Was war denn das für eine Scheiße? Als die Spieler von Man­chester United nach dem Abpfiff gegen den AFC Sun­der­land in ihre Kabine trot­teten, trauten sie weder Augen noch Nase. Wäh­rend des Spiels war in der Gäs­te­ka­bine ein Abwas­ser­rohr explo­diert. Fäka­lien klebten an Wänden, Desi­gner­an­zügen, Kul­tur­beu­teln. Die maß­ge­schnei­derten Schuhe von Giggs, Rooney und Co. schwammen wie Luxusyachten in einer braunen Brühe. Der Schaden wurde auf meh­rere zehn­tau­send Euro geschätzt. Und so waren die Edel­ki­cker gezwungen in ihren ver­schwitzen Trai­nings­an­zügen von dannen zu ziehen wie eine stink­nor­male Kreis­li­ga­mann­schaft. Selten zuvor traf der Begriff begos­sene Pudel“ tref­fender auf eine Mann­schaft der Red Devils zu. Es war der mie­fende Tief­punkt des ernüch­ternden United-Aus­flugs in das Sta­dium of Light“, bei dem sich der haus­hohe Favorit zu einem 0:0 gestol­pert hatte.
 
Diese unap­pe­tit­li­chen Szenen spielten sich vor knapp vier Jahren in Sun­der­land ab. Blickte man aller­dings zuletzt in die Gesichter der United-Spieler musste der Ver­dacht auf­kommen, dass der aktu­ellen Mann­schaft beim Besuch der bri­ti­schen Hafen­stadt nicht minder Ekel­er­re­gendes wider­fahren war. Aber es war tat­säch­lich noch schlimmer. Denn mit der 1:2‑League-Cup-Niederlage gegen den AFC Sun­der­land haben sich Man­ches­ters Spieler für immer als his­to­ri­sche Gur­ken­truppe in die Ver­ein­s­an­nalen gewürgt. Das erste Mal seit 13 Jahren hat eine United-Elf drei Spiele in Folge ver­loren. Was andere für ein Luxus­pro­blem halten dürften, reicht in Man­chester für tief­schwarze Welt­un­ter­gang­stim­mung. Dabei geht es nicht allein um eine his­to­ri­sche Plei­ten­serie. Es geht um das Selbst­ver­ständnis eines ganzen Ver­eins, der sich in den ver­gan­genen Jahr­zehnten vor allem über Titel, Glanz und Super­la­tive defi­niert hat. Über allem schwebt die Angst, dass die Ära des alles domi­nie­renden Man­chester United fürs Erste beendet ist.

Eine sport­liche Bankrotterklärung

In der Liga liegt United der­zeit auf Platz sieben, stolze elf Punkte hinter Tabel­len­führer Arsenal und zehn hinter dem Erz­ri­valen City. Gegen Sun­der­land unterlag man zuletzt einer Mann­schaft, die in der Liga auf dem letzten Platz her­um­krebst und in dieser Saison bis­lang nur drei Siege ein­fahren konnte. Schlechter als das Tabel­len­schluss­licht – das ist ein Zustand, der in den Augen der United-Anhänger einer sport­li­chen Bank­rott­erklä­rung gleichkommt. 

Ein Schul­diger für die Misere ist natür­lich längst aus­ge­macht: Trainer Davis Moyes, der vor der Saison in die gigan­ti­schen Fuß­stapfen von Sir Alex Fer­guson getreten war, tau­melt der­zeit wie ein ange­knockter Boxer durch das Old Traf­ford. Kurz vor dem Abpfiff gegen Sun­der­land sah man den Schotten, wie er sich apa­thisch in Selbst­ge­spräche ver­wi­ckelte. Ganz so, als müsste er sich von Minute zu Minute ver­deut­li­chen, in was für einen Alp­traum er da hin­ein­ge­raten ist. Aber wel­chen Anteil hat Moyes wirk­lich an der Misere? 

Trans­fer­theater im Sommer

Die Ein­di­men­sio­na­lität in Uniteds Kader wurde schon in den ver­gan­genen Jahren immer deut­li­cher. Fer­guson setzte lange auf alt­ge­diente Schlacht­rösser wie Ryan Giggs, Rio Fer­di­nand, Nemanja Vidic und Michael Car­rick. Seinen posi­tiven Ein­fluss auf talen­tierte Nach­wuchs­spieler wie Danny Wel­beck, Tom Cle­verly und Phil Jones über­schätzte er maßlos. Neu­zu­gang Shinji Kagawa wirkt bis heute wie ein Fremd­körper in Man­chester. Einen adäquaten Ersatz für den der­zeit oft ver­letzten Tops­corer Robin van Persie sucht man im United-Kader genauso ver­ge­bens wie Welt­klas­se­spieler auf den zen­tralen Posi­tionen im defen­siven Mit­tel­feld. Die Suche nach einem Lenker in Uniteds Zen­trale zieht sich aller­dings nun schon über min­des­tens fünf Jahre, also auch in die End­phase des Regimes von Sir Alex. Doch Moyes erkannte den drin­genden Hand­lungs­be­darf auf dieser Posi­tion offenbar zu spät, wes­wegen Uniteds Suche nach einem geeig­neten Spiel­ma­cher im ver­gan­genen Sommer schließ­lich zur Slap­stick­ver­an­stal­tung mutierte. 

Nach Absagen von Sami Khe­dira und Spa­niens Nach­wuchs­hoff­nung Ander Her­rera bemühte man sich hän­de­rin­gend um eine Ver­pflich­tung der Kate­gorie Knall­ef­fekt“. Doch die Rück­hol­ak­tion von Cris­tiano Ronaldo schei­terte genauso wie die Ver­pflich­tung von Gareth Bale und Cesc Fabregas. Mesut Özil wollte Moyes erst gar nicht haben. Viel­leicht der ein­zige Vor­wurf, den man ihm in Sachen Trans­fers über­haupt machen kann. Am Ende kam ledig­lich der Bel­gier Marouane Fel­laini von Moyes Ex-Klub FC Everton. Doch immer öfter offen­bart der 34-Mil­lionen-Mann, dass er vom Fuß­ball­gott zwar mit beacht­li­chem Haar­wuchs gesegnet wurde, seine stra­te­gi­sche Kom­pe­tenz indes bemer­kens­wert schnell an ihre Grenzen gerät.

Dass die Umstel­lung von Jahr­hun­dert­trainer Fer­guson auf den Neuen holprig ver­laufen würde, kal­ku­lierte man rund um das Old Traf­ford sicher ein. Dass das Spiel des amtie­renden eng­li­schen Meis­ters jedoch pha­sen­weise so wirkt, als würden Teile der Mann­schaften gegen die neuen Impulse von der Bank rebel­lieren, über­rascht selbst ein­ge­fleischte Red Devils. Leucht­turm der Reni­tenz ist vor allem Wanye Rooney. Der hielt sich lange Zeit damit auf, seinen Abgang aus Man­chester zu pro­vo­zieren. Seitdem klar ist, dass er in dieser Saison nicht gehen darf, wirken die Auf­tritte des Super­stars, als habe ihm jemand heim­lich eine Hand­bremse in den Turbo gebaut. Und schon wenn der Mann, der Uniteds Elf in der Ver­gan­gen­heit durch seinen unbän­digen Ein­satz im Allein­gang mit­ge­rissen hat, immer öfter blut­leer über den Platz joggt, ist es kaum ver­wun­der­lich, dass sich auch der Rest der Mann­schaft mit dem sport­li­chen Abstieg in Rich­tung graues Nie­mands­land arran­giert zu haben scheint. 

United ver­ließ sich zu lange auf das Momentum

Dass United durchaus das Zeug für eine große Mann­schaft hat, zeigten die Eng­länder nicht zuletzt beim Cham­pions-League-Auf­tritt gegen Bayer Lever­kusen. Doch anders als in den Jahren zuvor kann United das Niveau nicht über meh­rere Wochen kon­ser­vieren. Fer­gu­sons United setzte Jahr­zehnte lang auch auf die Ein­zel­könner, sowie das Stil­mittel des Momen­tums und der kör­per­li­chen Über­le­gen­heit, wäh­rend die rest­liche Fuß­ball­welt begann, das Spiel zu kol­lek­ti­vieren und zu mathe­ma­ti­sieren. Gerade im Hoch­ge­schwin­dig­keits­theater Pre­mier League gerät Uniteds Art des Old-School-Foot­ball heute schnell ins Hin­ter­treffen. Oder eben auf Platz sieben. 

Die span­nenden Frage ist nun, wie belastbar die Gedulds­fäden der Klub­be­sitzer-Familie Glazer tat­säch­lich sind. Zumin­dest soll ihr Name im Lexikon nicht unbe­dingt neben dem Begriff bud­dhis­ti­sche Ruhe“ zu finden sein. Jüngst wurden jedoch Berichte öffent­lich, dass die Ame­ri­kaner ihrem Übungs­leiter noch­mals mit 240 Mil­lionen Euro Trans­fer­vo­lumen unter die Arme greifen wollen. Längst hat United seine Kra­ken­arme auf dem Trans­fer­markt aus­ge­fahren. Auch die Dort­munder Marco Reus und Ilkay Gün­dogan sollen auf der Ein­kaufs­liste stehen. 

Moyes kann nur hoffen, dass der Name Man­chester United in den kom­menden Trans­fer­pe­ri­oden noch genug Glanz auf Spieler dieses Kali­bers aus­strahlt. Ansonsten muss er weiter die Alt­lasten seines Vor­gän­gers durch die Saison schleppen. Ob das zu dem Erfolg führen kann, den ein Klub wie United per Ver­eins­sat­zung als Gott­ge­geben ansieht, darf aller­dings bezwei­felt werden.