ein Typ, der abends an der Theke meint, er hätte etwas wahn­sinnig Wich­tiges zu erzählen, aber man ver­steht nicht genau, was. Namen ent­gleiten ihm, die Bos­nier nennt er kon­se­quent Serben, Neymar oft Aimar und Manuel Neuer nur diesen Torwart“.

Traurig, Diego so zu sehen, diese Über­bleibsel der Dro­gen­sucht“, schreib einer im Internet unter das Video. Doch Mara­dona, das muss man ihm lassen, war so oft tot­ge­sagt und hat sich immer neu erfunden: Spiel­ma­cher, Halb­gott, Ver­schwö­rungs­theo­re­tiker, Enter­tainer, Trainer, Revo­luzzer, nun eben Analyst.

Früher tanzte und sang er im Glit­zer­ja­ckett durch seine eigene Fern­seh­gala, in La Noche del 10“. Jetzt wirkt es, als müsse er sich am Tisch fest­halten, um auf­recht zu bleiben. Mit 53 Jahren scheint er schlank wie selten, er hat wohl nach­helfen lassen. Doch das Gesicht wirkt dadurch seltsam ent­rückt. Die Haut spannt, die Lippen schlau­chig, die Lider hängen halb herab. Wenn Film­chen ein­ge­spielt werden, wie ihm Süd­ame­ri­kaner hul­digen, schlägt er die Wim­pern auf, Augen, Zähne, Ohr­ringe, alles fun­kelt. Wie ein alternder Trans­vestit“, lautet ein wei­terer Kom­mentar. Du hast es als Trainer mit Argen­ti­nien ver­kackt und denkst trotzdem, du weißt alles.“

Pele und Becken­bauer sind Idioten aus dem Museum“

Die Masse jedoch liebt Mara­dona und die alte Magie wirkt noch. Manchmal wacht er plötz­lich auf, ein Moment Inspi­ra­tion, wie früher im Spiel. Dann rechnet er ab mit Intim­feinden, zeigt Argen­ti­niens Ver­bands­chef den Stin­ke­finger, nennt die Fifa eine Mafia, Pele und Becken­bauer Idioten aus dem Museum“, ver­tei­digt im Luis-Suarez-T-Shirt den gesperrten Beißer: Warum schickt ihr ihn nicht gleich nach Guan­ta­namo?“ Dann ist Diego end­lich wieder Diego, der, der sich traut, die Dinge bein Namen zu nennen, den kleinen Mann ver­tei­digt, die da oben anpran­gert. Es sind diese Momente, die De Zurda“ zum Gesprächs­stoff machen.

Suárez heult sich dort live am Telefon aus, große Fuß­bal­ler­namen sind zu Gast, solange sie Diego nicht über­strahlen: Val­der­rama, Zico, Lineker („Wie geht’s der Hand?“, fragt der auf Spa­nisch), auch Diegos Geliebte und Kind tau­chen auf, ein biss­chen Rea­lity Show muss immer sein. Und Ecua­dors Staats­chef Rafael Correa. Dann wird der Kla­mauk politisch.

Mara­dona liest einmal einen Brief des Sohnes von Che Gue­vara vor, der die Frei­las­sung von fünf in den USA inhaf­tierten Kuba­nern for­dert. Wir sind bei euch bis zum Tod“, sagt er ernst in die Kamera.

Eine Art Anti-CNN

De Zurda“ heißt über­setzt Mit links“ und das ist Pro­gramm bei Telesur. Der Sender ist eine Art Anti-CNN für Süd­ame­rika, das von Vene­zuela aus pro­du­ziert und pro­pa­giert wird.

Zu diesem Motto passt keiner besser als Diego Mara­dona. Als Spieler schoss er seine Traum­tore bevor­zugt mit links, egal ob Fuß oder Hand, danach hielt er sich gern an der Seite sozia­lis­ti­scher Staa­ten­lenker. Im Februar bestä­tigte Mara­dona in einer Video­bot­schaft aus Dubai den Ver­trags­ab­schluss mit Telesur. Der Coman­dante hätte es so gewollt“, sagte er über den ver­stor­benen Staats­chef Hugo Chavez, die Impe­ria­listen ver­breiten Lügen. Ich werde ein Soldat sein für Vene­zuela.“ Wie­viel Sold er dafür erhält, will er auf Nach­fragen nicht preisgeben.

Am Sonntag kann Argen­ti­nien erst­mals seit 1986 Welt­meister werden, mit Messi, ohne Mara­dona. Der geht danach von Sen­dung. Und dann? Ich habe Pro­jekte“, sagt Diego bei De Zurda“. Er lächelt, aber sein Gesicht lächelt nicht mit.