Es ist eine der Grund­re­geln des pro­fes­sio­nellen Liga­be­triebs, ja viel­leicht des Sports über­haupt, dass sich Phasen des Erfolgs mit Phasen des Miss­erfolgs abwech­seln. Selten kann man genau datieren, wann ein Auf­schwung zu Ende ist und der Abschwung beginnt oder anders­herum. Im Falle der TSG Hof­fen­heim kann man dies aller­dings schon. Am 14. Januar 2009 riss im Test­spiel gegen den Ham­burger SV das vor­dere Kreuz­band im rechten Knie von Stürmer Vedad Ibi­sevic. Ibi­sevic hatte zuvor in 17 Spielen 18 Tore geschossen und damit maß­geb­li­chen Anteil an der sen­sa­tio­nellen Hin­runde des Auf­stei­gers, die in der Herbst­meis­ter­schaft gip­felte. Sein Aus­fall sei ein herber Rück­schlag“, gab sich Mit­spieler Tobias Weis wie viele seiner Kol­legen geschockt, und schob die zarte Hoff­nung hin­terher: Viel­leicht schweißt uns das noch mehr zusammen.“

Damals, in der Win­ter­pause der Saison 2008/09 war Hof­fen­heim der hei­ßeste Scheiß der Bun­des­liga. Mit scheinbar inno­va­tiven Methoden und Fach­leuten auf allen Ebenen war der groß­zügig von Mäzen Dietmar Hopp ali­men­tierte Dorf­verein in die Bun­des­liga gestürmt und zog den Liga­be­trieb einmal auf links. Fern­seh­teams kamen aus der ganzen Welt, neu­trale Beob­achter waren ent­zückt, Fuß­ball­tra­di­tio­na­listen ent­setzt. Eine Revo­lu­tion am Reiß­brett? Eher ein Sturm im Was­ser­glas, wie sich schnell zeigte. Für den ver­letzten Ibi­sevic wurde Bou­bacar Sanogo ver­pflichtet, der nie die Leis­tungs­ebene seines Vor­gän­gers erreichte, der Klub ver­geigte die Rück­runde und sackte auf den siebten Platz ab. Schlechter hatte noch nie ein Herbst­meister die Saison beendet.

Eine Revo­lu­tion am Reiß­brett? Eher ein Sturm im Was­ser­glas

Seither geht es abwärts mit der TSG. In den fol­genden drei Spiel­zeiten wurde Hof­fen­heim jeweils Elfter, der­zeit steht man auf einem äußerst wacke­ligen 16. Platz – mit statt­li­chen zehn Punkten Rück­stand auf das ret­tende Ufer. Ver­liert man am Samstag in Augs­burg, was nicht unwahr­schein­lich erscheint, rutscht der Klub auf einen Abstiegs­platz ab. Kame­ra­teams aus der ganzen Welt zieht man schon lange nicht mehr an. Den Spott der zahl­rei­chen Kri­tiker des Modells Hof­fen­heim“ schon. Auf dem Weg vom hippen Über­ra­schungs­team hin zum grau­mäu­sigen Abstiegs­kan­di­daten ist einiges schief gelaufen. Und auch das nicht ohne Selbst­ver­schulden. In regel­mä­ßigen Abständen sorgen die Kraich­gauer für Kopf­schüt­teln, das Gebaren ist teil­weise zum Haare raufen. Aber was ist eigent­lich pas­siert, seit dem Sommer 2008? Die Ant­wort: zu viel.

Vor allem am Erbe Ralf Rang­nicks scheint der Verein noch immer zu kranken. Die Ära Rang­nick endete Knall auf Fall, als Hopp Leis­tungs­träger Luiz Gus­tavo hinter dem Rücken des Trai­ners nach Mün­chen ver­kaufte. Ein Affront gegen­über Rang­nick und ganz nebenher eine von vielen äußerst fle­xi­blen Aus­le­gungen der 50+1‑Regel sei­tens Dietmar Hopp. 

Nach Rang­nick, der den Dorf­verein in die Bun­des­liga geführt hatte, mutierte der Hof­fen­heimer Trai­ner­stuhl zum Schleu­der­sitz. Marco Pez­zai­uoli, Holger Sta­nis­lawski und Markus Babbel und Inte­rims­coach Frank Kramer mussten den Platz räumen. Die Trainer saßen auch des­halb so unsi­cher auf der Bank, weil eine kon­zep­tio­nelle Aus­rich­tung des Ver­eins schlicht nicht vor­handen ist. Vom viel­be­schwo­renen Aus­bilden junger, hoch­ta­len­tierter Spieler, das man sich einst auf die Fahnen geschrieben hatte, ist nicht viel übrig geblieben. Den Sprung von den durchaus erfolg­rei­chen Jugend­mann­schaften zu den Profis schaffte bisher kaum jemand.

Schnell hoch­ziehen, schnell fallenlassen

Dass sich junge Spieler nicht ent­wi­ckeln, wenn sie in jeder Sommer- und Win­ter­pause neue Star­ein­käufe vor die Nase gesetzt bekommen, ist außer­halb Hof­fen­heims wohl jedem klar. Hoch­ta­len­tierte Kicker wie Marco Ter­ra­zino, Manuel Gulde oder Pascal Groß wurden schell zu den Profis hoch­ge­zogen und noch schneller fallen gelassen. Ernst Tanner wurde von 1860 Mün­chen als Manager ver­pflichtet, um genau diesen Umstand zu ändern, mit Trans­fers von Spie­lern wie Ryan Babel oder Edson Braaf­heid bewirkte man genau das Gegenteil. 

Ins­ge­samt 350 Mil­lionen Euro hat Dietmar Hopp seit 1989 in den Verein gepumpt, 120 Mil­lionen davon in den Spie­ler­kader. Dass die Manager Schin­del­meiser, Tanner, Babbel und nun Müller Trans­fers tätigten, die man bei anderen Bun­des­li­gisten wohl nur schwer vor dem Auf­sichtsrat recht­fer­tigen könnte, ist ein Geburts­fehler des Sys­tems Hof­fen­heim. Will man im Kraichgau mitt­lere Mil­lio­nen­be­träge für Spieler wie Mai­co­suel, Zuc­cu­lini, Prince Tagoe, Wel­lington, Babel usw. aus­geben, bekommt man das Geld eben auch. Selbst wenn die Gegen­werte regel­mäßig ausbleiben.

Kon­zept? Fehl­an­zeige

Die Kon­zept­lo­sig­keit auf dem Trans­fer­markt stellt auch die Trainer vor große Pro­bleme. Dem fach­lich guten, ansonsten eher farblos daher­kom­menden Marco Pez­zai­uoli gelang es nicht, aus der Viel­zahl an Ein­zel­kön­nern eine Mann­schaft zu formen. Holger Sta­nis­lawski trat mit der Auf­ga­ben­stel­lung an, ver­stärkt junge Talente ein­zu­binden, wurde dann aber ent­lassen, als der Verein mit einer jungen Mann­schaft auf einem dem Leis­tungs­ver­mögen ent­spre­chenden achten Platz in der Tabelle stand. Unter Nach­folger Babbel durfte plötz­lich wieder geshoppt werden, der Erfolg blieb trotzdem aus.

Mal sollen Talente geför­dert werden, dann soll sich der Verein finan­ziell selber tragen, plötz­lich heißt das Ziel wieder inter­na­tio­nales Geschäft und es wird inves­tiert. Manager Müller kehrte im Winter hastig die Scherben zusammen und gab fast elf Mil­lionen Euro für neue Spieler aus, wobei man ein nach­voll­zieh­bares System dahinter wei­terhin ver­misste. Trainer Marco Kurz darf sich nun daran ver­su­chen, einem will­kür­lich zusam­men­ge­stellten Team so etwas wie Mann­schafts­geist ein­zu­hau­chen, auf dass der Klas­sen­er­halt doch noch gelingen möge. Tobias Weis eins­tige Hoff­nung vom zusam­men­ge­schweißten Team wirkt der­weil wie aus einer anderen Zeit.

Neben der Kopf­lo­sig­keit auf Füh­rungs­ebene, der feh­lenden Kon­stanz auf der Trai­ner­po­si­tion und der zusam­men­ge­wür­felten Mann­schaft, die eher neben- als mit­ein­ander auf dem Platz steht, ist vor allem die Außen­dar­stel­lung der Hof­fen­heimer desas­trös. Lange mischte sich Mäzen Hopp über sämt­liche Medi­en­ka­näle in das Tages­ge­schäft ein und krit­telte so zum Bei­spiel Holger Sta­nis­lawski aus dem Amt, bei dem er keine klare Linie“ erkennen konnte. Auch Edel-Fan Fran­ziska van Alm­sick, Hopp-Ver­traute und nicht eben als Fuß­ball-Fach­frau bekannt, durfte ordent­lich gegen den Trainer schießen. Mitt­ler­weile hält sich Hopp zurück und er tut gut daran. 

Unver­gessen ist auch die Schall-Affäre“. Schmäh­ge­sänge der gas­tie­renden Dort­munder Fans wurden mit einer Art Schall­ka­none über­tönt, in der Auf­klä­rung der Affäre machte die TSG eine, gelinde gesagt, unglück­liche Figur. Hopp gab sich zunächst ein­ge­schnappt, schließ­lich bekannte sich ein Mit­ar­beiter der Hof­fen­heimer dazu, die Schall­ka­none auf­ge­stellt zu haben, weil er die Anti-Hopp-Gesänge nicht mehr ertragen konnte.

Das ist eigent­lich das Grundübel“

Bereits im Früh­jahr 2011 sorgte ein Scout der TSG für einen Eklat, als Hertha BSC ihn des Grund­stü­ckes ver­wies. Der Scout des für agres­sives Abwerben junger Talente bekannten Klubs soll sich dane­ben­be­nommen und die Hertha übel beschimpft haben. Vor Kurzem erst las man in der Presse von einer Art Unter­wan­de­rung des Ver­eins durch den Spie­ler­be­rater Roger Wittman. Tat­säch­lich berät Witt­mans Agentur Rogon“ sechs Spieler der TSG, ähn­lich üppig war bereits der Anteil an Rogon-Kli­enten im Schalker Kader, als der dor­tige Manager noch Andreas Müller hieß. Ex-Manager Ernst Tanner trat nach seiner Demis­sion nach: Die Arbeit in Hof­fen­heim sei schwierig, wenn man ständig von Kräften aus dem Hin­ter­grund, vor­nehm­lich Berater, die ihre eigenen Inter­essen ver­treten und nicht die des Clubs, Knüppel zwi­schen die Beine geworfen kriegt. Das ist eigent­lich das Grund­übel in Hoffenheim.“ 

Funk­tio­niert so Rückendeckung?

Zuletzt zeigte der Umgang mit Tim Wiese, wie unbe­darft und fast naiv die Außen­dar­stel­lung der Hof­fen­heimer ist. Im Sommer mit viel Tamtam aber ohne sport­liche Not ver­pflichtet, litt Wiese von Beginn an unter der kata­stro­phalen Abwehr­leis­tung seiner Mann­schaft. Als er sich ver­letzte, erklärte Trainer Babbel, Wiese hätte ohnehin nicht gespielt und demon­tierte den Keeper so öffent­lich. Dem seither anhal­tenden Hick­hack um den ehe­ma­ligen Natio­nal­spieler setzte die TSG unlängst ein Ende, als mit Heu­relio Gomes ein neuer Tor­wart geholt und Wiese von Trainer Kurz zur Nummer Drei degra­diert, kurz­zeitig sogar aus dem Trai­nings­be­trieb genommen wurde. Zum Schutz, wie es hieß. Aber funk­tio­niert so Rückendeckung? 

Am Samstag also kommt es zu einer Art End­spiel gegen Augs­burg. Gegen einen Gegner, der nur einen Bruch­teil der finan­zi­ellen Mittel der TSG zur Ver­fü­gung hat. Bei dem aber in Ruhe gear­beitet wird, ohne dass sich allent­halben ein neues Stör­feuer ent­zündet. Im Falle eines Abstiegs, ließ Gönner Hopp unlängst wissen, werde er seine Akti­vi­täten kei­nes­falls ein­stellen. Wer weiß, was in Hof­fen­heim ent­standen ist, kann gar nicht auf eine solch abstruse Idee kommen“, sagte er zu einem etwaigen Rückzug. Aber was ist denn eigent­lich in Hof­fen­heim entstanden? 

Dort­munds Prä­si­dent Hans-Joa­chim Watzke sagte vor wenigen Tagen auf dem Spobis Sport­kon­gress“, die Bun­des­liga braucht Hof­fen­heim nicht“. Er klang dabei so bei­läufig und selbst­ver­ständ­lich, als kom­men­tierte er das Wetter.