Lothar Mat­thäus hat wie immer viel zu tun. Ges­tern noch irgendwo zwi­schen Bra­si­lien und Ser­bien, heute in einem edlen Hotel im Herzen von Mün­chen. In wenigen Tagen erscheint seine Bio­grafie Ganz oder gar nicht“, des­halb muss er heute den ganzen Tag lang Inter­views geben. Eine Gesprächs­ma­ra­thon, ein Lothar-Mat­thäus-Stell­dichein am lau­fenden Band. Der Besu­cher aus Berlin stellt sich auf eine lange War­te­zeit ein, schließ­lich hat er sich beim letzten Treffen in zwei­stün­diger Geduld üben müssen. Doch pünkt­lich zum ver­ab­re­deten Termin öffnet sich die rie­sige Tür eines rie­sigen Kon­fe­renz­zim­mers. Lothar Mat­thäus ver­ab­schiedet sich höf­lich von einem Mann, der den Rie­sen­fuß­baller von einst für ein Uhren­ma­gazin inter­viewt hat. Ein Uhren­ma­gazin. Und jetzt 11FREUNDE. Der Nächste, bitte.

Okay, der Ein­stiegsgag war scheiße

Der erste Ein­druck: Lothar Mat­thäus findet seinen neuen Gesprächs­partner viel zu jung. Der zweite Ein­druck: das stimmt, gleich mehr­fach wird der inzwi­schen 51-Jäh­rige im Inter­view auf den Alters­un­ter­schied hin­weisen. Viel­leicht kann ein kleiner Ein­stiegsgag die dünne Eis­schicht bre­chen, die die Sache mit dem Alter offenbar hat gefrieren lassen. Der Gag kommt nicht an, Lothar Mat­thäus ver­steht ihn nicht. Dafür kann man ihm keinen Vor­wurf machen, auch der zunächst leicht gekränkte Besu­cher wird spä­tes­tens nach dem Inter­view zugeben müssen: Der Ein­stiegsgag war scheiße. Die ersten Fragen, die ersten Ant­worten, das Eis schmilzt, der Gag ist ver­gessen, bald auch das Alter. Das Inter­view beginnt.

Es soll um Vor­bilder gehen. Um Rollen, die ein zu aktiven Zeiten so großer Sportler wie Lothar Mat­thäus spielen musste, spielen durfte, spielen wollte. Doch Lothar Mat­thäus ver­spürt ganz offen­sicht­lich das große Bedürfnis, mit dem Jour­na­listen über die unge­rechte Behand­lung seiner Person durch Jour­na­listen zu spre­chen. So ent­fernt die Frage dem Thema Wie die Medien den guten Ruf von Lothar Mat­thäus zer­stört haben“ auch sein mag, in zum Teil langen Ant­worten kommt der zwei­fache Welt­fuß­baller immer wieder darauf zu spre­chen. Es muss ihn wirk­lich wurmen, dieses Loddar“-Image.

Dass er, der früher Welt­meister wurde, und heute der breiten Öffent­lich­keit vor allem durch junge Lebens­part­ne­rinnen und diverse mediale Griffe ins Klo bekannt ist, nicht ganz unschuldig am eigenen Image ist, weiß Lothar Mat­thäus auch. Hof­fent­lich. Nur zöger­lich gesteht er eigene Fehler ein, viel häu­figer wirkt er trotzig, sar­kas­tisch, aggressiv. Undank ist der Welten Lohn! Könnte er jetzt laut brüllen in diesem rie­sigen Kon­fe­renz­zimmer, es würde passen. Macht er aber nicht. Wie das Inter­view, so auch seine Bio­grafie: Keine Abrech­nung mit sich selbst, eher ein Mosern mit dem Rest der Welt. Und dabei immer das Gefühl, dass unter dem Schnell­koch­topf-Deckel der geschrie­benen und gesagten Worte die wahren Emo­tionen klein gehalten werden. Ganz klar: Lothar Mat­thäus, der Welt­fuß­baller, der Welt­sportler, der Welt­meister, der Welt­re­kordler, der deut­sche Sport­gi­gant, fühlt sich nicht nur unge­recht behan­delt. Er fühlt sich verarscht.

Das Inter­view als Kampf, Leben als Kampf. Mat­thäus, der ewige Zweikämpfer

Die nächste Frage: Ob er, der Ver­arschte, sich nicht häufig nach einer ein­samen Insel sehnen würde? Nein, wieso? Das Leben als Kampf. Das Inter­view als Kampf. Viel­leicht ist Lothar Mat­thäus genau das: Der ewige Zwei­kämpfer. Früher auf dem Rasen, heute in der Öffent­lich­keit. Immer dazu bereit, die Kon­fron­ta­tion zu suchen. Immer etwas zu emo­tional, um ein­fach so durch ein Fuß­ball­spiel, durchs Leben zu gleiten. Ein Fuß­ball­spiel dauert 90 Minuten und Lothar Mat­thäus war so gut, dass man ihm die Ver­feh­lungen auf dem Rasen nicht übel nehmen konnte. Das Leben kennt keinen Abpfiff, keine roten und gelben Karten, keinen nächsten Spieltag. Viel­leicht wartet Lothar Mat­thäus noch immer auf den Platz­ver­weis und die fäl­lige Sperre, die er dann ein­fach nur abzu­sitzen braucht, um wieder bei Null anzufangen. 

Als das Inter­view zu Ende ist, haut Lothar Mat­thäus noch einen Spruch über den Alters­un­ter­schied raus. Schon wieder? Nur ein kleiner Spaß! Diesmal hat der Besu­cher aus Berlin den Gag nicht ver­standen. Tschüss. Lothar grinst. Wieder einen Zwei­kampf gewonnen.