Für den vor­läu­figen EM-Kader nomi­niert zu werden, ist für jeden Spieler eine tolle Sache. Noch viel besser ist es, unter den finalen 23 zu sein. Vier Mann schafften den Sprung in Joa­chim Löws Elite nicht: Cacau, Sven Bender, Julian Draxler und Marc-André ter Stegen erwischte es kurz vor ultimo. Beson­ders bitter erschien dies für ter Stegen. Erst seine unglück­liche Leis­tung beim 3:5 gegen die Schweiz, dann das vor­zei­tige EM-Aus. Schwie­rige Tage für den 19-jäh­rigen Keeper von Borussia Mön­chen­glad­bach. Jetzt ist er ein biss­chen geknickt, aber wir werden ihn wieder auf­bauen. Ich bin über­zeugt, dass er das weg­ste­cken wird“, ver­si­cherte Löw. Fraglos hat ter Stegen dank seiner Qua­li­täten eine her­vor­ra­gende Zukunft vor sich. Fraglos wird ihn das zu diesem Zeit­punkt wenig inter­es­siert haben. Doch viel­leicht wird der Ärger schnell ver­rau­chen. Denn die Frage stellt sich, ob die Posi­tion des dritten Tor­hü­ters für einen Stamm­tor­wart eines Bun­des­li­gisten über­haupt eine loh­nende ist. Wochen­langes Trai­ning, ohne auch nur den Hauch einer Chance auf wenigs­tens ein paar Spiel­mi­nuten zu haben.

Damit ein dritter Tor­wart zum Ein­satz kommt, müssen eigent­lich schon alle Dämme bre­chen. Bei Jörg Butt taten sie es. Er genoss bei der WM 2010 das Pri­vileg, im Spiel um Platz drei gegen Uru­guay im Tor zu stehen. Bun­des­trainer Joa­chim Löw ging das letzte WM-Spiel im Chill-out-Modus an und gleich­zeitig ent­zün­deten sich die Schleim­beutel von der eigent­li­chen Nummer Zwei, Tim Wiese. Für Jörg Butt war es nicht die erste Erfah­rung als aller­al­ler­letzter Mann im Kader. Bereits bei der EM 2000 und WM 2002 über­nahm er diese Rolle, damals noch als Jung­spund, 2010 als erfah­rener Back-Up. Über­haupt ist die Liste der dritten Männer der ver­gan­genen zwei Jahr­zehnte pro­mi­nent bestückt: der loyale Andreas Köpke, Kum­peltyp Oliver Reck, der ego­zen­trisch ver­an­lagte Jens Leh­mann, Schwie­ger­mut­ters Lieb­ling Timo Hil­de­brand, ja, sogar der vul­ka­ni­sche Oliver Kahn. Bei dieser bunte Mischung wird schnell klar: den typi­schen dritten Mann gibt es nicht. Zumin­dest vom Cha­rakter her.

Die Ten­denz beim Alter geht klar zum jungen Talent, dass auf aller­höchsten Niveau erste Erfah­rungen sam­meln soll. Auch Kahn und Co. lernten so die Natio­nal­mann­schaft und die Abläufe bei Tur­nieren kennen. Timo Hil­de­brand findet diese Mög­lich­keit am sinn­vollsten: Es kommt natür­lich immer auf die Situa­tion an. 2010 Jörg Butt mit­zu­nehmen war die rich­tige Ent­schei­dung, da Rene Adler sich ver­letzte und plötz­lich ein Platz offen war. Da brauchte man einen erfah­renen Mann mit Qua­lität für den Not­fall, denn für Manuel Neuer und Tim Wiese war es das erste große Tur­nier. Aber grund­sätz­lich halte ich einen jün­geren Tor­hüter für besser. “ Ironie der Geschichte ist, dass Hil­de­brand selbst Opfer dieser Vari­ante wurde. Bei der EM 2008 ließ Joa­chim Löw Hil­de­brand völlig über­ra­schend zu Hause, der zu dem Zeit­punkt end­lich einen Satz nach vorne auf die Posi­tion zwei gemacht hatte. Dafür nomi­nierte der Bun­des­trainer den jungen und län­der­spiel­losen René Adler, Robert Enke rückte auf Posi­tion zwei hinter Jens Leh­mann vor.

Wiss­be­gierig und lern­fähig sollen die dritten Tor­hüter sein, aus­ge­stattet mit aus­ge­prägtem Ehr­geiz, obwohl dieser mit ziem­li­cher Sicher­heit nicht belohnt wird. Aller­dings darf es der dritte Mann damit auch nicht über­treiben, denn zwei Sachen sind ent­schei­dend für die Nomi­nie­rung: Ers­tens muss er in der Lage sein, die Reser­vis­ten­rolle richtig ein­zu­schätzen. Wäh­rend des Tur­niers plötz­lich Ansprüche zu stellen oder sich im Trai­ning hängen zu lassen, die Tor­wart­kol­legen even­tuell sogar verbal zu atta­ckieren ist dem dritten Mann ver­boten. Im Gegen­teil, das Pushen und Unter­stützen der Nummer Eins und Nummer Zwei ist die Haupt­auf­gabe. Zwei­tens darf er die Stim­mung im Team nicht ver­ha­geln. Mit einem Gesicht wie drei Tage Regen durch das Mann­schafts­quar­tier zu laufen sollte ver­mieden werden. Gute Miene zum bösen Spiel. Das ist das Schicksal eines dritten Keepers.

Rudi Völler 2004 und Jürgen Klins­mann 2006 sahen Timo Hil­de­brand prä­de­sti­niert für diesen Part. An einem Oliver Kahn oder Jens Leh­mann vor­bei­kommen? Undenkbar. Die Rollen waren klar ver­teilt, da musste ich mich nicht son­der­lich drauf vor­be­reiten. Ich war ein­fach froh, bei beiden Tur­nieren dabei zu sein“, blickt Hil­de­brand zufrieden zurück. Ähn­lich erging es Oliver Reck bei der EM 1996. Er war die letzte Nummer Drei, die einen Titel mit nach Hause nehmen durfte. Gegen Andreas Köpke und Oliver Kahn ohne Chance, kon­zen­trierte sich der dama­lige Bremen darauf, das Knud­del­ge­fühl inner­halb der Mann­schaft auf­recht­zu­er­halten: Es gab zwei Cli­quen, die Bayern und die Dort­munder. Ich habe das Ganze ein biss­chen ent­zerrt und so meinen Teil zum Gewinn der Euro­pa­meis­ter­schaft bei­getragen.“ Und bei­nahe wäre Reck sogar noch zu seinem Ein­satz gekommen – als Stürmer. Vor dem Halb­fi­nale gegen Eng­land gingen dem deut­schen Team die Spieler aus. 19 hatte man dabei, sechs waren ver­letzt oder ange­schlagen. Kapitän Jürgen Kohler war da schon gar nicht mehr in Eng­land, weil er sich im ersten Spiel gegen Tsche­chien das Knie ver­letzt hatte. Also ent­wi­ckelte Bun­des­trainer Berti Vogts ernst­hafte Gedan­ken­spiele, Oliver Kahn und Oliver Reck auf das Feld zu schi­cken. Im Trai­ning kickte Reck zeit­weilig schon draußen mit. Glück­li­cher­weise kam es für alle Betei­ligten dann doch nicht so weit. Die Spieler wurden recht­zeitig fit. Für das anschlie­ßende Finale nomi­nierte Vogts Jens Todt vom SC Frei­burg nach.

Oliver Reck fühlt sich als Titel­träger. Anders geht es Andreas Köpke. Der heu­tige Tor­wart­trainer der DFB-Elf war beim WM-Tri­umph 1990 als dritter Mann dabei: Als rich­tiger Welt­meister fühle ich mich nicht. Ich habe ja keine Minute gespielt.“ Den­noch sieht er die Zeit in Ita­lien positiv: Die Erfah­rung, bei der WM 1990 dabei zu sein, war für meine Ent­wick­lung und meine Kar­riere die wich­tigste über­haupt.“ Wes­halb Köpke die Posi­tion des dritten Tor­hü­ters auch heute als Aus­zeich­nung und nach­haltig für den zukünf­tigen Weg junger Tor­hüter ansieht. Außerdem habe die heu­tigen Keeper ja noch Glück, denn inzwi­schen dürfen beide Ersatz­tor­hüter auf der Bank sitzen. Somit gebe es für den Trainer durchaus die Option, im Wech­sel­fall auch den dritten Mann zu bringen. Des­wei­teren erleben die Keeper das Spiel viel inten­siver, sind in die Spiel­vor­be­rei­tung mit ein­ge­schlossen und habe dadruch ein wesent­lich grö­ßeres Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl. Zuvor durfte der dritte Tor­wart nur in Zivil bei seinen Kame­raden auf der Bank ver­weilen und sah eigent­lich aus wie ein Zeug­wart: Das war damals noch eine Drei-Klas­sen­ge­sell­schaft. Damals brauch­test du schon einen ver­ständ­nis­vollen Trainer, um wenigs­tens mal in Tor­wart­klei­dung am Rand zu sitzen. Ich hatte bei der WM 1990 Glück, saß zwi­schen­durch auch als Nummer zwei auf der Bank, weil Rai­mond Aumann und ich uns abge­wech­selt haben. Franz Becken­bauer belohnte uns für unsere tollen Trainingsleistungen.“

Marc-André ter Stegen hätte sich wohl auch auf im feinsten Zwirn auf die Bank gesetzt. Es bleibt dem Glad­ba­cher ver­wehrt. Gegen Ron-Robert Zieler von Han­nover 96 zog er den Kür­zeren. Der Han­no­ve­raner passt eben­falls per­fekt auf die dritten Posi­tion, mit 23 Jahren ist er noch jung. Zudem hatte er gegen­über ter Stegen den Vor­teil, sich bereits seit seinem Debüt im August 2011 in der Natio­nalelf anzu­bieten. Dem­entspre­chend froh zeigte sich 96-Chef Martin Kind: Wir sind stolz auf Ron-Robert Zieler, aber auch für 96 ist das eine tolle Sache.“ Das Duell ter Stegen-Zieler zeigt schon jetzt, wie unglaub­lich schwer es ist, als Tor­wart zumin­dest in den Kader von Joa­chim Löw zu kommen. In Deutsch­land wim­melt es nur so von Tor­wart­ta­lenten, die alle das Poten­tial und das Alter haben, die Posi­tion des dritten Tor­hü­ters aus­zu­füllen. Der Kampf um den letzten Posten im Kader wird in Zukunft noch härter werden.