Vahid Hash­emian, vor wenigen Monaten haben Sie noch für Per­se­polis Teheran gespielt. Nun sind Sie in der Ober­liga Ham­burg gelandet. Eine harte Lan­dung?
Wenn Sie die Zuschau­er­zahlen betrachten, ist es natür­lich etwas anderes. Ins Azadi (Sta­dion von Per­se­polis, d. Red.) passen 90.000 Zuschauer, bei Spielen von Hals­tenbek-Rel­lingen kann ich das Publikum abzählen. Mal kommen 100, mal 150 Fans. Ich habe aber über­haupt kein Pro­blem damit. Ich wollte das so.
 
Wieso?
Weil ich Trainer werden möchte und denke, dass man bei klei­neren Ver­einen eine Menge lernen kann.
 
Wie sind Sie über­haupt beim schleswig-hol­stei­ni­schen Klub SV Hals­tenbek-Rel­lingen gelandet?
Ich kehrte Ende Juli 2012 nach Ham­burg zurück, um als Trainer zu arbeiten. Doch alle Klubs hatten ihre Per­so­nal­pla­nungen bereits abge­schlossen. Bei einem Spiel der HSV-Alt­liga lernte ich dann den ehe­ma­ligen Bun­des­li­ga­profi und heu­tigen Trainer von Hals­tenbek-Rel­lingen Thomas Blie­meister kennen. Er bot mir an, dass ich ab Herbst 2012 bei Hals­tenbek-Rel­lingen gleich­be­rech­tigt an seiner Seite Trainer sein könnte.
 
Sie haben früher gegen Mann­schaften wie Juventus Turin, Fener­bahce oder Ajax Ams­terdam gespielt. Heute heißen die Gegner TSV Buch­holz 08 oder SC Vier- und Marsch­lande. Wie stark mussten Sie sich umstellen?
Ich blicke gerne auf meine Kar­riere und die großen Spiele zurück. Doch als Trainer muss man lern­willig sein. Und dazu gehört auch der Blick für das ver­meint­lich Kleine. Und ich ver­si­chere Ihnen: Das Niveau der Ober­liga Ham­burg ist gut.
 
Sie haben eine inter­es­sante Mann­schaft. Wie kam es zum Come­back des 48-jäh­rigen Claus Reit­maier?
Unsere Stamm­tor­hüter hatten sich ver­letzt, also sprang Claus Reit­maier ein. Er ist ein erfah­rener Keeper, immer als erster in der Kabine, ein Vor­zei­ge­fuß­baller. Er hat etliche Eins-zu-eins-Situa­tionen mit Bra­vour gemeis­tert und uns einige Punkte gerettet. Sein Sohn trai­niert übri­gens auch bei uns.
 
Wie auch der Sohn von Rodolfo Car­doso.
Pablo Esteban Car­doso ist tech­nisch ver­siert wie sein Vater. Leider war er län­gere Zeit ver­letzt und ist noch nicht richtig fit. Aber ich bin mir sicher: Er wird uns noch helfen!
 
Sie klingen sehr ent­spannt.
Bin ich auch. Alles ist gut hier. Ich fühle mich sehr hei­misch.
 
Nachdem Sie 1999 von Pas Teheran zum HSV gewech­selt waren, plagte Sie oft das Heimweh. 
Das war eine andere Zeit. Ich kam damals als junger Spieler alleine in ein fremdes Land. Ich ver­stand die Sprache nicht, die Kultur war mir neu und ich war alleine, meine Familie und meine Freunde waren im Iran geblieben. Außerdem lief es sport­lich auch nicht gerade gut. Ich war nur Ersatz­spieler. Heute ist die Situa­tion anders, ich habe hier viele Freunde und kenne auch viele Iraner, die in Ham­burg leben.
 
Sind Sie als Trainer eigent­lich genauso höf­lich wie als Fuß­baller?
Natür­lich. Ich habe Respekt vor dem Men­schen, nicht vor Fähig­keiten oder Technik. Aber glauben Sie mir: Wenn mir Dinge nicht gefallen, kann ich sie trotzdem kri­ti­sieren.
 
Sie haben mal gesagt, dass man mit Höf­lich­keit im Fuß­ball nicht immer wei­ter­kommt.
Viele Trainer wün­schen sich Spieler mit Ellen­bogen, das stimmt. Doch ich hatte auch mit meiner Art eine gute Kar­riere.
 
Haben Sie ein Vor­bild?
Ich habe von jedem Trainer ein paar Dinge mit­ge­nommen. Von Peter Neururer, Frank Pagels­dorf oder Felix Magath. Ich will aber nicht ver­su­chen, einen Trainer zu kopieren.
 
Was haben Sie von Felix Magath gelernt?
Dass das Trai­ning hart war, muss ich Ihnen ver­mut­lich nicht erzählen. Doch es hatte auch seine posi­tiven Seiten: Magath hat es tat­säch­lich geschafft, die Spieler besser zu machen.
 
Wie?
Jeder Sportler hat ja für gewöhn­lich eine Grenze, zumin­dest nimmt er an, dass es eine Grenze gibt, die er nicht über­winden kann. Magath hat es durch sein Trai­ning und seine Anspra­chen geschafft, diese Bar­riere im Kopf der Spieler ein­zu­reißen.
 
Haben Sie noch Kon­takt zu Peter Neururer?
Län­gere Zeit nicht. Doch am 21. Juli, an meinem Geburtstag, klin­gelte mein Handy. Auf dem Dis­play stand sein Name. Ich dachte, es ist sicher­lich sein Sohn, denn Peter Neururer war ja gerade erst aus dem Koma auf­ge­wacht (Neururer erlitt am 9. Juni 2012 erlitt einen Herz­in­farkt und war für meh­rere Tage im künst­li­chen Koma, d. Red.). Doch als ich abnahm, mel­dete er sich: Peter. Es war das schönste Geburts­tags­ge­schenk. Und das sage ich nicht nur so.
 
Weil er sich noch an Sie erin­nert?
Der Pro­fi­fuß­ball ist geprägt von Zweck­ge­mein­schaften. Die Spieler und Trainer brau­chen sich für eine gewisse Zeit, doch wenn einer den Verein wech­selt, wird er für gewöhn­lich unin­ter­es­sant für den Trainer. Ich finde es daher groß­artig, dass jemand wie Peter Neururer auch heute noch an mich denkt.
 
Sie haben beim VfL Bochum die beste Zeit Ihrer Kar­riere gehabt. Was hat Peter Neururer besser gemacht als andere Trainer?
Er hat mir Ver­trauen gegeben.
 
So ein­fach?
Als ich 2001 zum VfL Bochum kam, war ich zunächst nur Ersatz und kam häufig als Joker ins Spiel. Eines Tages schlug ich dann die Zei­tung auf und las dort ein Inter­view mit Peter Neururer. Dort stand: Vahid ist stark, nur leider weiß er manchmal nicht, wie stark er wirk­lich ist.“ Ich erin­nere mich noch, wie ich diese Zeile wieder und wieder gelesen habe und dachte: Mensch, der Trainer setzt auf dich! Es hat mir wahn­sin­niges Selbst­ver­trauen gegeben. Ich habe mich danach in die erste Mann­schaft gespielt und für den VfL Bochum in der letzten Saison 16 Tore gemacht.

Sie gingen anschlie­ßend zum FC Bayern. Bereuen Sie den Schritt heute?
Ich muss Ihnen dazu eine kleine Geschichte erzählen. Darf ich?
 
Gerne.
Als ich 1999 in Ham­burg ankam, fragte mich ein Jour­na­list bei meinem ersten Inter­view, wel­chen deut­schen Verein ich früher beson­ders toll fand. Ich ant­wor­tete wahr­heits­gemäß: Bayern Mün­chen. Er guckte mich mit großen Augen an, dann sagte er: Aber Sie wissen, dass Sie nun für den HSV spielen?“ Natür­lich wusste ich das, aber warum hätte ich lügen sollen.
 
2004 ging mit dem Wechsel nach Mün­chen also ein Traum in Erfül­lung?
So war es. Ich bekam in meinem Jahr einige Chancen, doch ich habe sie leider nicht genutzt. Die Kon­kur­renz war mit Roy Makaay, Claudio Pizarro, Paolo Guer­rero und Roque Santa-Cruz auch sehr hoch. Zumal wir meis­tens nur mit einem Stürmer gespielt haben. 
 
Sie wären in jener Saison bei­nahe der erste mus­li­mi­sche Iraner gewesen, der seit der isla­mi­schen Revo­lu­tion von 1979 nach Israel gereist wäre. Sie sagten das Spiel bei Tel Aviv dann aber wegen einer Ver­let­zung ab. Waren Sie wirk­lich ver­letzt?
Ganz sicher! Ich habe mich meine ganze Kar­riere mit Rücken­pro­blemen her­um­ge­plagt. Schon 2002 hatte mir ein Arzt gesagt, dass ich besser auf­hören sollte Fuß­ball zu spielen. Ich war so häufig beim Arzt, lief so oft mit Spritzen auf. Ich wollte ja eigent­lich auch noch zwei Jahre bei Per­se­polis spielen, aber die Rücken­schmerzen kamen zurück – also been­dete ich meine Kar­riere.
 
Herr Hash­emian, haben Sie ein Ziel?
Ich träume davon, einmal einen meiner Ex-Klubs zu trai­nieren. Den VfL Bochum, den HSV, Han­nover 96…
 
Beim FC Bayern sind die Per­so­nal­pla­nungen abge­schlossen.
(lacht) Stimmt. Aber mein Lebens­motto lautet: Du sollst einen großen Traum haben – und alles dafür geben!