Patrik Andersson, im Vor­feld des Cham­pions-League-Finals treffen Sie im Rahmen des„Ultimate Cham­pions Match“ am Samstag im Münchner Olym­pia­sta­dion auf viele ehe­ma­lige Welt­stars. Unter anderem werden Sie es mit Ihrem Ex-Team­kol­legen Gio­vane Elber als Gegen­spieler zu tun bekommen. Sind Sie fit?
Patrik Andersson: Ich betreue 23 Fuß­bal­laka­de­mien in Schweden, bin Mit­in­haber einer Invest­ment­firma, die mit Aktien und Immo­bi­lien han­delt, und eines Rei­se­un­ter­neh­mens, das Fuß­ball­reisen anbietet. Da bleibt leider wenig Zeit, um selbst Fuß­ball zu spielen. Aber es geht ja nicht darum, wer das Spiel im Olym­pia­sta­dion gewinnt. Das Match im Rahmen des Cham­pions League Fes­ti­vals ist für die Zuschauer, die Kinder und die Jugendlichen.

Sie werden für das World All Star-Team auf­laufen, warum nicht im Dress ihres Ex-Klubs, dem FC Bayern?
Patrik Andersson: Ich bin Cham­pions League-Bot­schafter und habe im ver­gan­genen Jahr vor dem Finale in London auch schon für das World All Star Team gespielt, damals im Hyde Park. Aber es ist schön, ehe­ma­lige Team­kol­legen wieder zu treffen. Und ich freue mich enorm auf das Finale Bayern gegen Chelsea in der Allianz Arena. Ich war erst einmal in der Allianz-Arena. Das war 2006 wäh­rend der Welt­meis­ter­schaft. Irgendwie hat sich das danach nicht mehr ergeben.

Dafür sind Sie umso häu­figer in Bar­ce­lona im Camp Nou.
Patrik Andersson: Mein Rei­se­un­ter­nehmen hat einen Ver­trag mit dem FC Bar­ce­lona. Wir haben für jedes Heim­spiel 120 Karten. Und da bin ich öfter mal dabei.

Zum FC Bayern zieht es Ihre Kunden nicht?
Patrik Andersson: Wenn jemand nach Mün­chen ins Sta­dion will, dann orga­ni­sieren wir das natür­lich. Aber das kommt nur ver­ein­zelt vor. Die Bun­des­liga ist sicher sehr stark und aus­ge­gli­chen, das inter­na­tio­nale Ansehen steigt. Aber es fehlen ganz ein­fach die abso­luten Spit­zen­spieler. Zudem wird im schwe­di­schen Fern­sehen kaum Bun­des­li­ga­fuß­ball gezeigt, im Gegen­satz zur spa­ni­schen Pri­mera Divi­sion und der eng­li­schen Pre­mier League. Wobei der eng­li­sche Fuß­ball ganz sicher schwä­cher geworden ist. Am deut­lichsten sieht man das an Man­chester United. Zuerst das Aus in der Cham­pions League und dann auch gleich noch das Schei­tern in der Europa League. Aber die Eng­länder selbst glauben immer noch, dass Sie die Größten sind. Das liegt viel­leicht auch daran, dass keine eng­li­schen Spieler ins Aus­land gehen und man des­halb nicht über den eigenen Tel­ler­rand hinaussieht.

Immerhin hat sich Chelsea als eng­li­scher Ver­treter ins Cham­pions League-Finale gemauert“. Haben Sie arg gelitten, als Ihr Ex-Klub Bar­ce­lona mit seinem Sturm­lauf an Chel­seas Ver­tei­di­gungs­ring geschei­tert ist?
Patrik Andersson: Ich war auf einer Geschäfts­reise und habe das Rück­spiel nicht gesehen. Aber Bar­ce­lona hat ja schon beim Hin­spiel in London so viele Tor­chancen ver­bal­lert. Ein Finale Bayern gegen Bar­ce­lona wäre klasse gewesen. Trotzdem darf man Chelsea nicht unterschätzen.

Was zeichnet die Mann­schaft aus?
Patrik Andersson: Chelsea hat seine Stärken ganz klar im tak­ti­schen Bereich und ist bei Stan­dards sehr gefähr­lich. Ich glaube aber nicht, dass sich Chelsea wieder so defensiv prä­sen­tieren wird wie gegen Bar­ce­lona. Den­noch wird es für die Bayern schwer werden, weil sie immer am besten sind, wenn das Spiel offen ist, und sie sich sonst schwer tun, den rich­tigen Schlüssel zu finden. Chelsea wird den Bayern nicht den Gefallen tun, Chancen für Konter zuzu­lassen. Und dann habe ich eben auch noch ein biss­chen Angst vor den Standards.

Was löst das 2:5‑Debakel im Pokal­fi­nale gegen Dort­mund in den Köpfen der Spieler aus: Trotz­re­ak­tion oder Ver­un­si­che­rung?
Patrik Andersson: Es wird eine Trotz­re­ak­tion geben. Der FC Bayern ist immer am stärksten, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht. Aber am Ende ist ein­fach die Tages­form ausschlaggebend.

2001 war die Situa­tion eine ganz andere. Sie reisten mit Ihrem Team als frisch­ge­kürter deut­scher Meister zum Cham­pions League-Finale nach Mai­land, nach einem irr­sin­nigen letzten Spieltag, das mit ihrem Last-Minute-Treffer ein unglaub­li­ches Ende fand. Fiel es nicht schwer, sich nach dem ner­ven­auf­rei­benden Bun­des­li­ga­fi­nale auf die Partie gegen Valencia zu konzentrieren?

Patrik Andersson: Nein. Wir hatten am Samstag nach dem Spiel gegen den HSV noch eine län­gere Sit­zung im See­haus im Eng­li­schen Garten. Aber das lief sehr dis­zi­pli­niert ab. Alle waren im Kopf schon beim Spiel am Mitt­woch in Mailand.

Wann haben Sie das letzte Mal Ihren Frei­stoß zum 1:1 in Ham­burg gesehen?
Patrik Andersson: Das war im April vor dem Cla­sico in Bar­ce­lona, als ich bei einem Inter­view dazu etwas sagen musste.

War das, was sich in der Nach­spiel­zeit in Ham­burg ereig­nete, der größte Augen­blick in Ihrer Pro­fi­kar­riere?
Patrik Andersson: Weiß ich nicht. Als Moment sicher, auch wenn es andere Erfolge gab, vor allem den Gewinn der Cham­pions League. In dem Moment, in dem ich zum 1:1 traf, brach ein­fach alles zusammen, wir Spieler, die Trainer, die Zuschauer. Dazu die Reak­tionen in Gel­sen­kir­chen. In diesem Augen­blick explo­dierte alles. Aber irgendwie hast du als Spieler gar nicht die Zeit, das richtig zu genießen. Nach dem Spiel in Ham­burg mussten wir gleich den Fokus voll auf das End­spiel in der Cham­pions League richten. Und zwei Tage nach dem Finale in Mai­land war ich schon wieder mit der schwe­di­schen Natio­nal­mann­schaft bei Qua­li­fi­ka­ti­ons­spielen unterwegs.

Was bleibt, sind die Erin­ne­rungen.
Patrik Andersson: Ja, das stimmt. Jedes Mal wenn ich heute vor dem Fern­seher oder im Sta­dion sitze und die Cham­pions League-Hymne höre, bekomme ich eine Gän­se­haut und denke an das Finale von 2001. Dann ist alles wieder präsent.

Dabei wären Sie damals, nur vier Tage nach ihrem umju­belten Treffer gegen den HSV, bei­nahe zu einer tra­gi­schen Figur des Finales von 2001 geworden. Sie schei­terten im Elf­me­ter­schießen an Cani­zares.
Patrik Andersson: Zum Glück hatten wir Oliver Kahn in der Mann­schaft. Der hielt drei Elf­meter. Aber hätte der Scholli in der regu­lären Spiel­zeit den Straf­stoß rein­ge­macht, wäre es nach 90 Minuten 2:1 für uns gestanden und es hätte gar kein Elf­me­ter­schießen gegeben. Man kann also nicht eine ein­zelne Szene herausnehmen.

Das Finale 2001 begann furios mit dem 1:0 für Valencia nach fünf Minuten, ein Elf­meter. Wenig später ver­schoss Scholl einen Straf­stoß, ehe Stefan Effen­berg in der 50. Minute vom Elf­me­ter­punkt zum 1:1 ver­wan­delte. Danach gab es kaum noch Höhe­punkt. Aus dem Spiel heraus ist kein Tor gefallen.
Patrick Andersson: Valen­cias Trainer Hector Cuper hatte seine Mann­schaft tak­tisch bes­tens ein­ge­stellt. Nach dem Füh­rungs­treffer machte Valencia noch extremer zu. Daher war es ganz schwer, Tor­chancen her­aus­zu­spielen. Aber am Ende haben wir doch noch den Cham­pions League-Titel geholt – ver­dien­ter­maßen. Wir hatten zuerst im Vier­tel­fi­nale gegen Man­chester United und dann auch noch im Halb­fi­nale gegen Real jeweils Hin- und Rück­spiel gewonnen. Das muss man erst einmal schaffen.

Nach Ende Ihrer Kar­riere waren Sie als Scout für Man­chester United im Ein­satz.
Patrik Andersson: Ich hatte einen Ein­jah­res­ver­trag und beob­ach­tete das erste halbe Jahr für Man United in der ganzen Welt Tor­hüter. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Danach habe ich mich nach Spie­lern im skan­di­na­vi­schen Raum umge­sehen. Aber das Niveau ist dort nicht sehr hoch. Die schwe­di­sche Liga bei­spiels­weise ist die Nummer 30 in Europa. Das Pro­blem ist, dass unsere Nach­wuchs­spieler zu früh ins Aus­land wech­seln, wo es mehr Geld zu ver­dienen gibt. Es würde ihnen sehr gut tun, in der hei­mi­schen Liga noch an sich zu arbeiten und Erfah­rung zu sam­meln. Aber schon als Jugend­liche sehen sie sich im Internet und Fern­sehen nur noch Spiele der euro­päi­schen Top­ligen an und sind dann in Gedanken schon raus aus Schweden. Dazu kommt, dass die Berater schnelles Geld machen wollen. Martin Dahlin ist auch Spie­ler­be­rater, aber der macht das sehr gut. Den treffe ich öfter.

Haben Sie noch Kon­takt zu ehe­ma­ligen Team­kol­legen, auch aus Glad­ba­cher und Münchner Zeiten?
Patrik Andersson: Kaum. Weil ich viel unter­wegs bin, ist es ja schon schwierig, genü­gend Zeit für die engsten Freunde zu finden. Den Scholli habe ich ein paar Mal getroffen, zuletzt in Glad­bach im Sta­dion. Und am Samstag werde ich sicher auch Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rum­me­nigge sehen. Darauf freue ich mich.