Es ist gar nicht so lange her, da war es üblich, dass ost-asia­ti­sche Länder ihren Fuß­ball-Nach­wuchs nach Bra­si­lien ent­sandten, um dort ein wenig Samba-DNA auf­zu­nehmen. Kazu Miura war erst 15, als er 1982 nach Süd­ame­rika ging – erstaun­li­cher­weise spielt der Mann heute immer noch in Japans zweiter Liga. Ihm folgten der Chi­nese Li Wei­feng (der 2002/2003 immerhin ein Spiel für den FC Everton absol­vierte). Und schließ­lich der Süd­ko­reaner Park Chu-young. 

Ein IQ von knapp unter 160

2005 kehrte der inzwi­schen 20-jäh­rige Offen­siv­mann in seine Heimat zurück und heu­erte beim FC Seoul an – obwohl ihn die Pohang Stee­lers jah­re­lang finan­ziell unter­stützt hatten. Was selbst­ver­ständ­lich einige seiner Lands­leute ver­är­gerte. Aber dafür seine Kar­riere in die rich­tigen Bahnen lenkte. Der Angreifer, gegen­wärtig beim FC Arsenal unter Ver­trag und an den FC Wat­ford aus­ge­liehen, spricht wenig und hat einen IQ knapp unter 160. Er ist ein Genie – vor allem darin, das zu machen, was seine Mit­men­schen nicht von ihm erwarten.

Die Rück­kehr nach Bra­si­lien, knapp ein Jahr­zehnt nach dem Ende seiner fuß­bal­le­ri­schen Aus­bil­dung am Zuckerhut, ist für Chu-young vor allem eine Gele­gen­heit. Die Gele­gen­heit, auch dem Rest der Welt zu beweisen, was viele in Süd­korea längst wissen: Dass er ein fan­tas­ti­scher Fuß­baller ist. Und die Chance, die ver­gan­genen drei Jahre ver­gessen zu machen, in denen er bei seinen Sta­tionen Arsenal und Wat­ford auf ganze sieben Pre­mier-League-Minuten kam. Zwi­schen­zeit­lich spielte Chu-young zwar eine pas­sable Saison für Celta Vigo, aber der Makel, es in der in seiner Heimat aner­kann­testen Liga nicht geschafft zu haben, haftet an ihm wie Pech und Schwefel. 

Ein Anruf von Arsene Wenger

Viel­leicht hilft ihm dabei die Erin­ne­rung an die WM vor vier Jahren. Damals stand der 1,82-Meter-Mann beim AS Monaco unter Ver­trag und hatte sich in der fran­zö­si­schen Liga bereits einen Namen gemacht, ehe er beim Welt­tur­nier auch dem Rest der Pla­neten zeigte, was er so alles kann. Unver­gessen ist sein direkt ver­wan­delter Frei­stoß zum 2:2 im ent­schei­denden Grup­pen­spiel gegen Nigeria, der seiner Aus­wahl das Tor zum Ach­tel­fi­nale öff­nete. Nach dem Aus­scheiden gegen Uru­guay (1:2) kehrte Chu-young zurück nach Monaco und spielte eine starke Saison (12 Tore), die ihm schließ­lich ein Angebot vom frisch geba­ckenen Meister OSC Lille ein­brachte. Ledig­lich ein Anruf von Arsene Wenger hin­derte ihn an der Unter­schrift. Der Trainer vom FC Arsenal wollte den Süd­ko­reaner unbe­dingt haben. Und der ließ sich nicht zweimal bitten. Seine Fans in der Heimat nahmen das mit Erstaunen zur Kenntnis, jubelten aber über den spek­ta­ku­lären Wechsel ihres Lands­mannes. Es war das letzte Mal, dass sich die süd­ko­rea­ni­schen Fuß­ball­fans einig waren über Park Chu-young.

Zum ersten Mal war das 2004 der Fall, als er bei den Asian Youth Cham­pi­ons­hips“ den Gol­denen Ball“ als bester Spieler des Tur­nier gewann und seine Mann­schaft zum Titel­ge­winn führte. Er beein­druckte durch seine Schnel­lig­keit, tech­ni­sche Raf­fi­nesse, Kopf­ball­stärke und seine Spiel­in­tel­li­genz. Weil er sich anschlie­ßend auch bei einem Tur­nier in Katar in bestechender Form prä­sen­tierte, kürten ihn seine Kol­legen zu Asiens Jugend­spieler des Jahres“. Der Kon­ti­nent hatte ein neues Juwel gefunden. Und die Fans ein neues Idol: Wo er auch mit dem FC Seoul auf­tauchte, die Zuschauer drehten durch. In nur einer Spiel­zeit erwarb er sich den Bei­namen Fuß­ball-Genie“, schaffte es häu­figer als jeder andere Fuß­baller auf die Titel­seiten der Zei­tungen und zierte schließ­lich das Cover der süd­ko­rea­ni­schen Aus­gabe der Fifa“-Videospielreihe.

Lockruf von Alex Ferguson

Auf dem Höhe­punkt dieses Hypes edelte der ehe­ma­lige Chelsea-Trainer und dama­lige Busan Icons Coach Ian Por­t­er­field den Angreifer mit einer beein­dru­ckenden Beschrei­bung: Er hat Talent, ein groß­ar­tige Technik und ist extrem schnell- das kom­plette Paket. Er muss nur weiter hart an sich arbeiten und an sich glauben, dann wird er in naher Zukunft ganz sicher bei einem euro­päi­schen Top­klub für Auf­sehen sorgen.“ Kurz darauf, viel­leicht beein­flusst von der Lob­prei­sung des ehe­ma­ligen Trai­ners, zeigte der FC Chelsea Inter­esse an dem 18-jäh­rigen Senk­recht­starter. Und als United-Coach Alex Fer­guson kurz nach der Ver­pflich­tung von Park Ji-sung im Juli 2005 erklärte, es würden sicher­lich schon bald noch andere Jungs aus Süd­korea“ in die Pre­mier League kommen, war sich eigent­lich jeder sicher, wen die Trai­ner­le­gende aus Man­chester gemeint hatte.

Chu-young zeigte sich von dem Trouble um seine Person offenbar unbe­ein­druckt. Schon bei seinem Natio­nal­mann­schafts­debüt im Juni 2005 erzielte er in der Nach­spiel­zeit den Aus­gleich im WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel gegen Usbe­ki­stan und ret­tete so einen wich­tigen Punkt im Kampf um die Start­plätze für Deutsch­land. Sein Tor gegen Kuwait im dar­auf­fol­genden Match sicherte Süd­korea dann end­gültig die Teil­nahme am Welt­tur­nier. In Deutsch­land lief er aller­dings nur bei einem von drei Par­tien seiner Mann­schaft auf – viel­leicht ein böses Omen für das, was ihn Jahre später nach seiner Ver­pflich­tung vom FC Arsenal erwarten würde. 

Die Sache mit dem Wehrdienst

Denn Arsene Wenger hatte Chu-young zwar unbe­dingt ver­pflichten wollen, ließ ihn dann aller­dings auf der Bank ver­sauern. Am Ende dieser Saison wurden die ersten Rufe aus der Heimat laut, die den gefal­lenen Helden nicht mehr in der Natio­nal­mann­schaft sehen wollten. Außerdem schwelte in dieser Zeit ein ganz anderer, typisch süd­ko­rea­ni­scher Kon­flikt mit Chu-young in der Haupt­rolle. Der Fuß­baller wurde 2011 auf­ge­for­dert, seinen Mili­tär­dienst anzu­treten. Zwei Jahre hatte der Exil-Süd­ko­reaner nun Zeit, dagegen vor­zu­gehen. Im Herbst 2012 fanden seine Anwälte schließ­lich das gesuchte Hin­ter­tür­chen: Aus­ge­hend von seinen drei Jahren in Frank­reich ver­schafften ihm die Juristen einen Auf­schub des Dienstes an der Waffe um zehn Jahre. 

Die meisten Länder mit Wehr­pflicht erlauben einen sol­chen Auf­schub oder gar eine Befreiung vom Wehr­dienst für ihre Spit­zen­sportler. Doch Süd­korea befindet sich offi­ziell noch immer im Krieg gegen den Nach­barn aus dem Norden. Jahr­zehn­te­lang hatten es die Rei­chen und Mäch­tigen in Süd­korea trotzdem geschafft, ihre Söhne von der gefürch­teten Arbeit an der Front zu befreien. Nun war hier ein Fuß­baller, der seinen Status dazu nutzte, es diesen rich kids“ gleich zu tun. Doch anderes als die wohl­ha­benden Söhne musste sich Chu-young für seine Ent­schei­dung entschuldigen.

Ich kann ver­stehen, dass viele Men­schen meinen auf­ge­scho­benen Wehr­dienst sehr kri­tisch sehen. Ich möchte mich zunächst bei allen Leuten ent­schul­digen, die ich damit ent­täuscht habe“, erklärte der Fuß­baller auf einer eigens für dieses Thema ein­be­ru­fenen Pres­se­kon­fe­renz. Ich habe bereits mehr­fach betont, dass ich meinen Dienst an der Waffe nach dem Ende meiner Kar­riere nach­holen werde. Ich ent­schul­dige mich bei allen Sol­daten, die unser Land in diesem Moment verteidigen.“ 

Das große Come­back bei Olympia

Auch in der Natio­nal­mann­schaft sah der einst so gefei­erte New­comer schweren Zeiten ent­gegen. Choi Kang-hee, seit 2011 im Amt, zeigte Chu-young die kalte Schulter. Der ver­suchte sich bei Celta Vigo zu trösten, begann dort auch stark, doch am Ende reichte es nicht, um die Ver­ant­wort­li­chen der Spa­nier davon zu über­zeugen, ihn aus dem Kon­trakt mit dem FC Arsenal her­aus­zu­laufen. Die Lon­doner ver­liehen den Stürmer Ende Januar 2014 an den FC Wat­ford. Dort wurde er einmal ein­ge­wech­selt (in der 90. Minute) und durfte beim Aus­wärts­spiel gegen Bolton einmal von Beginn an ran. Nach einer Stunde Spiel­zeit wurde er ausgewechselt. 

Doch zurück ins Jahr 2012: Da nomi­nierte ihn Hong Myong-bo, 2002 Kapitän jener süd­ko­rea­ni­schen Aus­wahl, die als Gast­geber für Furore sorgte, für den Kader der Olym­pia­mann­schaft bei den Spielen 2012. Drei Spieler über 23 Jahre darf jede Aus­wahl auf­nehmen, Chu-young war einer von ihnen. Der Stürmer spielte sich recht unauf­fällig durch das Tur­nier, war dann aber da, als es drauf ankam: Im Spiel um Platz 3 gelang ihm ein spek­ta­ku­läres Tor, das den 2:0‑Erfolg seiner Mann­schaft ein­lei­tete. Ein großer Sieg. Nicht nur, weil Süd­korea aus­ge­rechnet den Rivalen aus Japan besiegt hatte. Nicht nur, weil Chu-young nun eine Medaille um den Hals bau­meln hatte. Son­dern weil die süd­ko­rea­ni­sche Regie­rung jedem Olym­pio­niken, der es bei den Spielen aufs Trepp­chen schafft, vom Mili­tär­dienst befreit.

Mehr als ein Leader

Jetzt ist er im Auf­gebot des süd­ko­rea­ni­schen WM-Teams und spielt dort eine wich­tige Rolle. Nicht etwa, weil er einst die gleiche Uni­ver­sität besuchte wie sein Trainer, son­dern weil die aktu­elle Mann­schaft nicht gerade reich bestückt ist mit Spie­lern, die den Unter­schied machen können. Und Chu-young ist, auch wenn seine Kar­riere den Zenit bereits über­schritten hat, noch immer genau so ein Spieler. Die Frage ist nur: In wel­cher Form befindet sich der Angreifer, wenn seine Mann­schaft am 17. Juni gegen Russ­land in das Welt­tur­nier startet? Die Reak­tionen auf seine Teil­nahme an der WM fielen in seiner Heimat jeden­falls gemischt aus.

Chu-young ist nicht dafür bekannt, mit ein­zelnen Jour­na­listen enge Kon­takte zu pflegen, ent­spre­chend gering ist sein Stan­ding in den Medien nach den eher ver­korksten letzten Jahren. Es gibt nicht wenige Jour­na­listen, die Zweifel an seiner Taug­lich­keit für eine so große Auf­gabe haben. Das ist eine ganz natür­liche Reak­tion“, gestand der Spieler den Repor­tern diese Mei­nung zu, wenn das Land nicht wollen würde, dass ich für sie spiele, dann würde das auch kein Sinn machen. Aber wenn man mir ver­traut, dann werde ich alles geben. Meine Erfah­rung wird dabei sicher­lich von Vor­teil sein, aber sich auf dem Feld zu zer­reißen ist noch viel wich­tiger! Mehr noch als Leader, will ich als Rou­ti­nier dafür sorgen, meinen Mit­spie­lern in den ent­schei­denden Momenten die rich­tige Rich­tung zu weisen.“

Den Kri­ti­kern zum Trotz

Seine Beru­fung für das Freund­schafts­spiel gegen Grie­chen­land im März hat gezeigt, dass zumin­dest sein Trainer dieses Ver­trauen noch besitzt. Seinen Kri­ti­kern zum Trotz erzielte Chu-young das 1:0 beim 2:0‑Erfolg über die Grie­chen. Wie­der­holt er solche Auf­tritte bei der WM, dürfte sich Süd­korea schon sehr bald mit Park Chu-young ver­söhnt haben. Doch noch viel mehr als bloß ein gutes WM-Tur­nier, geht es bei ihm darum, sich seinen Platz in der Geschichte zu sichern. Er hat noch einiges zu beweisen.

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John Duerden ist Teil des Guar­dian-Netz­werks“ und berichtet als Asien-Kor­re­spon­dent für BBC Radio“, Guar­dian“, ESPN“ und World Soccer“ regel­mäßig über den süd­ko­rea­ni­schen Fuß­ball. Hier könnt ihr ihm auf Twitter folgen.