Bis Sams­tag­abend gab es zwei typi­sche Szenen, die einem halb­wegs infor­mierten Fuß­ballfan im Geiste erscheinen mussten, wenn der Name Arjen Robben fiel. Die eine: Wie Robben auf der rechten Seite den Ball bekommt, den Kopf vor­beugt, die Arme aus­fährt wie ein Ski­renn­fahrer auf der Abfahrt und dann nach links in die Mitte zieht. Tau­send­fach hat man das von Robben schon gesehen, jedes Mal emp­findet man dabei eine Mischung aus Begeis­te­rung und Über­ra­schung. Über­ra­schung, weil man sich fragt, warum diese Bewe­gung eigent­lich so häufig zum Erfolg führt, wo sie doch jeder Ver­tei­diger der Welt eben­falls tau­send­fach gesehen, stu­diert und ein­ge­spei­chert hat. Begeis­te­rung, weil eben kein Fuß­baller der Welt – von Lionel Messi mal abge­sehen – diese Bewe­gung mit sol­cher Geschwin­dig­keit, Explo­si­vität und Ele­ganz voll­führt wie Arjen Robben.

Wieder mal hatte Robben ein Spiel alleine verloren

Die zweite Szene hat man in der langen Kar­riere Arjen Rob­bens erst ein paar Mal gesehen. Aber bis zum ver­gan­genen Samstag war sie so intensiv im kol­lek­tiven Gedächtnis, das Robben noch tau­send Dribb­lings hätte aus­führen können, die Szene wäre unaus­löschbar mit seiner Person in Ver­bin­dung gebracht worden. Mög­li­cher­weise bis weit über sein Kar­rie­re­ende hinaus. Es sind die, wie Arjen Robben im ent­schei­denden Moment eines ent­schei­denden Spiels eine ent­schei­dende Chance ver­siebt. Wie er den Kopf hängen lässt, weil die ganze Last der Ver­ant­wor­tung an seinem kahlen Haupt zu hängen scheint. Wie er, dieser wun­der­bare Fuß­baller, wieder mal ein Spiel ganz alleine ver­loren hat.

Das ist natür­lich Quatsch. Kein Spieler, nicht mal Arjen Robben, kann ein Spiel alleine gewinnen oder ver­lieren. Des­halb ist es ja ein Mann­schafts­sport. Aber gerade bei Arjen Robben hat man diese Tat­sache in den ver­gan­genen Jahren sehr häufig ver­gessen. Weil er der viel­leicht letzte große Indi­vi­dua­list des Welt­fuß­balls war. Selbst sein exzen­tri­scher Kol­lege Franck Ribery, selbst der gockel­hafte Cris­tiano Ronaldo, selbst das Über-Talent Lionel Messi spielten mann­schafts­dien­li­cher als der Hol­länder. Viel­leicht konnte Bra­si­liens Jung­star Neymar noch mit seiner Spiel­weise Arjen Robben das Wasser rei­chen, aber Neymar spielte bisher in der bra­si­lia­ni­schen Liga und damit für uns Euro­päer unter dem Radar, er zählte nicht.

Arjen Robben war der pro­mi­nen­teste Ein­zel­könner dieses Sports. Manchmal hatte man das Gefühl, er spiele in seiner eigenen Welt. Seine Kol­legen rackerten im Kol­lektiv, Robben stand irgendwo auf seiner rechten Seite und war­tete auf den Ball. Wenn er ihn dann hatte, rannte er los. Zog von rechts nach links und gab den Ball nicht mehr her. Schoss er ein Tor, war er der Held. Er ganz allein. Schoss er daneben, war er der Ver­sager. Er ganz allein. Folgt man dieser von einem Mil­lio­nen­pu­blikum unter­stützten Aus­le­gung, hat Arjen Robben in den ver­gan­genen drei Jahren drei große Titel ganz alleine ver­loren. 2010, im WM-Finale gegen Spa­nien, schei­terte er beim Stand von 0:0 am geg­ne­ri­schen Tor­wart Iker Cas­illas. Am 30. Spieltag der Saison 2011/12, beim viel­leicht ent­schei­denden Meis­ter­schafts­spiel gegen Borussia Dort­mund, ver­schoss er kurz vor Schluss einen Elf­meter. Die ganze Welt, dar­ge­stellt in Person des in diesem Moment sehr gehäs­sigen Dort­munder Ver­tei­di­gers Neven Subotic, brüllte ihm damals die Häme ins Gesicht. Und gut einen Monat später ver­sagte Robben erneut. In der Ver­län­ge­rung des Cham­pions-League-End­spiels gegen den FC Chelsea griff er sich den Ball, um den fäl­ligen Elf­meter zu ver­wan­deln. Es war eine indi­vi­du­elle Ent­schei­dung, gegen die Abspra­chen. Typisch Robben, dachte man damals. Robben ver­schoss. Typisch Robben, spot­tete man danach. Eine Welt­meis­ter­schaft, die Cham­pions League, eine Deut­sche Meis­ter­schaft. Alle ver­loren durch Arjen Robben. So ein Unsinn. Aber so dachte man halt.

Es war keine Indi­vi­dual­leis­tung – son­dern Teil einer kol­lek­tiven Vorstellung

Seit Sams­tag­abend ist das alles anders. Wieder hat Arjen Robben in einem ent­schei­denden Spiel in einem ent­schei­denden Moment die ent­schei­dende Chance gehabt. Viel­leicht war diese 89. Minute sogar der ent­schei­dendste Moment seiner gesamte Kar­riere. Diesmal hat er seine Chance genutzt. Er musste ein­fach nur die Vor­ar­beit eines Mann­schafts­kol­legen nutzen. Er musste seinen Teil zu einer kol­lek­tiven Vor­stel­lung bei­tragen. Er hat es getan. 

Noch bevor der Ball über die Tor­linie kul­lerte, hatte Arjen Robben rea­li­siert, was ihm da gelungen war. Er hatte den Titel gewonnen. Nicht er allein. Er mit seiner Mann­schaft. Ruck­säcke voller Steine der Ver­ant­wor­tung fielen von ihm ab, als er auf die Fan­kurve zuraste, die Arme aus­ge­breitet, als wolle er den gesamten Wider­hall seines Tores auf­fangen und nie wieder hergeben. 

Rob­bens Gesicht war voll­kommen ver­zerrt, der Blick bei­nahe beängs­ti­gend welt­fremd. So jubelt keiner, der ein­fach nur ein Tor in einem Cham­pions-League-Finale erzielt hat. So jubelt einer, der weiß, dass er seinem Wirken auf Erden eine andere, eine bes­sere Rich­tung ver­liehen hat. Der Dämonen ver­trieben und die kleinen Teu­fel­chen auf der Schulter ver­jagt hat. 

Ein Fuß­baller, der das Tor seines Lebens geschossen hat.