Heinz Werner, Ihr Name ist im Westen der Repu­blik durchaus ein Begriff. Aller­dings eher aus der Zeit nach der Wende, als Sie mit Ewald Lienen beim MSV Duis­burg zusam­men­ge­ar­beitet haben.

Heinz Werner:
Ich habe dort zwei Jahre als Sport­di­rektor gear­beitet. Ewald Lienen hatte mich zunächst gefragt, ob ich sein Assis­tent werden wollte. Dafür war ich aber ein wenig zu stolz. Ich war schließ­lich über 20 Jahre Trainer in der DDR-Ober­liga gewesen.



Sie haben dann aber doch noch beim MSV ange­heuert.

Werner:
Nun, Ewald hat dar­aufhin gemeint, dass ich Sport­di­rektor werde. Das hat sich gut ange­hört, auch wenn ich zuerst nicht genau wusste, was ich über­haupt zu tun habe. Es war eine ordent­liche Zeit in Duis­burg. Ins­ge­samt war ich zwei Jahre dort. Am Ende klaffte die Phi­lo­so­phie der Ver­eins­füh­rung und meine eigene zu weit aus­ein­ander.

Bei Licht besehen, hatten sie noch Glück, als Ost-Trainer sofort eine Stelle zu bekommen. Ansonsten wurde ja viel abge­wi­ckelt. Die Ver­eine stürzten ins Boden­lose, Trainer waren benso wenig gefragt wie die Trai­nings­pro­gramme der DDR.


Werner: Das ist wahr. Nach der Wende stand man im Westen allem was aus der DDR kam mit Skepsis gegen­über. Aber wir hatten damals in der DDR erkannt, dass Talent­för­de­rung und gute Nach­wuchs­ar­beit die Basis für den natio­nalen Fuß­ball­be­trieb war. Beim Deut­schen Fuß­ball­bund war man nach dem Gewinn der Welt­meis­ter­schaft 1990 zu nach­lässig. Es kamen ja auch noch die guten Spieler aus dem Osten dazu, was sollte also pas­sieren.

Die DDR war im Junio­ren­be­reich deut­lich erfolg­rei­cher als die Aus­wahl­mann­schaften des DFB. Der Transfer der Talente in den Her­ren­be­reich funk­tio­nierte aber nicht so richtig.

Werner: Grund­sätz­lich muss man sehen, dass die DFB-Aus­wahl in den Qua­li­fi­ka­ti­ons­runden immer gegen Malta, Kreta oder Alba­nien gespielt hat. Die DDR hin­gegen spielte ständig gegen Ita­lien, Hol­land oder Schweden. Das waren die größten Mann­schaften in Europa und oft hing es nur am schlech­teren Tor­ver­hältnis, dass sich die DDR nicht qua­li­fi­zieren konnte.

Mit Ver­laub, machen Sie es sich da nicht ein biss­chen ein­fach?

Werner: Das war natür­lich über­spitzt dar­ge­stellt, aber die Qua­li­fi­ka­ti­ons­hürde lag für die DDR ein­fach höher. Dazu kam die inter­na­tio­nale Uner­fah­ren­heit. Wir haben zwar auch Spiele gegen pol­ni­sche Mann­schaften bestritten, aber es fanden keine Freund­schafts­spiele gegen ita­lie­ni­sche oder spa­ni­sche Mann­schaften statt. Dann waren eben die ersten Hürden im Euro­pa­pokal ein­fach zu hoch.

Erfolge wurden aber auch gefeiert.

Werner:
Natür­lich. Die Prin­zi­pien, nach denen damals in der DDR gear­beitet wurde, haben uns die Arbeit nicht gerade erleich­tert. Der Erfolg von Mag­de­burg im Euro­pa­pokal der Pokal­sieger ist also gar nicht hoch genug ein­zu­schätzen. Eine Bezirks­aus­wahl gewann den Euro­pa­pokal. Ich nenne mal ein Bei­spiel. Ich behaupte, dass Dynamo Dresden Ende der sech­ziger Jahre und Anfang der sieb­ziger Jahre eine euro­päi­sche Spit­zen­mann­schaft war. Auf einigen Posi­tionen war die Mann­schaft aller­dings aus­bau­fähig.

Warum geschah das nicht?

Werner: Ich erkläre Ihnen den Unter­schied: Bei Bayern Mün­chen muss Sepp Maier nach einem Auto­un­fall seine Kariere beenden. Was macht Bayern Mün­chen? Sie holen kurze Zeit später mit Jean-Marie Pfaff einen Welt­klasse-Ersatz­mann. In der DDR war es auf­grund der Bezirks­grenzen nicht mög­lich, den Spit­zen­tor­wart Croy von Zwi­ckau ins 130 Kilo­meter ent­fernte Dresden zu holen. Das muss man sich mal vor­stellen. Genauso wenig mög­lich war es, dass sich Dynamo durch Spieler aus der UdSSR, Polen oder der CSSR ver­stärken konnte. Viel­leicht hätte es dann anders aus­ge­sehen. Wir sind an unserem eigenen System geschei­tert.

Lag das viel­leicht auch daran, dass die besten Spieler in wenigen Ver­einen kon­zen­triert wurden und diese dann im Liga­be­trieb nicht gefor­dert wurden?

Werner: Wir hatten mit Jena, Dresden, Leipzig und Mag­de­burg vier Mann­schaften, die inter­na­tional mit­halten konnten. Viel­leicht haben Sie auch nicht ganz unrecht mit ihrer Argu­men­ta­tion, aber der Haupt­grund lag darin, dass Stamm­spieler die aus­ge­fallen sind, ein­fach nicht adäquat ersetzt werden konnten.

Andreas Thom, können Sie sich noch an Ihr erstes Spiel in der DDR-Ober­liga erin­nern?

Andreas Thom: Noch ziem­lich genau. Es war ein Heim­spiel gegen Carl-Zeiss Jena im Oktober 1983. Ich war gerade einmal 18 Jahre alt.

Sie galten als großes Talent. War Ihnen das zu diesem Zeit­punkt schon klar?


Thom:
Dass ich den Sprung in die Ober­liga schaffen kann, wurde mir erst so richtig bewusst, als ich in die erste Män­ner­mann­schaft von Dynamo Berlin gekommen bin. Dass ich Talent hatte, hatte ich natür­lich schon vorher gehört.

Die Spieler waren Ange­stellte der Volks­ei­genen Betriebe und erhielten ihr Gehalt von diesen Betrieben, galten des­halb als Ama­teure.

Werner: Es wurde großen Wert darauf gelegt, das die Spieler eine Berufs­aus­bil­dung absol­vieren, was ich sehr sinn­voll finde. Viele haben auch stu­diert. Jeden­falls wurden Spieler und Trainer von den Betrieben bezahlt, gear­beitet hat dort aber keiner. Die Mann­schaft war mit Fuß­ball voll beschäf­tigt.

Thom:
Ich zum Bei­spiel habe stu­diert. Einmal in der Woche ging es für einen ganzen Tag an die Uni. Als ich später das Angebot von Lever­kusen bekam, musste ich mich zwi­schen meinem Stu­dium und Pro­fi­fuß­ball ent­scheiden. Ich hätte auch von Lever­kusen aus das Stu­dium abschließen können, hätte aber einmal pro Woche an der Uni­ver­sität in Berlin auf­tau­chen müssen.

Hatte man die Mög­lich­keit im Laufe der sport­li­chen Kariere finan­ziell aus­zu­sorgen?

Thom: Nein, das war in der DDR-Ober­liga nicht mög­lich. Des­halb hatten alle Spieler eine Berufs­aus­bil­dung oder waren noch am stu­dieren. Wir haben zwar im Ver­hältnis gut ver­dient, aber man musste nach seiner Kariere defi­nitiv arbeiten gehen.

Also kann ein Spie­ler­ge­halt nicht son­der­lich hoch aus­ge­fallen sein.

Werner: Zu meiner Zeit in Ros­tock bekam unser bekann­tester Spieler, Joa­chim Streich, 750 Mark brutto, also genau 556 Mark auf die Hand. Das war in der Zeit um 1970. Da wurden die Fuß­ball­klubs nicht so mehr so behan­delt wie davor und auch danach. Das hat uns natür­lich zurück­ge­worfen. Ich kann nicht sagen, welche Summen bei Armee­klubs bezahlt wurden, aber die Fuß­ball­klubs wurden genau kon­trol­liert und keiner hat gewagt daran zu denken, auch nur eine Mark mehr zu nehmen, als zuge­lassen. Man wäre sofort ent­lassen worden. Joa­chim Streich ist dann später wegen 500 Mark, die Ros­tock nicht bezahlen wollte, nach Mag­de­burg gewech­selt.