Am Tag nach dem desas­trösen 1:5 gegen die Nie­der­lande nahm Vicente del Bosque seine beiden wich­tigsten Spieler zur Seite. Mehr als eine halbe Stunde sprach der Trainer der spa­ni­schen Natio­nal­mann­schaft mit Iker Cas­illas und Xavi Her­nandez über die Gründe der Nie­der­lage. Sehr ange­regt, wie Augen­zeugen bestätigen. 

Gegen Chile muss ein Sieg her

Es wird bei der Unter­re­dung mit großer Wahr­schein­lich­keit nicht nur um das ver­gan­gene Spiel gegangen sein, son­dern auch um das kom­mende. Am Mitt­woch trifft Spa­nien in Rio de Janeiro auf Chile. Alles andere als ein Sieg würde wohl das frühe Aus für den Welt­meister bedeuten. Zur Ver­hin­de­rung dieser Schmach hat del Bosque gegen Chile einige Ände­rungen“ ange­kün­digt. Welche das sein werden, dar­über rät­selt dieser Tage ganz Spa­nien. Bay­erns Javi Mar­tinez könnte anstelle von Gerard Pique in der Innen­ver­tei­di­gung auflaufen. 

Auch Juan­fran gilt als Kan­didat für die Startelf anstelle von Cesar Azpi­li­cueta. Gemessen am Spiel gegen die Nie­der­lande müsste del Bosque aber auch Andres Iniesta oder seine beiden Kapi­täne draußen lassen. Cas­illas und Xavi gehörten zu den Haupt­schul­digen des Deba­kels. Nun gilt del Bosque als ein durch und durch loyaler Trainer, es ist sehr unwahr­schein­lich, dass er sich tat­säch­lich zu solch einer radi­kalen Maß­nahme hin­reißen lässt. Im Fall von Xavi wäre es jedoch ratsam, zumin­dest über eine Pause für den Mit­tel­feld­spieler vom FC Bar­ce­lona nachzudenken. 

Welt­meister – dank Xavis Ideen

Xavi Her­nandez, inzwi­schen 34 Jahre alt, ist zum Pro­blem für del Bosque geworden. Spieler und Trainer ver­bindet ein inniges Ver­hältnis, über viele Jahre war Xavi der Takt­geber des spa­ni­schen Spiels und del Bos­ques ver­län­gerter Arm auf dem Spiel­feld. Er bestimmte den Rhythmus, reihte Pass an Pass und wurde so zum Symbol des spa­ni­schen Spiel­stils, im Aus­land Tiki-Taka genannt. Ihren gemein­samen Höhe­punkt erlebten sie vor vier Jahren in Süd­afrika, als Spa­nien zum ersten Mal Welt­meister wurde. Vor allem dank Xavis genialer Ideen. 

Bei der Euro­pa­meis­ter­schaft vor zwei Jahren zeigten sich jedoch erste Ver­falls­er­schei­nungen. Xavi zeigte einige Spiele, in denen er nicht mehr an sein frü­heres Niveau her­an­reichte. Wenn es wichtig wurde, etwa im Finale gegen Ita­lien, war aber auf ihn Verlass. 

Diese wich­tigen Momente sind inzwi­schen selten geworden. Xavi ist kaum noch in der Lage, zwei Spiele in Folge auf hohem Niveau zu bestreiten. Er befindet sich nicht im Herbst, son­dern im Winter seiner Kar­riere. Anders als der Ita­liener Andrea Pirlo, der auch im Alter von 35 Jahren noch wie ein Jung­brunnen wirkt, ist Xavis Körper zer­schunden. Seit langer Zeit schiebt er drin­gend benö­tigte Achil­les­seh­nen­ope­ra­tionen auf und lässt sich spritzen.

Auch der Rücken ver­ur­sacht Beschwerden. Um die kör­per­li­chen Defi­zite wusste Gerardo Mar­tino, als er im ver­gan­genen Sommer Trainer bei Xavis Klub FC Bar­ce­lona wurde. Mar­tino wollte seinen Regis­seur schonen und setzte ihn häu­figer auf die Bank. Gegen Ende von Mar­tinos Amts­zeit galt ihr Ver­hältnis als zer­rüttet, Mar­tino wurde ent­lassen. Nach­folger Luis Enrique hat für die Zeit nach der WM ein wei­teres Gespräch mit dem Pass­meister ange­kün­digt. Es ist kei­nes­wegs sicher, dass es für Xavi in Bar­ce­lona weitergeht. 

Er kann nicht schweigen“

Auch in der Natio­nal­mann­schaft kam es zu Unstim­mig­keiten. Vor dem Confed-Cup im ver­gan­genen Jahr beschwerte sich del Bos­ques Ko-Trainer Toni Grande in einem Inter­view. Er kann nicht schweigen. Xavi sagt uns stets, mit wem er gerne zusam­men­spielen möchte und mit wem nicht. Er ist ständig wegen dieser Dinge besorgt.“ Grande ent­schul­digte sich zwar später, bestritt seine Aus­sagen aber nicht. 

Zuletzt sorgte Xavi für Irri­ta­tionen, als er ent­gegen frü­herer Aus­sagen andeu­tete, sich ein Wei­ter­ma­chen im Natio­nal­team nach der WM vor­stellen zu können.
Dabei lechzt Spa­nien nach einem per­so­nellen Umbruch. An die Stelle von Xavi soll Thiago Alcan­tara vom FC Bayern treten, er fehlt bei der WM wegen einer Ver­let­zung. Oder Koke, 22 Jahre altes Mit­tel­feld­ta­lent von Atle­tico Madrid. Ihn for­dern viele Fans und Medien anstelle von Xavi gegen Chile. 

Im Früh­jahr sagte Xavi über Koke: Er ist dazu bestimmt, Spa­niens Takt­geber für die kom­menden zehn Jahre zu sein.“ Bevor Vicente del Bosque den Genera­ti­ons­wechsel voll­ziehen kann, erwartet ihn eine schwie­rige Auf­gabe: Er muss Xavi vom Rück­tritt überzeugen.