Gün­ther Jauch, Sie mode­rierten die Über­tra­gung des Finals zwi­schen Bayern und ManU. Denken Sie noch oft daran zurück?
Ja, klar. Immer wenn eine Mann­schaft kurz vor Schluss knapp führt, heißt es doch: Denkt an Bar­ce­lona 1999!“ Sobald die Nach­spiel­zeit beginnt, halten alle alles für mög­lich. Das ist zwangs­läufig. Inso­fern zählt dieses Finale zu den großen Mythen der Fuß­ball­ge­schichte, steht für mich direkt neben dem WM-Halb­fi­nale Deutsch­land-Ita­lien 1970. Selt­sa­mer­weise habe ich den Anzug noch, den ich damals in Bar­ce­lona trug. Der über­lebt jede Ent­rüm­pe­lung meines Klei­der­schranks, obwohl ich nicht einmal weiß, ob er mir noch passt. Aus Pietät ziehe ich ihn nicht mehr an.

Kommen wir von der Mode zum Sport. Wie würden Sie die Riva­lität zwi­schen den beiden Teams cha­rak­te­ri­sieren?
Es war kein Hass‑, aber doch min­des­tens ein Pres­ti­ge­duell. Im Finale selbst waren die Bayern besser, wirkten die sou­ve­räner. Die Kör­per­sprache von Effen­berg und Basler signa­li­sierte: Sie fühlen sich wohl und sicher in diesem Spiel.

Bayern-Prä­si­dent Franz Becken­bauer war Ihr Experte. Haben Sie das Spiel gemeinsam ver­folgt?
Nein, er war auf der Tri­büne. Erst kurz nach dem Abpfiff kam er zurück ins Studio. Und da war es gefähr­lich: er war ganz, ganz ruhig. Er war an der Grenze zur Abwe­sen­heit. Sonst hat er sich ja über schon über ver­un­glückte Dribb­lings auf­ge­regt. Diesmal war es anders. Man hat gesehen, wie diese Nie­der­lage in ihm gear­beitet hat. Er wusste zwar, dass im Fuß­ball alles mög­lich ist. Aber das 1:2 ging gegen seine Über­zeu­gung, wie sou­verän ein FC Bayern die letzten Minuten eines Finals zu bestreiten habe, wie man das nach Hause spielen müsse. Er war geschockt.

Mussten Sie ihre Notizen, die Sie sich für die Nach­lese gemacht hatten, weg­werfen?

Ja. Es ging nicht mehr um die chro­no­lo­gi­sche Auf­ar­bei­tung eines Spiels, son­dern um die Sicht­bar­ma­chung eines Schock­zu­standes, das Auf­greifen eines mil­lio­nen­fa­chen Auf­stöh­nens.

Kom­men­tator Reif sagte nach dem Schluss­pfiff: „„Wissen Sie was? Ich habe gar keine Lust, das hier zu ana­ly­sieren.“ Der Ball lag bei Ihnen.
Und ich wusste auch nicht, wohin damit! Aber Marcel hatte Recht. Man glaubte nicht, was, man als Augen­zeuge mit­er­lebt hatte. Da kann man nicht einen Ein­wurf aus der 52. Minute nachbereiten. 



Hatten Sie Mit­leid mit den Bayern?
Durchaus. Wobei ich mir nicht aus­malen konnte, dass das ein jah­re­langes Trauma für den FC Bayern werden würde. Das konnte ich erst ermessen, als die Mann­schaft zwei Jahre später den Titel gegen Valencia holte. Da fiel eine rie­sige Last von ihnen ab. Es war das erste und ein­zige Mal, dass ich in eine Cham­pa­gner­du­sche geriet.

Auf­stieg, Fall, Phoenix aus der Asche. Haben wir dieser Dra­ma­turgie Figuren wie Kahn und Effe zu ver­danken?
Sicher­lich. Effen­berg war jemand, der eine Mann­schaft führen konnte. Er hatte eine Domi­nanz, die er phä­no­ty­pisch auf dem Platz prä­sen­tierte. Aber bei aller Hel­den­ver­eh­rung sollten wir nicht ver­gessen: Das Elf­me­ter­schießen 2001 hätte auch Valencia gewinnen können.

Zurück zum 99er-Finale: Haben Sie mit ihrem Kol­legen Marcel Reif die Gescheh­nisse nach­be­reitet?

Soweit es ging. Aber das sind Momente, in denen man kopf­schüt­telnd daneben steht. Da wird man zum Lei­denden. Das kann man nicht Punkt für Punkt abar­beiten.

Zusammen mit Reif erhielten sie den Grimme-Preis, weil sie ein Jahr zuvor nach dem Zusam­men­bruch eines Tores in Madrid stun­den­lang das Nichts kom­men­tierten. Nun über­schlugen sich die Ereig­nisse, und ihnen beiden blieb die Spucke weg. Ganz schön paradox.
Ja! Man denkt: Oh Gott, jetzt sollst du noch 90 Minuten ana­ly­sieren, dis­ku­tieren, Aus­schnitte anschauen.“ Und wie gesagt: der Becken­bauer hatte ein­fach keine Lust mehr.

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Hin­weis: Dieses Inter­view wurde 2009 geführt, d. Red.