Horst Heldt, ein gelun­gener Start in die Bun­des­li­ga­saison und dann diese Woche der Aus­wärts­sieg in der Cham­pions League – darf man da auch als Sport­di­rektor ein biss­chen stolz auf seine Arbeit sein?
Viel­leicht passt das Wort Zufrie­den­heit, wobei zufrieden“ ja eigent­lich ein Unwort im Leis­tungs­sport ist. Sagen wir es so: Wir sind auf einem ganz guten Weg, müssen uns aber weiter ver­bes­sern. Es kann auch ganz schnell wieder in die andere Rich­tung gehen. Und dass es der­zeit ganz gut läuft, daran hat jeder im Verein seinen Anteil.

Das Team machte in den ersten Spielen der noch jungen Saison einen abge­klärten Ein­druck, lässt sich auch durch Gegen­treffer wie in Piräus nicht aus der Ruhe bringen.
Die Mann­schaft ist ein­ge­spielt und hat mit Raul nur einen ein­zigen Stamm­spieler ver­loren. Dazu kommt die Erfah­rung aus den Spielen in den inter­na­tio­nalen Wett­be­werben, in denen wir zum dritten Mal in Folge ver­treten sind und einmal sogar im Halb­fi­nale der Cham­pions League standen. Wir haben viele Spieler in unseren Reihen, die das alles erlebt haben. Man wird dadurch reifer, auch wenn man ein junger Spieler ist. Ein­sätze in der Natio­nal­mann­schaft tragen eben­falls dazu bei. Ich hoffe, dass wir diese Cool­ness gegen Bayern bei­be­halten können. Bayern – das ist der große Favorit, ein echtes Kaliber. Das hat man auch Mitt­woch wieder in der Cham­pions Legaue gesehen.

Spielt Schalke inzwi­schen ein biss­chen wie der FC Bayern, näm­lich abge­klärt?
Es ist ein biss­chen früh in der Saison, um schon so eine Ten­denz erkennen zu können. Man sagt ja: ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es unbe­dingt springen muss. Bis­lang ist es uns in der Tat immer gelungen, eins drauf zu legen, wenn es not­wendig war. Das ist aller­dings auch eine Fähig­keit, die man sich hart erar­beiten muss. Den­noch ist klar, dass wir mit einer Leis­tung wie gegen Augs­burg gegen Bayern nicht gewinnen werden.

Alle auf Schalke – die Mit­ar­beiter auf der Geschäfts­stelle und allen voran die Fans – lechzen nach einem Sieg gegen Bayern. Besteht ange­sichts der Emo­tionen nicht die Gefahr, die Abge­klärt­heit zugunsten der Über­mo­ti­va­tion zu ver­lieren?
Sicher, wenn wir über­pacen, kann das hin­der­lich sein. Es geht darum, die Balance zwi­schen Lei­den­schaft und Cool­ness zu finden. Man muss sehr kon­zen­triert, aber auch mutig sein, um die Bayern schlagen zu können.

Bei den beiden Nie­der­lagen der ver­gan­genen Saison gegen den FC Bayern Mün­chen fehlte dieser Mut.
Das stimmt. Von außen betrachtet, sah das so aus. Es ist wichtig, und das gilt ganz beson­ders für den Fuß­ball in unserer Region, dass man eine gewisse Men­ta­lität an den Tag legt, dass man sich wehrt. Das erwarten die Schalke-Fans ganz ein­fach von ihrer Mannschaft.

Gerald Asa­moah hat in einem Inter­view gesagt, im Gegen­satz zum frän­ki­schen Grund­pes­si­mismus würden auf Schalke nach drei gewonnen Spielen gleich alle nur noch von der Meis­ter­schaft spre­chen und träumen.
Das emp­findet Gerald viel­leicht so auf­grund seiner Erfah­rungen aus ver­gan­genen Schalker Tagen. Aber in den letzten zwei Jahren sind alle auf Schalke zur Rea­lität zurück­ge­kehrt. Wir wollen uns nicht kleiner machen, als wir sind, aber wir wollen auch nicht abheben. Das gilt nicht nur für die Ver­ant­wort­li­chen im Verein, son­dern auch für das Umfeld. Wir haben fach­kun­dige Fans , die die Situa­tion sehr gut ein­schätzen kann.

Hand aufs Herz, was wäre Ihnen als Sport­di­rektor lieber: fünfmal hin­ter­ein­ander als Zweiter, Dritter oder Vierter die Cham­pions League-Qua­li­fi­ka­tion zu schaffen oder statt­dessen einmal deut­scher Meister zu werden?
Eine gemeine Frage. (lacht) Mein Kom­pro­miss­vor­schlag: viermal Cham­pions League und einmal Deut­scher Meister. Klar, der Wunsch ist vor­handen, nach so langer Zeit (die Red.: der FC Schalke hat letzt­mals 1958 den natio­nalen Titel gewonnen) end­lich wieder diesen Titel zu holen , das ist doch auch normal. Aber wir werden diesen Wunsch nicht ver­kaufen, in dem Sinne, dass wir über unsere Ver­hält­nisse leben, um ihn zu erfüllen. Man braucht Wün­sche und Hoff­nungen. Und irgend­wann wird Schalke auch mal wieder Deut­scher Meister werden.

Sie haben unlängst Ihren Ver­trag ver­län­gert und dabei gesagt, dass der FC Schalke so ein toller und großer Verein sei, dass es für Sie in Deutsch­land keine Stei­ge­rung mehr gäbe.
Es passt ein­fach. Man wird ja immer wieder gefragt, wo man sich vor­stellen kann zu arbeiten. Ich bin in Nord­rhein-West­falen auf­ge­wachsen, habe hier meine Kar­riere als Profi begonnen. Meine Wur­zeln sind in NRW. Und was für die Arbeit als Sport­di­rektor wichtig ist: Ich finde zum jet­zigen Zeit­punkt auf Schalke alles vor, um den Verein sport­lich gut auf­stellen zu können. Dazu kommen die phan­tas­ti­sche Fan­kultur und das tolle Sta­dion. Die Zusam­men­ar­beit im Verein passt und auch dessen Aus­rich­tung stimmt mit meinen Vor­stel­lungen überein. Ich finde mich in diesem Verein wieder. Es sind die Vor­aus­set­zungen dafür geschaffen worden, dass das erklärte Ziel, näm­lich sich dau­er­haft auf den inter­na­tio­nalen Plätzen zu eta­blieren, erreichbar ist.

Heute schwärmen Sie von der Arbeit auf Schalke, dabei war der Start in Gel­sen­kir­chen im Sommer 2010 mehr als hol­perig. Der Allein­herr­schafts­an­spruch des dama­ligen Trai­ners Felix Magath machte Ihnen das Leben schwer.
Ich rede ungern über die Ver­gan­gen­heit. Aber es hat in der Tat nicht so funk­tio­niert, wie ich mir das vor­ge­stellt hatte. Das ist sehr bedau­er­lich, aber das Rad lässt sich nicht zurück­drehen. Die Gründe, warum es nicht funk­tio­niert hat, gehen nur die Betei­ligten etwas an. Auf jeden Fall hat es sich gelohnt durchzuhalten.

Was hat Sie dazu bewogen, trotz aller Wid­rig­keiten das Hand­tuch nicht gleich zu werfen?
Ich war schon zu meiner aktiven Zeit ein Spieler, der sich immer ganz beson­ders hat hin­ein­knien müssen, um seinen Platz zu behaupten. Viel­leicht hat mich das geprägt. Aber sicher wäre es kein Dau­er­zu­stand gewesen, so wie sich die Situa­tion bei Schalke damals darstellte.

Ein ehe­ma­liger Weg­ge­fährte von Magath, der nament­lich nicht genannt werden wollte, hat einem ZEIT-Jour­na­listen einmal gesagt: Der Weg zu Magath führt Schritt für Schritt in die Abhän­gig­keit und dann in die Demü­ti­gung.“ Ist da etwas Wahres dran?
Ich weiß nicht. Ich kann nur sagen, dass ich Felix Magath sehr viel zu ver­danken habe – auch als Spieler. Er war es, der mich nach Deutsch­land zurück­ge­holt hat, zu einer Zeit als mich dort nie­mand mehr auf dem Zettel stehen hatte. Und ich wäre ohne Felix Magath auch nicht Manager geworden.

Sie führen inzwi­schen Ver­hand­lungen mit den ganz Großen des inter­na­tio­nalen Fuß­balls. Wie sind Ihre Erfah­rungen aus den Gesprä­chen mit den Ver­ant­wort­li­chen vom FC Bar­ce­lona oder Real Madrid?
Der Umgang ist sehr pro­fes­sio­nell und respekt­voll. Ich habe nur gute Erfah­rungen gemacht. Das sind abso­lute Gen­tlemen, die einem zu keinem Zeit­punkt das Gefühl geben, man sei Ihnen in irgend­ei­ner­weise unter­legen. Man kann aus sol­chen Begeg­nungen immer etwas lernen, auch wenn man natür­lich seinen eigenen Stil finden muss. Ich habe auch ver­sucht, aus den Begeg­nungen mit Uli Hoeneß – meinem Vor­bild und meiner Mei­nung nach, dem besten deut­schen Manager – etwas mit­zu­nehmen, als ich ihn zu Beginn meiner Tätig­keit beim VfB Stutt­gart im Trai­nings­lager in Dubai traf.

Was hat Uli Hoeneß in Ihren Augen als Manager aus­ge­zeichnet?
Für ihn stand und steht der Verein über allem. Da ist kein Platz für per­sön­liche Eitel­keiten. Und Uli Hoeneß ver­liert die Mensch­lich­keit nie aus den Augen. Er steht für bestimmte Werte. Doch wenn er sich benach­tei­ligt fühlt oder wenn er seinen Verein in Gefahr sieht, ist mit ihm schlecht Kir­schen essen.

Macht Ihnen der Ver­trags­poker Spaß oder schließen Sie lieber schnelle, geräusch­lose Trans­fer­ge­schäfte ab?
Die Arbeit muss immer Spaß machen, sonst ist man fehl am Platz. Aber ich bin kein Freund von Gesprä­chen, die sich unnötig in die Länge ziehen.

Sind die Ver­hand­lungen mit Stars wie Raul oder Klaas-Jan Hun­telaar nicht beson­ders zäh?
Da gibt es keine großen Unter­schiede zu den Gesprä­chen mit anderen Spie­lern, selbst wenn sie gerade erst aus der A‑Jugend zu den Profis stoßen. Nur die Inhalte, sprich die Gehälter, bewegen sich eben in anderen Dimensionen.

Bereiten Ihnen schwie­rige Ver­hand­lungen schlaf­lose Nächte?
Die gibt es öfters. Es fällt schwer abzu­schalten. Am besten Hilft mir da die Familie.

Der aktu­elle Kader des FC Schalke 04 ist gut besetzt. Das kann auch zur Unzu­frie­den­heit führen, bei den­je­nigen Spie­lern, die sich in der Start­for­ma­tion sehen, aber vom Trainer auf die Bank gesetzt werden. Ist da manchmal der Sport­di­rektor als Ver­mittler gefor­dert?
Das gehört auch zu meiner Funk­tion, aber immer in enger Abstim­mung und Zusam­men­ar­beit mit dem Trai­ner­team. Dass ein­zelne Spieler unzu­frieden sind, kommt natür­lich vor und kann zu einem ernsten Pro­blem werden. Gene­rell geht es aber nicht darum, die Unzu­frie­den­heit bei­seite zu schieben. Spürt ein Spieler diese Unzu­frie­den­heit nicht, wenn er meh­rere Spiele hin­ter­ein­ander auf der Bank sitzt, ist ja auch etwas faul. Aber bei der Viel­zahl von Par­tien, die wir haben, braucht ein Trainer eben viele fitte Spieler. Es macht Sinn zu rotieren.

Wird der Spieler bereits bei der Ver­trags­ver­hand­lung auf solche Kon­stel­la­tionen hin­ge­wiesen?
Es ist immer wichtig in den Gesprä­chen die Wahr­heit zu sagen. Etwas kom­plett anderes zu ver­spre­chen, nur um die Unter­schrift zu bekommen, macht keinen Sinn. Aber ein Spieler, der zu einem Top­verein wech­selt, weiß, dass er auch mal auf der Bank sitzen wird. Schauen Sie sich den FC Bayern an, wer da beim Cham­pions League-Spiel am Mitt­woch alles zuschauen musste und in den Begeg­nungen zuvor sehr gut gespielt hat.