Michael Zorc, wie begann das mit Ihnen und Borussia Dort­mund?
Ich war BVB-Fan. Das ist doch jeder Junge, der in der Umge­bung groß wird. Mein erstes Spiel auf der Süd­tri­büne habe ich zu Zweit­li­ga­zeiten erlebt, das muss 1974 gewesen sein. Ich war zwölf Jahre alt. Meine Oma hatte mir einen Schal gestrickt und dann ging es über die Hohe Straße ab ins Sta­dion. Die Gegner waren nicht wie heute Arsenal London oder Man­chester United, son­dern hießen Barmbek-Uhlen­horst und Göt­tingen 05.

Sieben Jahre später, 1981, fei­erten Sie Ihr Bun­des­li­ga­debüt unter dem schwer alko­hol­kranken Trainer Branko Zebec.
Wir Spieler hatten von seinen Pro­blemen nur gehört, aber zum Ende der Saison wurde es dann leider auch sichtbar. Trotzdem war er ein her­vor­ra­gender Trainer. Heute würde man von einem harten Hund spre­chen. Gegen ihn ist Felix Magath eher ein gemä­ßigter Ver­treter der Zunft. Und auch wenn Zebec nur ein Jahr blieb: Unter ihm hat sich der Verein zum ersten Mal nach 16 Jahren wieder für einen euro­päi­schen Wett­be­werb qua­li­fi­zieren können.

Wie haben Sie Ihre eigene Ent­wick­lung vom Fan zum Profi erlebt?
Ich lebte meinen Traum. Im ersten Jahr war ich noch Schüler und machte am Hei­sen­berg-Gym­na­sium in Eving mein Abitur. Im zweiten Jahr hatte ich mich schon in der Mann­schaft eta­bliert, wenn auch auf ver­schie­denen Posi­tionen. Trotzdem war es am Anfang sehr schwierig, mit dem Klub die sport­li­chen Ziele zu erreichen.

Was meinen Sie kon­kret?
Trainer und Vor­stände wech­selten sehr häufig. Das war keine ein­fache Zeit, aber es war eben mein Klub. Zudem gab es Mitte der acht­ziger Jahre noch eine wirt­schaft­lich schwie­rige Phase, die in den Rele­ga­ti­ons­spielen gegen For­tuna Köln mün­dete. In diesen Par­tien hat man gemerkt, was für eine Bedeu­tung der Klub für die Stadt hat. Beim ent­schei­denden Spiel in Düs­sel­dorf waren 50.000 Leute, davon 45.000 aus Dort­mund. In dieser Zeit sind der Verein und das ganze Umfeld noch einmal deut­lich zusam­men­ge­rückt. Und mit dem DFB-Pokal­sieg 1989 wurde eine neue Ära eingeleitet.

Wie haben Sie diesen Titel­ge­winn emp­funden?
Das war damals der abso­lute Höhe­punkt meiner Kar­riere. Die ganze Region durs­tete nach sport­li­chen Erfolgen. Wer in Berlin dabei war, als die Stadt in schwarz-gelb getaucht wurde, der wird gespürt haben, welche Bedeu­tung dieses Spiel für die Leute hatte. Das hat eine rich­tige Dynamik in die Ent­wick­lung des Klubs gebracht. Es war wie ein Start­schuss. Danach haben wir per­ma­nent euro­pä­isch gespielt und die Mann­schaft immer weiter entwickelt.

Mit den Erfolgen wurden zuneh­mend teure Stars ein­ge­kauft.
Die Qua­lität der Mann­schaft ist deut­lich erhöht worden, letzt­lich hat uns das die Meis­ter­schaften 1995 und 1996 und auch die Cham­pions League 1997 ermög­licht. Wie wir heute wissen, musste dafür ein hoher Preis bezahlt werden – im wahrsten Sinne des Wortes. Aber rein sport­lich war es eine tolle Zeit, die ich mit­er­leben und als Kapitän auch mit­prägen durfte. Die Strahl­kraft, die der Klub heute hat, liegt in dieser Phase begründet.

Haben Sie zwi­schen­durch um Ihren Stamm­platz gebangt?
Der Kon­kur­renz­ge­danke war unter Ottmar Hitz­feld stark aus­ge­prägt. Es gab ein paar Jungs, die sagten: Je besser wir spielen, desto mehr sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen!“ Natür­lich ist aber nie­mand wirk­lich lang­samer gelaufen, damit nicht so viel Geld rein­kommt und wieder neu inves­tiert wird. Ich war letzt­lich einer der­je­nigen, die über­lebt haben. In diesem Zeit­raum hatte ich die beste Phase meiner Karriere.

So fei­erten Sie 1992 als 30-Jäh­riger Ihr Debüt in der A‑Nationalmannschaft.
Auf meiner Posi­tion im defen­siven Mit­tel­feld standen mit Lothar Mat­thäus und Guido Buch­wald zwei Welt­klas­se­leute vor mir. Die waren ein­fach besser. Daher war es schon über­ra­schend, dass ich zur DFB-Aus­wahl ein­ge­laden worden bin. Aber das ging mit dem guten Abschneiden der Borussia einher. Ich bin stolz auf meine sieben Län­der­spiele. Aber das ist natür­lich nichts im Ver­gleich zu dem, was zum Bei­spiel ein Mat­thäus geschafft hat.

Haben Sie eigent­lich jemals dar­über nach­ge­dacht, den BVB zu ver­lassen?
Ganz zum Ende, als ich im Spät­herbst meiner Kar­riere war. Es wurden immer weiter Stars ver­pflichtet, für meine Posi­tion kam 1996 Paulo Sousa. Ich hatte aber den Anspruch, immer zu wollen und war chro­nisch unzu­frieden, wenn ich auf der Bank saß. Dann kamen Anfragen vom Ham­burger SV und anderen Bundesligisten.

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe hin und her über­legt, mich aber letzt­lich doch für den BVB ent­schieden. Und dafür bin ich mit dem Sieg in der Cham­pions League und dem Welt­pokal 1997 belohnt worden.

Nach Ihrem Kar­rie­re­ende folgte unver­mit­telt der Schritt ins Manage­ment. Wie haben Sie den Wechsel erlebt?
Es war sehr schwierig, weil es ein direkter Über­gang ohne Vor­bil­dung war. Aber ich war froh und dankbar, dass man mir die Chance gegeben hatte, in diesen Bereich rein­zu­schnup­pern. In den ersten Jahren war ich eher der Assis­tent. Ich war mit dabei und konnte viele Erfah­rungs­werte sam­meln. Das waren wich­tige Lehrjahre.

Wann wurde Ihnen die dra­ma­ti­sche Finanz­si­tua­tion des BVB bewusst?
Am Anfang hat mir tat­säch­lich der Über­blick gefehlt. Ich weiß nicht, ob ich der ein­zige war, dem es so ergangen ist. Dass es immer mal klemmte, habe ich natür­lich mit­be­kommen. Dass die Lage aber so dra­ma­tisch und exis­tenz­be­droh­lich war, habe ich erst erfahren, als es keinen Weg zurück gab.

Hatten Sie zwi­schen­durch die Befürch­tung, den Verein zu Grabe tragen zu müssen?
Ich hatte das Gefühl, dass ich es nicht mehr selbst in der Hand hatte. Wir waren von anderen Fak­toren, von Gesell­schaften und Banken abhängig. Das war kein gutes Gefühl. Danach haben wir uns auf die Fahnen geschrieben, dass dieser groß­ar­tige Klub nie wieder in eine solche Situa­tion kommen sollte. Gott sei Dank sind wir heute sehr weit davon ent­fernt. Heute sind wir sehr solide auf­ge­stellt, so gut wie noch nie in der Geschichte.

War es nach dem Abgang von Gerd Nie­baum und Michael Meier nicht eine sehr undank­bare Auf­gabe, mitten in der Krise mehr Ver­ant­wor­tung zu über­nehmen?
Hans-Joa­chim Watzke hat mir sehr den Rücken gestärkt. Ich war nicht unum­stritten und hatte das Gefühl, als ob ich auf Bewäh­rung arbeiten würde. Da ich immer nur Ein­jah­res­ver­träge hatte, hätte man mich gar nicht raus­schmeißen müssen. Glück­li­cher­weise haben wir in diesem Zeit­raum viele rich­tige Ent­schei­dungen getroffen, auch wenn die Rück­kehr des BVB für den äußeren Betrachter viel­leicht ein biss­chen zu langsam von­statten ging. Aber anders war es schwer mög­lich, weil wir das Budget inner­halb von zwei Jahren hal­biert haben.

Wie bewerten Sie Ihre Arbeit in dieser Phase?
Dem sport­li­chen Anspruch gerecht zu werden, war ein Draht­seilakt. Den hat man nicht immer per­fekt bewäl­tigt, weil wir auch mal bei der Trai­ner­frage oder dem einen oder anderen Spieler falsch lagen. Aber vieles geschah auch aus wirt­schaft­li­chen Zwängen heraus.

Hat Sie die Kritik an Ihrer Person geschmerzt?
Ja, natür­lich. Im Pro­fi­be­reich muss man damit umgehen können, dass man von außen bewertet wird. Aber es wurden auch oft Sachen unter der Gür­tel­linie aus­ge­tragen, um mir per­sön­lich zu schaden. Ich hatte den Ehr­geiz, zu zeigen: Das ist mein Klub und ich will ver­su­chen, die Dinge richtig zu stellen.“ Gott sei Dank hat man mir die Gele­gen­heit gegeben.

Gab es trotzdem bei Ihnen den Gedanken, alles hin­zu­schmeißen?
Ja. Das war, als die Anfein­dungen immer mas­siver wurden und auch per­sön­lich wurden. Aber mein Ehr­geiz hat deut­lich überwogen.

Kam es Ihnen gelegen, dass Sie mit der Ver­pflich­tung von Jürgen Klopp 2008 ein wenig aus der Öffent­lich­keit zurück­treten konnten?
Das ent­spricht dem Natu­rell und dem Rol­len­ver­ständnis der han­delnden Per­sonen. Aber vor allem ist es ein­fa­cher und besser, eine Kon­stante zu haben, als wenn man jedes Jahr einen neuen Trainer vor­stellen muss. Ich bin über­zeugt, dass es für Borussia Dort­mund keinen bes­seren Trainer auf dieser Welt gibt.

Wie würden Sie die Deut­sche Meis­ter­schaft 2011 im Ver­gleich zu Ihren anderen bewerten?
Wenn ich ein biss­chen auf die Kacke hauen wollte, würde ich sagen: Das ist die größte Leis­tung, die in diesem Klub erbracht worden ist – zumin­dest, soweit ich das pro­fund bewerten kann. Unser Finanz­rahmen war eher für Platz acht aus­ge­richtet. Was Mann­schaft und Trainer in dieser Saison geleistet haben, war sen­sa­tio­nell. Wir werden erst in einigen Jahren so richtig merken, was da abge­gangen ist. Nach diesem Titel herrschte wieder so eine ursprüng­liche Euphorie, wie man sie 1989 erlebt hat.

Mit der Euphorie ist auch die Erwar­tungs­hal­tung gestiegen.
Wir sind dafür da, die Dinge richtig ein­zu­ordnen und sie ent­spre­chend nach draußen zu trans­por­tieren. Jeder, der sich ernst­haft mit Borussia Dort­mund beschäf­tigt, weiß, dass die beiden Meis­ter­schaften her­aus­ra­gende Erfolge waren – und keine Nor­ma­lität. Nie­mand erwartet von uns, dass diese Erfolge 1:1 wie­der­holt werden. Schließ­lich gibt es auf dieser Welt auch noch Bayern Mün­chen mit ganz anderen finan­zi­ellen Mög­lich­keiten. Und außerdem mussten auch wir den Umgang mit dem Erfolg lernen.

Sind Sie eigent­lich stolz darauf, ein BVB-Urge­stein zu sein?
Auf die Kon­ti­nuität schon. Aber ich hatte es nicht immer selbst in der Hand, weil ich von anderen Men­schen abhängig war. Wenn man so lange für den Verein arbeitet, zeigt es zumin­dest, dass man kein linker Hund und auch nicht ganz auf den Kopf gefallen ist.

Können Sie sich über­haupt vor­stellen, für einen anderen Klub zu arbeiten?
Momentan nicht. Aber viel­leicht kommt irgend­wann der Tag, an dem man mir sagt: Dich wollen wir hier nicht mehr.“ Dann müsste ich mir Gedanken machen. Aber der­zeit habe ich keine Ambi­tionen, etwas anderes zu machen. Und inzwi­schen läuft mein Ver­trag sogar bis 2016. Da kann man län­ger­fristig planen.