Die Geschichte beginnt in einem Fri­seur­salon mitten in Lis­sabon. Dort sitzen im Sommer 1960 zwei Männer und lassen sich die Haare schneiden. Einer von ihnen ist Béla Gutt­mann, seit einem Jahr Trainer von Ben­fica Lis­sabon. Der andere Herr ist eben­falls Fuß­ball­trainer, ein alter Kumpel Gutt­manns. Mit seinem Arbeit­geber FC Sao Paulo macht er gerade Halt in Lis­sabon. Noch vor einer Woche war auf den Fuß­ball­plätzen der por­tu­gie­si­schen Kolonie Mosambik unter­wegs, auf der Suche nach unent­deckten Talenten. Dort sah er einen Spieler, gerade mal 18 Jahre alt. Von dem muss er seinem alten Freund erzählen. Was heißt erzählen? Er schwärmt, er lobt, er preist, er redet sich so sehr in Ekstase, dass der Fri­seur ihm fast das Ohr­läpp­chen abschneidet. 

Eine Woche später sitzt Béla Gutt­mann in einem Flug­zeug Rich­tung Mosambik. Diesen Eusébio muss er sich ansehen.

Am Sonntag, den 5. Januar 2014, ist Eusébio ver­storben. Das Herz. Die por­tu­gie­si­sche Regie­rung hat drei Tage Staats­trauer ver­ordnet, die halbe Fuß­ball­welt hat sich bereits zu Wort gemeldet und öffent­lich Abschied genommen. Was bleibt, sind Erin­ne­rungen. Bruch­stück­hafte Erinnerungen.

Becken­bauer ver­gisst bei­nahe sein Silberbarschfilet

Franz Becken­bauer hat Eusébio 1986 im Auf­trag des Stern“ in seiner Hei­mat­stadt Lis­sabon einmal besucht. Ich sehe alles noch vor mir“, erzählte Eusebio damals, ich kann mich an jedes Spiel, das ich gespielt habe, genau erin­nern. Ich könnte mich hin­setzen und über jedes meiner Spiele ein Buch schreiben.“ Becken­bauers Reak­tion: Ich schaue Eusébio etwas ungläubig an und ver­gesse für einen Augen­blick mein köst­li­ches Sil­ber­bar­sch­filet.“ Ver­mut­lich dachte der Kaiser damals das gleiche: Warum hat er das dann nicht getan? Warum werden Kar­rieren wie die von Eusébio nicht von ganzen Semi­nar­räumen voller Sport­his­to­ri­kern minu­tiös für die Nach­welt fest­ge­halten? Es gäbe so viel zu erzählen.

Béla Gutt­mann hat daran seinen Anteil. Nachdem er sich per­sön­lich vom Aus­nah­me­ta­lent Eusé­bios über­zeugt hatte, setzte er sich mit dessen Mutter Elisa an einen Tisch und han­delte einen Ver­trag aus. Wenig später saß der junge Fuß­baller auch schon in einem Flug­zeug Rich­tung Lis­sabon. Fünf Monate lang ver­steckte ihn Ben­fica in einem kleinen Fischer­dorf an der Algarve, ehe ein Gericht die Recht­mä­ßig­keit seines Ver­trages mit Ben­fica bestä­tigte. Denn Eusé­bios Klub in Mosambik war ein Ableger von Ben­ficas Kon­kur­rent Spor­ting, der damit qua Ver­trag das Vor­kaufs­recht auf den Stürmer gehabt hätte. Selbst­ver­ständ­lich hat Spor­ting das dem großen Ben­fica bis heute nicht vergeben.

100 Meter in 11 Sekunden – mit 16

Eusébio war ja auch nicht irgendwer. Er war das größte Talent seiner Zeit. Ein Athlet, der die 100 Meter schon mit 16 Jahren in 11 Sekunden rennen konnte. Drahtig, mus­kulös, ball­si­cher, extrem schuss­stark. Und einer jener Men­schen, die der liebe Gott schon im Mut­ter­leib mit mehr Talent beglückte, als es han­dels­üb­liche Zweit­li­ga­mann­schaften der Gegen­wart in der Summe auf­zu­weisen haben. 

Im Juni 1961 gab Eusébio sein Debüt für Ben­fica und erzielte einen Hat­trick. Zwei Wochen später wurde er bei einem Freund­schafts­spiel gegen Pelés FC Santos beim Stand von 0:4 ein­ge­wech­selt, 20 Minuten vor dem Schluss­pfiff. Eusébio schoss drei Tore, und Pelé fragte auf dem Weg in die Kabinen seinen Gegen­spieler: Wer zum Teufel ist der Kerl?“ Wie­derum nur ein Jahr später traf Ben­ficas Angreifer zweimal im Euro­pa­pokal-Finale gegen Real Madrid. Ben­fica gewann mit 5:3. Eusébio spielte so unglaub­lich domi­nant, dass eine nie­der­län­di­sche Zei­tung den Stürmer anschlie­ßend mit wilden Doping­ge­rüchten kon­fron­tierte. Auf den Schul­tern der begeis­terten Zuschauer wurde der 20-Jäh­rige vom Platz getragen. Schuhe, Stutzen und Trikot rissen ihm die Fans vom Leib, ledig­lich Atta­cken auf seine Hose wehrte Eusébio hel­den­haft ab. Nicht weil ihn die voll­stän­dige Ent­klei­dung gestört hätte, aber in meiner Hose musste ich etwas Wert­volles fest­halten. Nicht, was du denkst, Franz!“, ver­riet Eusébio 1986 seinem deut­schen Besu­cher, Etwas viel Wich­ti­geres: Di Ste­fano hatte mir nach dem Schluss­pfiff sein Trikot geschenkt. Und ich stopfte mir die Tro­phäe in meine Hose.“ In diesem Jahr wählten ihn die Jour­na­listen hinter Josef Mas­opust zum zweit­besten Fuß­baller Europas. Der Beginn einer Weltkarriere.

Eine Kar­riere aus einer anderen Zeit. Obwohl der Fuß­baller mit seiner Ath­letik, seiner Geschwin­dig­keit und dem daraus resul­tie­renden Tem­po­fuß­ball seiner Zeit voraus war. Eusébio war immer schneller, immer kraft­voller, immer ziel­stre­biger als seine bemit­lei­dens­werten Gegen­spieler. Hilflos suchten seine Bewun­derer nach einem pas­senden Spitz­namen. Gegen den Bei­namen Pelé Europas“ wehrte er sich aus­giebig. Mit dem aner­kannt besten Fuß­baller seiner Zeit wollte er nicht in einem Atemzug genannt werden. Also einigte man sich auf Pan­tera Negra“. Der schwarze Pan­ther“ – das hätte heute gleich einen ekel­haften ras­sis­ti­schen Unterton, der Raub­tier­ver­gleich dürfte in den sech­ziger Jahren aber eher aus atem­loser Bewun­de­rung ent­standen sein. 

Er über­trifft sogar Pelé!“

Spä­tes­tens 1966 erlangte Eusébio Welt­ruhm. Bei seinem ein­zigen WM-Auf­tritt erzielte er neun Tore für Por­tugal, dar­unter jene unglaub­li­chen vier bei der spek­ta­ku­lären Auf­hol­jagd gegen Nord­korea im Vier­tel­fi­nale. Aus einem 0:3 machte Por­tugal noch ein 5:3. Was nicht nur beim Reporter des Lon­doner Sunday Express“ Schnapp­at­mung aus­löste: Eusébio ist schwarze Magie. Zählt man seine Talente zusammen, so über­trifft er sogar Pelé, würde ich sagen. Dieser Fürst unter den por­tu­gie­si­schen Spie­lern hat die außer­ge­wöhn­liche Fähig­keit, jeg­li­chem Stopp­ver­such des Geg­ners zu ent­gehen.“ Eng­lands Nobby Stiles fand im anschlie­ßenden Halb­fi­nale dann doch ein Mittel: Er trat Eusébio ein­fach zu Klump, ohne dafür ange­messen bestraft zu werden. Eine inter­es­sante Vor­stel­lung, wie weit es Eusébio mit seinen Fähig­keiten in der heu­tigen Zeit gebracht hätte, wo Stürmer wie er von Schieds­rich­tern geschützt und nicht als Frei­wild von auf­ge­drehten Mann­de­ckern betrachtet werden.

»» Eusé­bios Kar­riere in der Bildergalerie

Es gibt noch so viel mehr zu erzählen. Wie es Eusébio schaffte, 1137 Tore zu erzielen. Dass er Zeit seiner Kar­riere bei Ben­fica blieb, weil ihn Por­tu­gals Dik­tator Salazar trotz per­sön­lich vor­ge­brachter Bitten des Stars nicht ziehen ließ und öffent­lich als Eigentum des por­tu­gie­si­schen Volkes beti­telte. Wie dreist die Ver­ant­wort­li­chen von Ben­fica das aus­nutzten, und dem Mann, der Mil­lionen Men­schen für die Spiele seiner Mann­schaft begeis­terte, lächer­liche 50 Pfund pro Monat bezahlten. Wie er 1968 gegen Man­chester United bei seiner vierten Euro­pa­pokal-Final­teil­nahme die dritte Nie­der­lage ein­ste­cken musste. Wie er kurz vor dem Schluss­pfiff im diesem letzten ganz großen Spiel seiner Kar­riere die größte Chance auf den Sieg seiner Mann­schaft vergab, und, statt vor Wut und Ent­täu­schung zu zer­fließen, Uniteds Keeper Alex Stepney die Hand schüt­telte, um dem für seine tolle Parade zu gra­tu­lieren. Wie er 2003 von Wein­krämpfen geschüt­telt wurde, als sein frü­herer Arbeits­platz, das Estádio do Sport Lisboa e Ben­fica, abge­rissen wurde. Wie sich so ein Leben anfühlt, als einer der besten Fuß­baller aller Zeiten.

Gerne hätte man es wie Franz Becken­bauer gemacht, wäre nach Lis­sabon geflogen und hätte sich mit Eusébio in seinem Lieb­lings­re­stau­rant betrunken. Hätte den alten Schoten gelauscht, zwi­schen klir­renden Glä­sern rand­voll mit Port­wein. Die letzte Chance darauf ist am Sonntag ver­stri­chen. Eusébio ist tot. Wir müssen alleine auf ihn anstoßen.