Wer einen Blick auf die Gra­vuren des Uefa-Pokals wirft, ent­deckt die Crème de la Crème des inter­na­tio­nalen Fuß­balls. Hinter den Rekord­ti­tel­trä­gern Juventus Turin, Inter Mai­land und dem FC Liver­pool reihen sich wei­tere große Namen wie Real Madrid oder Bayern Mün­chen nahtlos ein. Doch mitt­ler­weile wäre wohl keiner dieser Mann­schaften der Gewinn dieses Wett­be­werbs auch nur einen Ein­trag auf dem Brief­pa­pier wert. Nicht umsonst spricht man vom Cup der Ver­lierer“. Selbst bei einem Klub wie dem FC Schalke 04, dessen Euro­fighter“ 1997 mit dem Final-Sieg über Inter Mai­land den größten Erfolg der Ver­eins­ge­schichte erzielten, würde eine Europa-League-Teil­nahme heut­zu­tage keine Luft­sprünge mehr verursachen. 

Die Ursa­chen für diese Ent­wick­lung sind haus­ge­macht. Um den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister für Wer­be­partner und eine breite Öffent­lich­keit attrak­tiver zu machen, rief die Uefa in der Saison 1992/1993 die Cham­pions League ins Leben. Da es ab diesem Zeit­punkt nicht mehr aus­schließ­lich den Lan­des­meis­tern vor­be­halten war, an diesem Wett­be­werb teil­zu­nehmen, son­dern auch den wei­teren Spit­zen­mann­schaften einer Liga, verlor der Uefa-Cup im Laufe der Jahre immer mehr an Bedeu­tung. Wäh­rend die Eli­te­klasse plötz­lich mit festen Spon­soren, eigenem Logo, eigenem Ball und sogar einer Hymne auf­war­tete, wurde die kleine Schwester“ immer weiter in die Ecke gedrängt. Selbst die Zusam­men­füh­rung mit dem Pokal-der-Pokal­sieger-Wett­be­werb konnte dem Pati­enten kein neues Leben mehr einhauchen. 

Als letzte Wie­der­be­le­bungs­maß­nahme star­tete die Uefa im Jahr 2009 des­halb eine Art Relaunch der grauen Maus und ver­suchte sich an einer Mini-Aus­gabe der Könisgs­klasse. Dem­zu­folge wurde der Modus ange­gli­chen, der Name kur­zer­hand in Europa League umge­tauft und sämt­liche Wie­der­erken­nungs­merk­male wie Logo, Ball und Hymne wurden schließ­lich auch für diesen Wett­be­werb ent­worfen. Zudem sollten die Dritt­plat­zierten der Cham­pions-League-Grup­pen­phase ab dem Sech­zehn­tel­fi­nale für etwas mehr euro­päi­schen Gla­mour sorgen.

Die Hartz-Vier-Cham­pions-League

Nichts­des­to­trotz verrät allein der Blick auf die Preis­gelder in beiden Wett­be­werben so man­ches über den heu­tigen Stel­len­wert der beiden Wett­be­werbe. Ver­spricht die bloße Teil­nahme an der Cham­pions-League-Grup­pen­phase bereits ein Antritts­geld von 8,6 Mil­lionen Euro, hono­riert die Uefa die Europa- League-Teil­nahme mit ledig­lich 1,3 Mil­lionen Euro. Noch deut­li­cher wird der Graben im Hin­blick auf die Ein­nahmen der jewei­ligen Gewinner. So darf der Sieger der euro­päi­schen Elite-Liga bes­ten­falls umge­rechnet 60 Mil­lionen Euro sein Eigen nennen, wohin­gegen sich der Euro­pa­pokal-Sieger mit knapp 10 Mil­lionen Euro begnügen muss – immerhin 1,4 Mil­lionen mehr als Champions-League-Teilnehmer. 

Doch diese Zahlen offen­baren nicht nur das Dilemma der Europa League, son­dern auch das vieler euro­päi­scher Teams. Denn wer sich dau­er­haft auf der ganz großen euro­päi­schen Bühne prä­sen­tieren möchte und dort bestehen will, ist auf ent­spre­chendes Per­sonal und somit auch auf die hor­renden Ein­nahmen aus der Cham­pions League ange­wiesen. Eine Pro­ble­matik, die in jün­gerer Ver­gan­gen­heit bereits so man­chen Spit­zen­klub ins finan­zi­elle Wanken gebracht hat. Bestes Bei­spiel ist aktuell der FC Liver­pool. Trotz eines inter­na­tio­nalen Star­ensem­bles ver­passten die Reds in den letzten drei Spiel­zeiten die Qua­li­fi­ka­tion. Ein Sze­nario, was dort wohl nie­mand so richtig für mög­lich hielt. Auf­grund der feh­lenden Ein­nahmen aus der Königs­klasse sollen sich die Schulden des eng­li­schen Tra­di­ti­ons­ver­eins inzwi­schen auf über 100 Mil­lionen Euro beziffern.

Die man­gelnde Beliebt­heit allein auf den feh­lenden finan­zi­ellen Anreiz zu schieben, wäre jedoch zu ober­fläch­lich gedacht. Denn ein wei­teres großes Pro­blem beruht auf der Ter­mi­nie­rung der Spiel­tage. Um die Cham­pions League noch exklu­siver ver­markten zu können und Kan­ni­ba­li­sie­rungs­ef­fekte zu ver­meiden, ent­schloss sich die Uefa, die beiden Wett­be­werbe nicht mehr par­allel laufen zu lassen. Für den Euro­pa­pokal bleibt seitdem nur noch der Don­nerstag, an dem sich der fuß­ball­in­ter­es­sierte Zuschauer meist eine kleine Pause zwi­schen Cham­pions League und Liga­be­trieb gönnt.

Ins­be­son­dere für deut­sche Ver­eine ein denkbar ungüns­tiger Zeit­punkt. Mit vier deut­schen Teil­neh­mern war es näm­lich auf­grund der Fern­seh­rechte in dieser Spiel­zeit nicht zu ver­meiden, dass min­des­tens eine Mann­schaft bereits am Samstag wieder in der Bun­des­liga antreten musste. Ein Umstand der dazu führt, dass deut­sche Mann­schaften im euro­päi­schen Wett­bieten oft nur ihren zweiten Anzug ins Rennen schi­cken. Glei­ches gilt für das pro­mi­nente Teil­neh­mer­feld um Ver­eine wie Inter Mai­land, die in der Cham­pions League wohl in anderer per­so­neller Beset­zung um die inter­na­tio­nale Krone kämpfen würden.

Die Sta­dien bleiben leer

Hinzu kommen höchst unat­trak­tive Anstoß­zeiten um 19:00 Uhr und 21:05 Uhr, die eine Anreise für Fans von außer­halb mehr als schwierig gestalten. Wird dann ein Spiel der jewei­ligen Lieb­lings­mann­schaft auch noch im Free TV live über­tragen, fällt so man­chem Unent­schlos­senen gerade zur Win­ter­zeit die Ent­schei­dung leicht. Zwar sorgte vor allem Borussia Mön­chen­glad­bachs Rück­kehr aufs inter­na­tio­nale Par­kett für einen großen Zuspruch bei den Fans und Fern­seh­schauern, doch die Begleit­um­stände ver­ne­beln ein wenig den Blick auf die Rea­lität. Denn sowohl die 16-jäh­rige euro­päi­sche Absti­nenz als auch attrak­tive Grup­pen­gegner wie Olym­pique Mar­seille und Fener­bahce Instanbul machten es mög­lich, dass die Fohlen-Elf nach der Grup­pen­phase die Zuschau­er­ta­belle der gesamten Europa League anführte. 

Wäh­rend es die Glad­ba­cher in ihren Heim­spielen auf einen Schnitt von knapp 45.000 Zuschauern brachten, wollten in Stutt­gart und Lever­kusen ledig­lich 16.000 bezie­hungs­weise 18.000 Zuschauer Gegner wie Meta­list Charkiw, Molde FK oder Steaua Buka­rest sehen. Sogar in Han­nover, wo man im letzten Jahr noch die Euro­pa­pokal-Teil­nahme zele­brierte, waren die Zuschau­er­zahlen rückläufig.

Als ein wei­terer Indi­kator für die bestehenden Pro­bleme dienen auch die Gast­piele von Borussia Mön­chen­glad­bach in Mar­seille und Rom. So beein­dru­ckend die num­me­ri­sche Unter­stüt­zung der mit­ge­reisten Fans erschien, so gna­denlos offen­barte sie auch die geringe Wert­schät­zung des Wett­be­werbs bei den aus­län­di­schen Top-Ver­einen. Denn bei den Anhän­gern von Olym­pique Mar­seille und Lazio Rom konnten sich gerade einmal genauso viele Fans zu den Heim­spielen ein­finden, wie auf Seiten der Gastmannschaft. 

Ein Blick auf das ver­blie­bene Tableau der Ach­tel­fi­na­listen vermag der­zeit zumin­dest den Vor­stel­lungen der Uefa-Funk­tio­näre gerecht zu werden. Mit Chelsea, Tot­tenham, Inter, Lazio und Befinca hat das Ach­tel­fi­nale durchaus Cham­pions-League-Niveau. Den­noch sind es gerade Auf­tritte wie die des SSC Nea­pels im Sech­zehn­tel­fi­nale, die dem Zuschauer und Fan die Illu­sionen von einem span­nenden und hoch­klas­sigen Wett­be­werb genommen haben. Die Mann­schaft um Stars wie Edison Cavani schei­terte bla­mabel in zwei Spielen gegen den tsche­chi­schen Underdog Vik­toria Pilsen mit null zu fünf Toren. 

Bereits in den Jahren zuvor waren derart wun­der­same Außen­sei­ter­er­folge zu bewun­dern und ließen die Europa League als eine Hülle ohne Inhalt erscheinen. Ein erneutes Favo­ri­ten­sterben, bei einem derart hoch­wer­tigen Teil­neh­mer­feld, dürfte dem Wett­be­werb in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung jeden­falls den end­gül­tigen Todes­stoß versetzen.