Ich bin Fuß­baller. Kein Mafia-Boss und auch kein umstrit­tener Poli­tiker. Ich bin es nicht gewohnt, dass mir jemand droht, mich umzubringen.

Doch genau das ist mir im August 1980 pas­siert. Am 3. Spieltag der Saison 1980/81 emp­fingen wir mit Bayer Lever­kusen Ein­tracht Frank­furt. Samstag, 15.30 Uhr, Bun­des­li­ga­zeit. Als Ver­tei­diger galt mein Augen­merk natür­lich dem besten Mann bei der Ein­tracht: Bum-kun Cha. Ein Süd­ko­reaner, groß und stark wie ein Baum. Ihn galt es zu stoppen.

Eine gute Vier­tel­stunde war gespielt, da pas­sierte es. Ein Zwei­kampf wie tau­send andere, die ich bis­lang in meiner Kar­riere geführt hatte. Nur mit ganz anderen Folgen. Cha wollte an mir vorbei, ich grätschte zum Ball, traf seinen Fuß, er stürzte. Ein Foul. Doch bei der Lan­dung auf dem Rasen lan­dete mein Gegen­spieler so unglück­lich auf dem Rücken, dass er ver­letzt aus­ge­wech­selt werden musste. Schieds­richter Klaus Ohmsen zeigte mir die gelbe Karte, das Spiel ging weiter. Wir gewannen schließ­lich mit 3:2, doch schon kurze Zeit nach dem Spiel war das Ergebnis nur noch zweitrangig.

Bum-kun Cha, so hieß es, sei bereits auf dem Weg ins Kran­ken­haus. Angeb­lich habe er sich bei meinem Tack­ling so schwer ver­letzt, dass nicht klar sei, ob er jemals wieder würde Fuß­ball spielen können. Ich ver­stand die Welt nicht mehr, so schlimm hatte ich ihn doch nicht berührt. Doch die Jour­na­listen waren bereits auf­ge­scheucht wie ein Käfig voller Hühner. Der Stür­mer­star aus Asien, ins Kran­ken­haus getreten von Jürgen Gels­dorf! Und damit nicht genug: Frank­furts Trainer Lothar Buch­mann stellte sich vor die Presse und behaup­tete allen Ernstes, er habe Stol­len­ab­drücke auf dem Rücken seines Spie­lers gesehen! Die Bombe war explo­diert und die Schäden nicht mehr beheben. Jetzt war ich der bru­tale Treter, der Bum-kun Cha rück­sichtslos in die Wir­bel­säule gegrätscht war! Eine schlimme Lüge, die mein Leben ver­än­dern sollte.

Einen Tag später sen­dete die ZDF-Sport­re­por­tage einen Bericht von unserem Spiel gegen Frank­furt. Der Bei­trag begann mit fol­genden Worten: Meine Damen und Herren, wir zeigen ihnen jetzt das bru­tale Aus­scheiden des korea­ni­schen Stür­mer­stars Bum-kun Cha.“ Dann sah man meine Grät­sche. Ein nor­males Tack­ling, keine Anzei­chen dafür, dass ich Cha in den Rücken getreten hatte. Die Bild“-Zeitung ver­öf­fent­lichte einen Artikel über den Vor­fall, illus­triert war die Seite mit der Zeich­nung einer Wir­bel­säule, die angeb­li­chen Schäden, aus­ge­löst durch mein Foul, waren deut­lich mar­kiert. Cha selbst lag im Kran­ken­haus und hatte schlimme Schmerzen, eine genaue Dia­gnose, so erfuhr ich später, gab es zu diesem Zeit­punkt noch gar nicht. Und weil er noch nicht gut genug deutsch sprach, hatte er auch keine Mög­lich­keit, die schlimmen Vor­würfe gegen mich zu ent­kräften. Eine fatale Situation.

Gezeichnet: Das Mord­kom­mando Bum-kun Cha!

Die ersten Mord­dro­hungen trafen bereits am Sonntag ein, mit Beginn der neuen Woche wurden es immer mehr. Hun­derte, so erzählte man mir später, gingen in dieser Zeit auf der Geschäfts­stelle von Bayer Lever­kusen ein. In einem Droh­brief hieß es: In einer halben Stunde legen wir den Gels­dorf um! Gezeichnet: Das Mord­kom­mando Bum-kun Cha“ Besorgte Eltern aus Frank­furt riefen bei der Polizei in Lever­kusen an und sagten, dass ihre Söhne über­stürzt nach Lever­kusen auf­ge­bro­chen seien, um noch was zu erle­digen“. Für ein Foul in einem Fuß­ball­spiel wollten mich manche Fans“ lyn­chen! Wer soll so etwas verstehen?

Gleich nachdem die ersten Dro­hungen ein­ge­gangen waren, erhielt ich Per­so­nen­schutz. Vor unserem Haus stand plötz­lich ein Poli­zei­wagen, ich selbst wurde vor der Tür von den Beamten abge­holt und zum Trai­ning gefahren. Weil ich in Oden­thal wohnte, brachte mich die Polizei aus Ber­gisch-Glad­bach bis zur Kreis­grenze, dort stieg ich um in einen Strei­fen­wagen der Lever­ku­sener Polizei. Beim Trai­ning standen die Poli­zisten an der Sei­ten­linie. Ein voll­kommen absurdes Szenario.

Meine Mit­spieler über­nach­teten bei mir: Wir lassen dich nicht allein.“

Natür­lich hatte ich Angst. Vor allem um meine Frau, die noch viel weniger begriff, welche Maschi­nerie sich da in Gang gesetzt hatte. Meine Mit­spieler Nor­bert Ziegler und Dietmar Demuth tauchten in den ersten, beson­ders schlimmen Tagen bei mir auf, sie sagten: Junge, wir lassen dich jetzt nicht alleine.“ Was für eine Geste! Wir spra­chen stun­den­lang über dieses Spiel, die Szene und die ganzen Wahn­sin­nigen, die offenbar dort draußen herum liefen. 

So sehr mir die Kol­legen auch Mut zuspra­chen: Ich war völlig fix und fertig, richtig para­ly­siert. Wie hatte es so weit kommen können? Was sollte ich denn jetzt machen? Mit dem Fuß­ball­spielen auf­hören? Viel­leicht war das die beste Lösung. Was hatte es denn noch für einen Sinn, einen Job aus­zu­üben, wegen dem ich Mord­dro­hungen bekam?

Jemand drohte, mich vom Tri­bü­nen­dach zu erschießen

Die ganze Woche rissen die Dro­hungen nicht ab. Ein Ver­rückter erklärte, er werde mich beim nächsten Spiel gegen Borussia Mön­chen­glad­bach vom Tri­bü­nen­dach des Bökel­berg-Sta­dions erschießen. Jürgen“, sagte meine Freunde und Mit­spieler, fahr doch ein­fach für ein paar Tage weg. Lass den ganzen Mist hinter Dir!“ Mein Trainer Wil­li­bald Kremer riet mir, nicht mit zum Spiel nach Mön­chen­glad­bach zu fahren. Doch das wollte ich alles nicht. Ich wollte Fuß­ball spielen! Klein bei­zu­geben, vor der Gefahr zu fliehen, das wollte ich diesen Idioten nicht gönnen. Schließ­lich hatte ich mir nichts zu Schulden kommen lassen. Schuld war Frank­furts Trainer Lothar Buch­mann, der mit seiner Falsch­aus­sage die Medi­en­hetze erst in Gang gebracht hatte. Gegen Borussia Mön­chen­glad­bach wollte ich auf dem Platz stehen und allen zeigen: Ihr kriegt mich nicht klein!

Die Stim­mung auf der Fahrt zum Spiel war gespens­tisch. Neben mir im Mann­schaftsbus saß ein Per­so­nen­schützer, den Revolver im Anschlag. Die Sicher­heits­vor­keh­rungen im Sta­dion wurden erhöht. Ich spielte, nichts pas­sierte und wir ver­loren mit 0:1. Die Medien hatten inzwi­schen ein­ge­sehen, wel­chen Stein sie da ins Rollen gebracht hatten. Nach und nach nahmen sie ihre Berichte zurück und nach wenigen Wochen war auch Bum-kun Cha, der Mann, den ich angeb­lich zum Krüppel gemacht hatte, wieder voll einsatzfähig.

Vier Wochen lang erhielt ich Per­so­nen­schutz 

Doch es dau­erte lange, bis dieser Alp­traum vorbei war. Fast vier Wochen lang erhielt ich Per­so­nen­schutz, dann durfte ich end­lich wieder ohne Beglei­tung aus der Haustür gehen. 

Knapp drei Jahre später wurde in Lever­kusen ein neuer Spieler vor­ge­stellt. Sein Name: Bum-kun Cha. Als wir uns sahen, mussten wir lachen. So ver­rückt ist nur das Leben. Wir umarmten uns, jetzt würden wir gemeinsam Fuß­ball spielen. In den Monaten danach lernten wir uns immer besser kennen, luden uns gegen­seitig nach Hause zum Essen ein – und wurden Freunde. Fast schon kit­schig, wie sich diese Bezie­hung ent­wi­ckelt hatte. Bum-kun selbst sagt dazu immer: Das hat der liebe Gott so geregelt.“

Wenn wir uns sehen, dann finden Bum-kun und ich immer ein Gesprächs­thema, häufig dis­ku­tieren wir natür­lich über Fuß­ball, aber auch über den Glauben. Doch bis heute haben wir nie über die Szene vom 23. August 1980 gesprochen.

Mir ergeht es heute wie Frank Mill 

Der ganze Hass von damals ist für mich längst Ver­gan­gen­heit. Zwar spre­chen mich noch heute Men­schen auf diese Sache an, da ergeht es mir nicht anders als Frank Mill, der immer noch an seinen berühmten Fehl­schuss erin­nert wird. Aber das macht mir nicht mehr viel aus. 

Ich hoffe nur, dass so etwas nie wieder pas­siert. Selbst meinem schlimmsten Feind würde ich so eine Situa­tion, wie ich sie damals erlebt habe, nicht wün­schen. Dagegen kann man sich nicht wehren, wenn die Hetz­jagd erst mal los geht, bist du chan­cenlos. Ein dummes Inter­view ist schnell gegeben, ein fal­scher Bericht schnell geschrieben. Aber die Schäden bleiben eine halbe Ewigkeit.