In Por­tugal gab es jemand wie Wil­liam Car­valho schon lange nicht mehr. Einmal mehr sind es die ehe­ma­ligen Kolo­nien in Afrika, die dem por­tu­gie­si­schen Fuß­ball ein Talent bescheren. Als er nur wenige Jahre alt war, kam Wil­liam Car­valho aus Luanda in Angola nach Por­tugal. Er stammt aus einer Familie, die schon in seiner Heimat eng mit dem Fuß­ball ver­bunden war. Sein Groß­vater Praia und sein Onkel Afonso spielten für Pro­gresso de Sabi­zanga. Auch sein Vater ver­suchte sich als Profi und war seit seiner Jugend Fan von Spor­ting Lissabon. 

Er war der Anführer in der Kabine“

Nach seiner Ankunft in Por­tugal begann Wil­liam auf der Straße Fuß­ball zu spielen und fand schließ­lich in Recreios Despor­tivos de Algueirão seinen ersten Verein. 

2004, als Por­tugal Gast­geber der Euro­pa­meis­ter­schaft war, wech­selte Wil­liam Car­valho zu União Sport Clube de Mira Sintra. Er war immer ein sehr beschei­dener, ehr­gei­ziger und reifer Junge. Obwohl er in Mira Sintra zwei Jahre jünger war als die anderen, wurde er zum Kapitän gemacht und war der Anführer in der Kabine. Er hat die Pro­bleme zwi­schen Jungs aus den riva­li­sie­renden Nach­bar­schaften gelöst“, erin­nert sich sein ehe­ma­liger Trainer Bruno Rodri­gues in einem Inter­view mit Mais­fu­tebol“.

Wegen seiner enormen Physis und einer bemer­kens­werten Ball­kon­trolle wurden früh die großen Klubs in Por­tu­gals Haupt­stadt auf ihn auf­merksam und Eines Tages sagte er sogar Ben­fica Lis­sabon ab.

Keine Lust auf Benfica

Beide, Wil­liam und sein Vater sind Anhänger von Spor­ting. Als der Jugend-Trainer von Ben­fica 2005 zu ihnen nach Hause kam, um einen Ver­trag vor­zu­legen, ließ Wil­liam die Chance ver­strei­chen. Der Junge, der damals noch für den unbe­deu­tenden Klub Mira Sintra spielte, sorgte damit für eine gehö­rige Über­ra­schung. Doch das Warten sollte sich lohnen.

Am Ende schaffte es der selbe Verein, der auch Cris­tiano Ronaldo ent­deckt hatte, Wil­liam Car­valho zu über­zeugen. Aurelio Pereira, eine Legende im Jugend­be­reich von Spor­ting fragte ihn eines Tages: Wel­chen Spieler bei Spor­ting magst du am meisten?“ Nani“, ant­wor­tete Carvalho.

Nani leis­tete Überzeugungsarbeit

Eine Stunde später rief Nani, ohne zu wissen, wer der Junge ist, per­sön­lich bei ihm an und sagte ihm, er solle bei Spor­ting unter­schreiben. Car­valho gehorchte. Berichten zufolge bezahlte der Klub damals 12.500 Euro für den 14-Jährigen.

2007 fei­erte der Mit­tel­feld­spieler sein Debüt in der por­tu­gie­si­schen U16-Natio­nal­mann­schaft. Er machte Fort­schritte in den Jugend­teams von Spor­ting und spielte im April 2011 erst­mals für die Profis. José Couceiro gab dem 18-jäh­rigen Talent ein paar Minuten im Spiel bei Vitoria de Guimarães. 

Doch Car­valhos Weg hielt auch ein paar Tiefen bereit: Spor­ting ent­schied ihn zu aus­zu­leihen. Er ging nach Fatima, spielte in der zweiten Liga, kam dort aber nicht richtig zum Zug. Trotzdem war sein Talent nicht zu über­sehen und ein Anruf von Cercle Brügge – ein Bel­gi­scher Klub mit Ver­bin­dungen zu Spor­ting – änderte seine Leben.

Wäh­rend er für Brügge in der Jupiler League spielte, ent­wi­ckelte sich Car­valho als Spieler und eta­blierte sich als defen­siver Sechser. Obwohl er als Spiel­ma­cher begonnen hatte, sollte diese Posi­tion sein Schicksal werden.

Angola wollte Carvalho

Auch in Angola wurde er nicht ver­gessen und der Ver­band des afri­ka­ni­schen Landes ver­suchte Wil­liam Car­valhos Weg zu ändern – ein ewiger Streit zwi­schen den ehe­ma­ligen Kolo­nien und Por­tugal. Spieler, die in Luanda, Bissau oder Praia geboren wurden, kommen nach Porto und Lis­sabon und ziehen es häufig vor, für Por­tugal zu spielen. Angola berief Car­valho, aber er lehnte ab. Zu dieser Zeit war er bereits por­tu­gie­si­scher U20-Natio­nal­spieler und das Beste sollte erst noch kommen.

Der neue Spor­ting-Coach Leo­nardo Jardim ent­schied, den Mit­tel­feld­spieler für die Saison 2013/14 in den Pro­fi­kader zu holen, wo er zum Stamm­spieler wurde. Er über­zeugte durch seine Sicher­heit, seine Intel­li­genz ohne Ball, wenige Ball­ver­luste und seine Zweikampfstärke.

Por­tu­gals Alternative

Mit gerade einmal 22 Jahren ist Car­valho damit ein fast per­fekter Spieler. Er hat alle Kri­tiker und sogar die Fans anderer Ver­eine über­zeugt. Doch Paulo Bento ließ sich mit der Ent­schei­dung, den Mit­tel­feld­spieler für die A‑Nationalmannschaft zu holen, Zeit. Der all­ge­meinen Mei­nung nach zu viel Zeit.

Die erste Beru­fung kam schließ­lich im November 2013 für die WM-Play­offs gegen Schweden. Dort bewies Car­valho, dass er für die Welt­meis­ter­schaft bereit ist. Miguel Veloso ist zwar in Por­tu­gals defen­sivem Mit­tel­feld gesetzt, doch Car­valhos über­zeu­gende Leis­tungen werden dem Natio­nal­trainer einige Kopf­schmerzen bereiten. 

Der Youngster ist für Por­tugal eine echte Alter­na­tive. In den schwersten Spielen könnte Bento sein übli­ches 4 – 3‑3-System für ein kon­ser­va­ti­veres 4−4−2 auf­geben, um mit Car­valho und Velos zu spielen. Viel­leicht sieht man diese Vari­ante schon im ersten Spiel gegen Deutschland.

Vitor Hugo Alva­renga ist Teil des Guar­dian-Netz­werks“ und ein por­tu­gie­si­scher Jour­na­list, der u.a. für die Home­page Mais­futbol“ schreibt. Auf Twitter könnt ihr ihm hier folgen: https://​twitter​.com/​v​a​l​v​a​renga