Franz Becken­bauer, der FC Bayern hat gerade ein Test­spiel gegen RB Salz­burg mit 0:3 ver­loren. Wie ist die Nie­der­lage zu bewerten?
Ich war über­rascht über die pas­sive Spiel­weise der Bayern und das aggres­sive Spiel der Salz­burger. Das hätte auch 5:0 oder 6:0 aus­gehen können, Bayern hatte keine Chance. Aber so werden sie sich in der Bun­des­liga nicht prä­sen­tieren. Es war ein Warn­schuss zu rechten Zeit. 

Das wäre aller­dings schlecht für die Span­nung in der Liga.
Ich weiß nicht, was schlecht für die Liga ist. Aber wir freuen uns doch alle, wenn die Bayern gut spielen, oder? (lacht)

Glauben Sie, dass die Bayern nun auf Jahre auf den Meis­ter­titel abon­niert sein werden?
Es wird zwei­fellos schwer, sie zu schlagen, wenn sie sich weiter so kon­ti­nu­ier­lich ver­stärken. Und das werden sie. Pep Guar­diola ist der ideale Trainer, Mat­thias Sammer weckt sie immer wieder auf, wenn Schlen­drian ein­zu­kehren droht. Im Kader ist genug Kon­kur­renz­kampf, damit man in allen Wett­be­werben bestehen kann. Ich sehe tat­säch­lich keinen Grund, warum sich etwas in den nächsten Jahren ändern sollte. Im Gegenteil. 

Über Uli Hoeneß heißt es, er ist erst zufrieden, wenn der FC Bayern in zehn Jahren zehn Mal Meister wird, Karl Heinz Rum­me­nigge rela­ti­viert, bei fünf Mal wäre er auch zufrieden. Wie sehen Sie das?
Ich mache das nicht an Meis­ter­schaften fest, mir reicht es, wenn sie einen schönen, enga­gierten, spiel­freu­digen Fuß­ball spielen. Und wenn sie das tun, haben sie auto­ma­tisch auch Erfolg.
 
Aber funk­tio­niert die Bun­des­liga mit­tel­fristig auch ohne die Span­nung im Kampf um die Meis­ter­schaft?
Es gibt doch noch andere inter­es­sante Wett­be­werbe: den Kampf um die Cham­pions-League-Plätze, den Abstieg. In Spa­nien ist es viel ekla­tanter als bei uns, da spielt die Musik nur zwi­schen Bar­ce­lona und Madrid. In Ita­lien aber hat sich das Blatt ein biss­chen gewendet, da spielt nun auch mal der AS Rom oder der SSC Neapel vorne mit. Will sagen: Es ist immer Bewe­gung drin. Warten Sie es ab, dem­nächst ist viel­leicht auch der VfL Wolfs­burg finan­ziell in der Lage einen Wechsel an der Spitze zu for­cieren.
 
War es eigent­lich not­wendig, dass der FC Bayern Robert Lewan­dowski aus Dort­mund holt? Nach dem Trans­ferhick­hack wird es nach seiner Ankunft in Mün­chen bald auch im Kader Ärger geben.
Wird es nicht, dafür ist Guar­diola als Person zu stark und genießt genug Respekt. Ich glaube, dass er allen Spie­lern die Mög­lich­keit geben wird, zu Ein­sätzen zu kommen. Denn der FC Bayern hat so viele Spiele, dass Rota­tion zwangs­läufig not­wendig sein wird. 

Aber, mal ehr­lich, Mario Mandzukic kann doch nach der Ver­pflich­tung Lewan­dow­skis seine Koffer packen.
Eigent­lich schon. Ich kann mir vor­stellen, dass Lewan­dowski ein­schlägt. Von seiner Spiel­weise passt er besser zu Guar­diolas Vor­stel­lungen als ein reiner Mit­tel­stürmer wie Mandzukic. Zumal Pep Guar­diola auch noch auf Thomas Müller und Mario Götze zurück­greifen kann.
 
Karl Heinz Rum­me­nigge sagt, dass die Meis­ter­schaft der wich­tigste Titel sei. In Wahr­heit aber muss es dem FC Bayern doch in der Rück­runde vor allem darum gehen, als erste Mann­schaft den Titel in der Cham­pions League zu ver­tei­digen, oder?
Die Meis­ter­schaft kann man planen. Vor allem jetzt, wo schon ein gewisses Polster vor­handen ist, kann man den ein oder anderen Aus­setzer ver­kraften. In der Cham­pions League beginnt die K.O.-Runde. Wenn es an einem Tag nicht stimmt, bist du schnell draußen. Des­wegen ist dieser Wett­be­werb so ver­teu­felt schwierig. 

Im Ach­tel­fi­nale muss der FC Bayern gegen den FC Arsenal ran. In der ver­gan­genen Saison wären die Bayern gegen die Lon­doner bei­nahe aus­ge­schieden. Nach einem 3:1‑Auswärtssieg, verlor das Team daheim mit 0:2.
Das waren diese Kon­zen­tra­ti­ons­schwä­chen, die sich immer wieder mal einschleichen. 

Aber der FC Arsenal im Ach­tel­fi­nale ist schon das schwerste Los?
In dem Topf war das sicher ein sehr schweres Los, Arsenal ist in Eng­land Tabel­len­führer, der Klub hat sich erholt. Aber wenn man die Cham­pions League holen will, dann trifft man früher oder später immer auf Mann­schaften wie Arsenal, Bar­ce­lona oder Chelsea. 

Stimmen Sie mit Ihren Kol­legen beim FC Bayern überein, dass Franck Ribery bei der Wahl zum Welt­fuß­baller Opfer der Fifa-Politik geworden ist?
Damit hat die Fifa nichts zu tun, die führt die Wahl nur durch. Die Fifa befragt Trainer und Mann­schafts­ka­pi­täne aus 209 Län­dern und dazu noch Jour­na­listen. Es ist nun mal so, dass Ribery in Europa die Nase vorn hatte, Ronaldo und Messi aber im Rest der Welt bekannter sind. Schade für ihn, denn er war der beste Spieler im Jahr 2013. 

Der ehe­ma­lige Bayern-Trainer, Andries Jonker, hat gesagt, Ribery habe nicht die her­aus­ra­gende Stel­lung in seinem Team wie Lionel Messi oder Cris­tiano Ronaldo, außerdem habe er nach wie vor zu viele Ball­ver­luste, um Welt­fuß­baller zu werden.
Ribery war der domi­nie­rende Spieler beim FC Bayern, aber natür­lich hat er Ball­ver­luste. Das liegt daran, dass er ständig in die Zwei­kämpfe geht. Er betreibt einen unge­heuren Auf­wand. Messi ist eher einer, der die anderen laufen lässt. Und Ronaldo ist zwei­fellos ein her­aus­ra­gender Indi­vi­dua­list, aber auch er braucht die Zuspiele seiner Mit­spieler, um so viele Tore zu machen. 

Würden Messi und Ronaldo in einer homo­genen Mann­schaft wie dem FC Bayern funk­tio­nieren?
Die würden überall funk­tio­nieren. Wenn sie kämen, müsste man eben umstellen. Ich habe immer am meisten Spaß gehabt, wenn ich in einer Aus­wahl gespielt habe. Wenn ich mit Bobby Charlton, Rivera oder Pelé in der Welt­aus­wahl spielte, dann war es wie in einem Orchester. Es war har­mo­nisch. Wir hatten vorher nie zusam­men­ge­spielt, aber wir haben uns blind verstanden. 

Könnte sich der FC Bayern inzwi­schen einen der beiden Welt­fuß­baller leisten?
Weiß ich nicht, ich habe da keinen Über­blick mehr.
 
Würden Sie von den Bossen an der Säbener Straße gefragt, wenn so ein Transfer geplant wäre?
Nein, die haben Sammer, Guar­diola, da brau­chen sie mich nun wirk­lich nicht. 

Wann greifen Sie beim FC Bayern noch ein?
Gar nicht mehr, höchs­tens wenn ich mal wieder eine Kolumne schreibe, was nur noch höchst­selten pas­siert. (lacht) Ich habe lange genug ein­ge­griffen, es passt schon.

Kommen wir zur bevor­ste­henden Welt­meis­ter­schaft. Ist es für die deut­schen Spieler in Bra­si­lien zu heiß, um den Titel zu gewinnen?
Im Süden Bra­si­liens ist im Juni doch Winter, da herr­schen ganz ange­nehme Tem­pe­ra­turen. Sie sollen halt recht­zeitig hin­fliegen und sich akkli­ma­ti­sieren. Ich weiß noch, wie wir 1976 den Welt­pokal mit Bayern gewonnen haben. Das erste Spiel in Mün­chen fand Ende November bei minus 20 Grad statt. Die Rasen­hei­zung hat nicht mehr richtig funk­tio­niert, da war eine Eis­kruste auf dem Rasen. Und bald darauf mussten wir nach Belo Hori­zonte zum Rück­spiel. Aus Mün­chen konnten wir wegen Nebels erst ver­spätet abfliegen, nach­mit­tags kamen wir bei 40 Grad plus im Urwald an und abends spielten wir 0:0 und waren Welt­po­kal­sieger. Also: Mit etwas Energie kann man alles schaffen.

Anders gefragt: Ist Deutsch­land titel­reif?
Doch, doch. Ich wüsste jetzt keine Mann­schaft, die besser ist. 

Bräche es Ihnen das Herz, wenn Philipp Lahm durch seinen Erfolg auf der neuen Posi­tion Bas­tian Schwein­s­teiger bei der WM zum Bank­drü­cker macht?
(lacht) Die Fähig­keiten hat er. Es kommt eben darauf an, in wel­cher Ver­fas­sung Bas­tian dann sein wird. Wenn er wieder zu alter Stärke zurück­findet, wird sich der Philipp auch wieder mit der rechten Außen­ver­tei­di­ger­rolle zufrie­den­geben. Aber es ist doch schön, wenn man Spieler hat, die so fle­xibel sind.
 
Stich­wort: WM in Katar. Sie haben schon früh dafür plä­diert, die WM 2022 im Winter zu spielen.
Ich habe es emp­fohlen, weil es die ein­fachste Lösung wäre. Wir haben noch acht Jahre bis dahin, also genug Zeit, um die Welt darauf vor­zu­be­reiten. Aber der Emir hat auch vor­ge­schlagen, das ganze Land run­ter­zu­kühlen, wenn es nicht anders geht. Die machen das, Geld spielt keine Rolle, die machen alles. Aber es wäre ein unglaub­li­cher Aufwand. 

Kennen Sie den Emir per­sön­lich?
Ja, klar.

Und was ver­spricht sich der Emir von der WM?
Die Leute dort sind voller Begeis­te­rung, weil es für das Land ein enormer Image­ge­winn ist. Das Ein­zige, was sie nicht beein­flussen können, ist das Wetter. 

Haben Sie am Ende dem Emir den Floh ins Ohr gesetzt, eine Welt­meis­ter­schaft aus­zu­richten?
Nein, so weit geht es nicht. (lacht) Aber die Kataris waren bei ihrer Bewer­bung sehr schlau. Sie bauen 12 kom­plett neue Sta­dien, mit einem Fas­sungs­ver­mögen von 40.000 Zuschauern auf­wärts, obwohl ein Land wie Katar höchs­tens ein Sta­dion in dieser Größe bräuchte. Aber sie haben in ihrer Bewer­bung zuge­sagt, dass sie jedes Sta­dion nach der WM abbauen und in ver­klei­nerter Ver­sion mit jeweils rund 10.000 Zuschauern in Ent­wick­lungs­län­dern wieder auf­bauen werden. Auf diese Weise ent­stehen fast 50 neue Sta­dien in armen Län­dern. Die haben sich was ein­fallen lassen.
 
Franz Becken­bauer, wie haben Sie das Coming-out von Thomas Hitzl­sperger wahr­ge­nommen?
Ich war über­rascht über das Echo. Ich dachte, in unserem Land müssten wir eigent­lich so weit sein, damit umgehen zu können. Allein, dass ein Mensch sich outen muss, ist doch an sich schon dis­kri­mi­nie­rend. Eigent­lich müsste es selbst­ver­ständ­lich sein. Mich inter­es­siert der Mensch, nicht seine sexu­elle Ori­en­tie­rung. Ich habe viele Schwule in meinem Bekann­ten­kreis, es sind oft die nettesten. 

Zu Ihrer New Yorker Zeit Ende der Sieb­ziger waren Sie im Studio 54 umgeben von schwulen Künst­lern, Rudolf Nurejew war ihr Nachbar. Warum ist Homo­se­xua­lität im Fuß­ball immer noch ein Tabu?
Viel­leicht haben die Spieler Bedenken, weil sie die Reak­tionen im Sta­dion nicht absehen können. Das Fuß­ball­pu­blikum ist kein Opern­pu­blikum, es nicht ganz so fein­fühlig.

Wie war es in den Sech­zi­gern und Sieb­zi­gern, dem Zeit­alter der sexu­ellen Befreiung? Wie wurde damals über schwule Fuß­baller dis­ku­tiert?
In den Sech­zi­gern war das Publikum noch rus­ti­kaler als heute, denn damals waren nur Männer in den Sta­dien. Wenn einer pin­keln musste, hieß es nur Geh mal auf die Seiten“, und dann pin­kelte der da hin, auch weil es keine Toi­letten gab. Und wenn wir mit Bayern in Ober­hausen oder in Essen spielten, schallte es von den Rängen: Bee­ecken-bauer ist homo­se­xuell… homo­se­xuell… homo­se­xuell“. Da haben wir im Mann­schafts­kreis gelacht, denn meine Kame­raden sagten: Man kann viel über dich sagen, Franz, aber das, das stimmt net“.